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- Das Haidedorf - 6/7 -


Ausdauer da, der einzige lebhafte Feldbusch, das grüne Banner der Hoffnung; denn er bot freiwillig gerade heuer eine solche Fülle der größten blauen Beeren, so überschwenglich, wie sich keines Haidebewohners Gedächtniß, entsinnen konnte.--Eine plötzliche Hoffnung ging in Niklas Haupte auf, und er dachte als Richter mit den Aeltesten des Dorfes darüber zu rathen, wenn es nicht morgen oder übermorgen sich änderte. Er ging weit und breit und betrachtete die Ernte, die keiner gesäet, und auf die keiner gedacht, und er fand sie immer ergiebiger und reicher, sich, weiß Gott, in welche Ferne erstreckend--aber da fielen ihm die armen tausend Thiere ein, [99] die dadurch werden in Nothstand versetzt sein, wenn man die Beeren sammle: allein er dachte, Gott der Herr wird ihnen schon eingeben, wohin der Krammetsvogel fliegen, das Reh laufen müsse, um andere Nahrung zu finden.

Da er heimwärts in die Felder kam, nahm er eine Scholle und zerdrückte sie; aber sie ging unter seinen Händen wie Kreide auseinander--und das Getreide, vor der Zeit Greis, fing schon an, sich zu einer tauben Ernte [100] zu bleichen. Wohl standen Wolken am Himmel, die in langen milchweißen Streifen tausendfarbig und verwaschen die Bläue durchstreiften, sonst immer Vorboten des Regens; aber er traute ihnen nicht, weil sie schon drei Tage da waren, und immer wieder verschwanden, als würden sie eingesogen von der unersättlichen Bläue. Auch manch anderer Hausvater ging händeringend zwischen den Feldern und als es Abend geworden, und selbst zerstückte Gewitter um den Rand des Horizontes standen, und sich gegenseitig Blitze zusandten,--sah ein von der Stadt heimfahrender Bauer selbst die halbgestorbene [101] Großmutter mitten im Felde knien, und mit emporgehobenen Händen beten, als sei sie durch die allgemeine Noth zu Bewußtsein und Kraft gelangt, und als sei sie die Person im Dorfe, deren Wort vor allen Geltung haben müsse im Jenseits.

Die Wolken wurden dichter, aber blitzten nur und regneten nicht.

Wie Vater Niklas zwischen die Zäune bog, begegnete er seinem Sohne und siehe, dieser ging mit traurigem Angesichte einher, mit weit traurigerem, als jeder Andere im Dorfe.

"Guten Abend, Felix," sagte der Vater zu ihm, "giebst Du denn die Hoffnung ganz auf?"

"Welche Hoffnung, Vater?"

"Giebt es denn eine andere, als die Ernte?"

"Ja, Vater, es giebt eine andere;--die der Ernte wird in Erfüllung gehen, die andere nicht. Ich will es Euch sagen, ich selber habe etwas für Euch und das Dorf gethan. Ich habe zu der Obrigkeiten der fernen Hauptstadt geschrieben, und ihnen der Stand der Dinge gemeldet; ich habe Freunde dort und manche haben mich lieb gehabt,--sie werden Euch helfen, daß ihr keinen Hauch von Noth empfindet sollet, und auch ich werde so viel helfen, als in meiner Kraft ist. Aber tröstet Euch und tröstet das Dorf: alle Hilfe von Menschen werdet Ihr nicht brauchen; ich habe den Himmel und seine Zeichen auf meinen Wanderungen kennen gelernt, und er zeigt, daß es morgen regnen werde.--Gott macht ja immer Alles, Alles gut, und es wird auch dort gut sein, wo er Schmerz und Entsagung sendet."

"Möge Dein Wort in Erfüllung gehen, Sohn, daß wir zusammen glückliche Festtage feiern."

"Amen," sagte der Sohn, "ich begleite Euch zur Mutter; wir wollen glückliche Festtage feiern."

Pfingstsamstags-Morgen war angebrochen und der ganze Himmel hing voll Wolken; aber noch war kein Tropfen gefallen. So ist der Mensch. Gestern gab jeder die Hoffnung der Ernte auf, und heute glaubte jeder, mit einigen Tropfen wäre ihr geholfen. Die Weiber und Mägde standen auf dem Dorfplatze und hatten Fässer und Geschirr hergebracht, um, wenn es regne, und der Dorfbach sich fülle, doch auch heuer wie sonst, ihre Festtagsreinigungen vornehmen zu können und feierliche Pfingsten zu halten. Aber es wurde Nachmittag, und noch kein Tropfen war gefallen, die Wolken wurden zwar nicht dünner--aber es kam auch Abend, und kein Tropfen war gefallen.

Spät Nachts war der Bote zurückgekommen, den Felix in die Stadt zur Post gesendet, und brachte einen Brief für ihn. Er lohnte [102] den Boten, trat, als er allein war, vor die Lampe seines Tisches, und entsiegelte die wohlbekannte Handschrift: "Es macht mir vielen Kummer, in der That, s c h w e r e n Kummer, daß ich Ihre Bitte abschlagen muß. Ihre selbstgewählte Stellung in der Welt macht es unmöglich zu willfahren; meine Tochter sieht ein, daß so nichts sein kann, und hat nachgegeben. Sie wird den Sommer und Winter in Italien zubringen, um sich zu erholen, und sendet Ihnen durch mich die besten Grüße. Sonst ihr treuer, ewiger Freund."

Der Mann, als er gelesen, trat mit schneebleichem Angesichte und mit zuckenden Lippen von dem Tische weg--an den Wimpern zitterten Thränen vor. Er ging ein paarmal auf und ab, legte endlich das erhaltene Schreiben langsam auf den Tisch, schritt mit dem Lichte gegen einen Schrein, nahm ein Päckchen Briefe heraus, legte sie schön zusammen, umwickelte sie mit einem feinen Umschlage, und siegelte sie zu--dann legte er sie wieder in den Schrein.

"Es ist geschehen," sagte er athmend, und trat an's Fenster, sein Auge an den dicken finstern Nachthimmel legend. Unten stand ein verwelkter Garten--die Haide schlummerte--und auch das entfernte Dorf lag in hoffnungsvollen Träumen.

Es war eine lange, lange Stille.

"Meine selbstgewählte Stellung," sagte er endlich sich emporrichtend--und im tiefen, tiefen Schmerze war es wie eine zuckende Seligkeit, die ihn lohnte. Dann löschte er das Licht aus und ging zu Bette.

Des andern Morgens, als sich die Augen aller Menschen öffneten, war der ganze Haidehimmel grau, und ein dichter sanfter Landregen träufelte nieder.

Alles, alles war nun gelöset; die freudigen Festgruppen der Kirchgänger rüsteten sich, und ließen gern das köstliche Naß durch ihre Kleider sinken, um nur zum Tempel Gottes zu gehen und zu danken--auch Felix ließ es durch seine Kleider sinken, ging mit und dankte mit, und Keiner wußte, was seine sanften, ruhigen Augen bargen.

So weit geht unsere Wissenschaft von Felix, dem Haidebewohner.--Von seinem Wirken und dessen Früchten liegt nichts vor: aber sei es so oder so--trete nur getrost dereinst vor deinen Richter, du reiner Mensch, und sage: "Herr, ich konnte nicht anders, als dein Pfund pflegen, das du mir anvertraut hast," und wäre dann selbst dein Pfund zu leicht gewesen, der Richter wird gnädiger richten als die Menschen.

NOTES.

To forestall one criticism to which the following short commentary would seem to lay itself open, I wish to state that the plan of making the notes partly in English and partly in German has been formed after considerable reflection. Stifter's use of language is so peculiar and original in places, that the nearest approach to the force of an expression is often made in German, as [29], [41], [46], [47], etc. A mere translation in such places would be misleading without a full explanation of the idiomatic bearing of the word or phrase in question. On the other hand, the pregnant meaning of words like [15], [72], [75], etc., it has been thought, would best be suggested in English for the sake of simplicity, and further elucidation left to the teacher.

O. H.

* * * * *

I.

[1] FLECKCHEN, _a little spot_.

[2] SEIT UNVORDENKLICHEN ZEITEN, _beyond man's memory_.

[3] HAIDEFÖHRE; Föhre = Fichte.

[4] ZEITWEISE, zuweilen, hie und da, dann und wann.

[5] WACHHOLDERSTAUDE, _juniper-bush_.

[6] IM WEITERN, sonst.

[7] MAN MÜßTE NUR, _unless one, etc_.

[8] GELÄNDE, _tract of land, landscape_.

[9] DES ÖFTERN, öfters.

[10] EIGENTLICH, genau, wirklich, wahrhaft, ursprünglich.

[11] IM GRUNDE, _in fact_.

[12] HEGTE, _cherished_.

[13] MITBESITZER; one who shares the possession of something with others.

[14] ABSTAMMUNG; a play upon the original word "Stamm"; means ramification as well as descent.

[15] SIPPSCHAFT, generally used in a contemptuous sense.

[16] BLAUDUFTIG, _in a blue haze_.

[17] ROßBERG, von Roß, syn. Pferd.

[18] ÜBERHAUPT, _altogether_.

[19] NUN, hier zu übersetzen mit _then_.

[20] PFLEGEBEFOHLENEN, syn. Schützlinge.

[21] ZUTHAT, _addition_.

[22] BEWERKSTELLIGTES, part. pass. von bewerkstelligen, zu Stande bringen, vollenden.

[23] GERÄUMIG; abgeleitet von Raum.

[24] EIN UND DAS ANDERE FACH, einige Fächer.

[25] VORERST, zuerst.

[26] WIDERSPENSTIGER, eigensinniger.

[27] FAHREN LASSEN, hergeben, abgeben, aufgeben (_to let go_).

[28] ANZULEGENDEN; Part. fut. pass.


Das Haidedorf - 6/7

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