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- Rückblicke - 3/58 -


gebaut, ein Friedhof eingerichtet, ein Rabbiner engagiert, und es gab jüdische Lehrer. Die Schulung der Kinder ist gerade auch nach der Emanzipation ein gewisses Problem in kleinen Gemeinden.

Unter den schlesischen Landjuden, wo ja oft nur wenige, oft nur einzelne jüdische Familien in einem Dorf lebten, gab es die Einrichtung der Hauslehrer, und Privatlehrer gab es dann auch zunächst in Sohrau. Die öffentlichen beaufsichtigten Schulen, die eingerichtet wurden, waren konfessionell, auch der jüdischen Gemeinde oblag nach Emanzipation, für die vorschriftsmäßige Schulung ihrer Kinder zu sorgen. Für kleinere Gemeinden war es finanziell nicht einfach, den neuen behördlichen Verpflichtungen für die Erziehung ihrer Kinder nachzukommen. Ein System, junge jüdische Leute als Hauslehrer aufzunehmen, hatte wohl gutsituierten Landjuden geholfen. Um der Schulpflicht nach der Emanzipation zu genügen, wurden aber an dazu befugte Lehrer ganz andere Anforderungen gestellt, und die jüdische Gemeinde hatte einen dauernden Kampf, für die von ihr angestellten Lehrer behördliche Genehmigung zu bekommen.

Viele konnten die nachträglich abzulegenden Examen nicht bestehen. So gab es einen häufigen Wechsel. Zeitweise konnte die Gemeinde eine jüdische Volksschule oder sogar einige Klassen einer fortgeschrittenen Schule unterhalten. Wenn in katholischen Volksschulen Platz war, konnten jüdische Kinder auch aufgenommen werden, schon in den 1820er Jahren scheinen manche jüdischen Familien das sogar bevorzugt und sich für die Aufrechterhaltung jüdischer Schulen gar nicht mehr so interessiert zu haben. Aber noch 1858 muß eine jüdische Schule wieder errichtet werden, da in der katholischen kein Platz ist. Dazwischen gab es auch einen christlichen Privatlehrer, der eine Schule für die protestantischen und jüdischen Kinder unterhielt. Wenn Kinder in nichtjüdische Schulen gingen, mußte die Gemeinde für ihren Religionsunterricht durch einen hinreichend qualifizierten Lehrer sorgen. Als solcher wird fortlaufend A. Grünfeld erwähnt (11), auch noch für 1858. Als Religionslehrer tätig, blieb er also wohl der jüdischen Tradition verhaftet.

In der jüdischen Bevölkerung sehen wir das bekannte Bild fortschreitender Emanzipation und Assimilation. Schon in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts finden wir zwei in der Stadt allgemein angesehene jüdische Ärzte (Wachsmann und Karfunkel), mehrere Fabrikbesitzer, aus der Mühlenbesitzer Familie Stern kommt der spätere Nobelpreisträger für Physik Otto Stern (1943 geboren in Sohrau). Auch in den Gremien der Stadtverwaltung finden wir früh jüdische Namen, und ebenso in verschiedenen städtischen Vereinen, z.B. Frauenverein und Freiwillige Feuerwehr. Im 18. Jahrhundert gab es noch die alten Strukturen in der Stadt Sohrau. Industrie ist ein handwerkliches Gewerbe, und die Zünfte kennzeichnen die Organisation des städtischen Lebens. Im 19. Jahrhundert ändert sich das Bild. Auch unter den in die Stadt ziehenden oder dort aufwachsenden Juden gibt es manche Handwerker, recht spezifisch für Oberschlesien.

Über den beruflichen Werdegang meines Großvaters Ignatz Grünfeld bis er sich 1855 in Kattowitz niederließ, haben sich einige seiner Zeugnisse erhalten. Nur mündlicher Überlieferung nach war er zunächst als Lehrling bei dem ebenfalls jüdischen Maurermeister Lubowski in Gleiwitz angestellt. 1847 ist er bereits Maurergeselle und arbeitet bei Maurermeister Petzholtz in Potsdam beim Kuppelbau der dortigen Nikolaikirche, danach weiter als Maurergeselle in Stettin (Münch) und Breslau (Hoseus), von 1850 als Maurerpolier in Gleiwitz (Wachter und Lubowski). Als Meisterbau wird im Zeugnis vom 16. September 1857 ein Wohnhaus für Simon Goldstein in Kattowitz genannt, das später durch das Café Otto bekannt wurde, und heute noch mit Kawarnia Krysztalowa an der Hauptstraße in Katowice steht.

Seine Umwelt und Erfahrungen waren deutlich verschieden von denen des Lehrers A. Grünfeld in Sohrau. Mit einigem Stolz wurde noch uns Enkeln erzählt, daß er in Potsdam an der Kuppel der Nikolaikirche gearbeitet hatte. Die "Wanderschaft" auch außerhalb Oberschlesiens hatte sicher dazu beigetragen, seinen Blick zu erweitern für die erfolgreiche Unternehmerschaft seiner späteren Jahre. Aber das Kattowitz, in dem er sich 1855 niederließ, war zunächst noch ein Dorf (13). Der benachbarte Bogutzker Hammer war seit 1756 nicht mehr in Betrieb. Diese Form der Eisengewinnung war gegenüber neueren Entwicklungen nicht mehr konkurrenzfähig, sowohl wirtschaftlich wie in Qualität des Produkts, auch war die Beschaffung von Holz und Erz schwieriger geworden. 1799 wurde das Rittergut an Kommissionsrat Koulhaass verkauft, von dem es seine Tochter Frau Wedding erbte, und das sind schon Namen, die mit der rapiden Entwicklung des Berg­ und Hüttenwesens in Oberschlesien eng verbunden sind. Nachdem die aus England kommende sensationelle erste Dampfmaschine (sogar Goethe kam, sie zu besichtigen) auf einer Grube bei Tarnowitz 1788 und der erste Kokshochofen in Preußen 1792/96 errichtet worden waren, kamen diese Entwicklungen noch näher an Kattowitz durch den Bau der gleichfalls staatlichen Königshütte (1798/1802), deren Direktor (bis 1818) Hütteninspektor Wedding es unternahm, den Bogutzker Hammer durch Bau eines Hochofens zu modernisieren. Die Herrschaft erwarb 1839 Franz Winkler, Absolvent der Tarnowitzer Bergschule, nach einer schon erfolgreichen Karriere reich verheiratet. Er entwickelte entscheidende Initiative für den wirtschaftlichen Fortschritt von Kattowitz und wurde 1840 geadelt. Für die Kontinuität der Verwaltung und des Beitrags zur Entwicklung von Kattowitz sorgte Winklers Studienfreund und Mitarbeiter Friedrich Wilhelm Grundmann, der später zusammen mit seinem in Kattowitz als Arzt niedergelassenen Schwiegersohn Dr. Holtze als Gründer der Stadt Kattowitz, das heißt, die Vorkämpfer für die Stadtwerdung des Dorfes 1865 angesehen werden.

Mein Großvater war also seit 1855 dort ansässig, und heiratete die 1837 im benachbarten Dorf Zalenze geborene Johanna Sachs, Tochter des Arendators der Gutsherrschaft Zalenze, Peretz Sachs (14). Die industrielle Entwicklung hatte sich durchaus nicht auf den Gutsbezirk Bogutzker Hammer mit Dorf Kattowitz beschränkt. Nach der Königshütte war in Welnowiec 1809 die Hohenlohehütte mit Kokshochofen, dann an der Grenze zwischen Kattowitz, Zalenze und Domb 1828 die von dem Engländer John Baildon (15) erbaute Baildonhütte für Stahlerzeugung in Betrieb gekommen und in Zalenze auch 1840 die Kohlengrube Kleofas von Giesche. Das Restaurant, das zur Arende meines Urgroßvaters Peretz Sachs gehörte, konnte sich also auf ein wachsendes Publikum stützen. Jakob Grünfeld aus Sohrau, der jüngere Bruder meines Großvaters, heiratete eine andere Tochter, Maria, des Peretz Sachs, und übernahm später das Restaurant. Es wurde als "Grünfeld's Garten" für viele Jahrzehnte sehr bekannt.

Die Großmutter ging in den 1840er Jahren in Zalenze in die katholische Dorfschule. Ich habe versucht, mir im Zusammenhang mit dieser Familienüberlieferung ein Bild von damaligen Schulverhältnissen zu machen. Dabei stößt man gleich auf die Sprachenfrage zwischen preußischer Verwaltung und stark polnisch sprechender Bevölkerung. Ich habe keine Daten für Zalenze gefunden, aber im benachbarten Dorf Kattowitz war 1827 eine zunächst einklassige Schule eröffnet worden, und zwar zweisprachig (16). Die Kinder von Kattowitz gingen vorher zur Schule in Bogutschütz, die schon für 1804 erwähnt wird (17).

Die preußische Politik gegenüber der großen polnischen Bevölkerung, in den durch die Teilungen Polens zugefallenen Gebieten unterlag im 19. Jahrhundert mehrfachen Stimmungs­ und Zielwechseln. Unter dem Einfluß der Stein­Hardenberg'schen Reformideen, besonders verkörpert durch den Schulminister Altenstein, war die Einstellung konziliant gewesen (18). Er begünstigte den Aufbau eines polnischen Schulwesens, vornehmlich in Posen, das ja ein Kernland des Königreichs Polen gewesen war. Der polnische Aufstand in Russisch­Polen 1830/31 führte zu einem völligen Umschwung gegenüber den Polen auch in Preußen, der aber in den 1840er Jahren wieder einer liberaleren Haltung Platz machte. Die polnische Sache war ja zu einem Lieblingsthema der liberalen Freiheitskämpfer in Europa geworden, und der neue preußische König Friedrich Wilhelm IV. entzog sich diesen Stimmungen nicht (19). Die polnische Bevölkerung Oberschlesiens wird schon damals in diesen innerpreußischen Argumenten erwähnt (20).

Im März 1848 gehörte es jedenfalls auch zu den Ideen in der Paulskirche, daß mit der ersehnten deutschen Einigung auch die Teilung Polens rückgängig gemacht werden sollte, in die sich Preußen seinerzeit verwickelt hatte. Aber es kam ja 1848 nicht zu dieser deutschen Einigung. In Preußen verstärkten sich danach die antiliberalen Tendenzen wieder, und als es 1871 zur deutschen Einigung unter preußischer Führung kam, gab das neue deutsche Nationalbewußtsein der preußischen antipolnischen Politik sogar eine ganz neue Note. Es war nun nicht mehr nur die Loyalität der polnischen Einwohner gegenüber der preußischen Monarchie gefordert, sondern das Ziel mußte ihre vollkommene Germanisierung sein. So verschärfte sich zur Zeit Bismarck's die ganze Preußische Nationalitäten­ und Schulpolitik so rigoros wie sie dann später in Erinnerung geblieben ist. Es war überdies auch die Zeit des "Kulturkampfes", dem sich die deutsche katholische Zentrumspartei ausgesetzt fand. Aus der offiziellen Politik verschwand der Sinn für Berechtigung des Schutzes der gesamtpreußisch gesehen nationalen und sprachlichen polnischen Minderheit, und aller staatlicher Schutz wurde dem wachsenden deutschen Bevölkerungsanteil in den fraglichen Provinzen gegeben. Ein interessanter Gedanke von M.Broszat dazu ist (21), daß die Erwartung von Loyalität seitens der Minderheit für die staatliche Oberhoheit eigentlich strikter Neutralität des Staates auch dort bedurft hätte, wo es um die örtlichen Belange der deutschen Bevölkerung ging. Aber die verblassende Staatsideen von Imperium und Krone waren eben von der Omnipräsenz nationalstaatlichen Denkens verdrängt worden, und das schien keinen Raum zu lassen für Vorstellungen von pluralistischen Ordnungen auch für das Zusammenleben von verschiedenen Nationalitäten. Die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts scheinen daran wenig geändert zu haben, obwohl die Verwirklichung von Hoffnungen auf eine europäische Einigung davon abzuhängen scheint.

Auf diesen Gedankenflug sind wir gekommen von der Vermutung, daß die Dorfschule meiner Großmutter möglicherweise damals noch zweisprachig war. Ich weiß auch, daß beide Großeltern das oberschlesische Polnisch sprechen konnten; mein Vater erzählte, daß sie es benutzten, wenn ihre rein deutschsprachig aufwachsenden Kinder etwas nicht verstehen sollten. Das Dorf Kattowitz war in der 1.Hälfte des 19. Jahrhunderts erstaunlich gewachsen (22). 1846 wurde es eine wichtige Station der neuen Eisenbahn Breslau­Myslowitz als ein Umschlagplatz für Zweigverbindungen zu einem großen Umkreis von vielen Gruben und Werken mit ihren zugehörigen Ortschaften. Schließlich war Kattowitz so gewachsen, daß es 1865 zu einer Stadt gemacht wurde. Dies geschah aber erst nach scharfen Auseinandersetzungen zwischen den alteingesessenen Dorfbewohnern und den Neuankömmlingen. Unter der Dorfverfassung herrschte die "Gromada", die Versammlung der Grundbesitzer, also der alteingesessenen Bauern, d.h. Gärtnerstellenbesitzer und denjenigen unter den Neuzugezogenen, die unterdessen Hausbesitz hatten erwerben können. Ursprünglich kamen auch alle Gemeindesteuern nur von diesen Einwohnern, aber 1856 änderten sich die Steuergesetze, alle Einwohner zahlten Gemeindesteuern, aber die Dorfverfassung wurde nicht geändert, und die immer noch von den polnisch sprechenden Bauern beherrschte Gromada konnte allein über die Verwendung der Einnahmen entscheiden. Unter einer städtischen Verfassung wäre das anders gewesen. Für ein Stadtparlament gab es das allgemeine Wahlrecht nach dem preußischen Dreiklassenwahlrecht mit Stimmen zugunsten der höheren Einkommen gewogen. Der Streit mit der Gromada kam, weil es unter den Neuankömmlingen viele Anspruchsvollere und Besserverdienende gab mit eigenen Ideen allein schon über Straßenpflasterung und Beleuchtung


Rückblicke - 3/58

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