Schulers Books Online

books - games - software - wallpaper - everything

Bride.Ru

Books Menu

Home
Author Catalog
Title Catalog
Sectioned Catalog

 

- Rückblicke - 30/58 -


Osteuropainstitut zu machen, und zwar über "Die Auslandsverschuldung Polens", über die noch keine Publikationen vorlägen. Das nahm ich auch an und machte mich gleich an die Arbeit. Ich mußte natürlich auch die verschiedensten Vorlesungen belegen und vor allem an den volkswirtschaftlichen Seminaren teilnehmen. Sie waren interessant, Hesses Seminar sehr sachlich, nüchtern und gründlich, viel über wirtschaftspolitische Fragen, ich sprach selten, aber wurde beachtet. Der andere Ordinarius war Dr. Bräuer. Sein Seminar war eher lebhafter, mehr zu Gedankenflügen gegeben. Auch ich sprach öfter, mußte auch ein Referat über Krise und Konsum halten. Das Hauptprogramm über ein ganzes Semester wurde J.M. Keynes's "Treatise on Money" gewidmet, das 1930 erschienen, grade erst in deutscher Übersetzung vorlag und in Deutschland gleich großes Interesse fand. Auch ich hatte damals das Gefühl, daß einem die Augen für die finanziellen Zusammenhänge im modernen wirtschaftlichen Geschehen geöffnet wurden. Die wöchentlichen Sitzungen über Keynes's Buch, auf die man sich entsprechend vorbereiten mußte, wurden eine eindringliche Erfahrung.

Breslau kannte ich ja gut von Jugend auf, meine Großmutter und andere Verwandte lebten noch dort. In der FWV traf ich wieder viele Breslauer, die in Berlin mit mir studiert hatten, ein neuer Freund wurde Heinz Kretschmer, dort war auch der alte Schulfreund Manfred Danziger. Mit den Schulfreunden, die zu den Korporationen gehörten, traf ich mich nicht, außer Hans Kuhnert, sie hatten mich ja auf die Boykottliste gesetzt. Wirkliche Freundschaft verband mich in Breslau wieder mit Hans­Werner Niemann und ein anderer menschlich wichtiger Kontakt wurde wieder Rudi Treuenfels. Ich hatte ihn jetzt auch als Chef seiner großväterlichen Breslauer Großhandelsfirma Grund & Lion in seinem Büro kennengelernt und seine politischen Verbindungen hatten weiteres Profil gewonnen. Fritz Klatt war nicht nur ein mit der Jugendbewegung verbundener Pädagoge, er war auch einer der Mitbegründer der "Neuen Blätter für den Sozialismus" geworden, die immer noch eine der wenigen Leitplanken für mich blieben, von denen man in den aufgeregten Wogen jener Jahre Land glaubte sehen zu können.

Wegen meines starken Asthmas wurde mir für Ende des Wintersemesters ein Hochgebirgsaufenthalt im Sanatorium des Dr. Guhr auf der slovakischen Seite der Hohen Tatra verschrieben. Die herrliche Bergwelt der Tatra, unten das Popradtal und die alten Zipser Städte und Dörfer gehören zu meinen schönsten Erinnerungen an das alte Europa.

Das Kurpublikum im Sanatorium und anderen Gebirgsorten war ein buntes Völkergemisch. Da waren viele tschechische Krankenkassenmitglieder, ungarische Besucher, manche davon jüdisch, ebenso wie Gäste von den vielen Tälern der Slowakai, wo es ja außer Slowaken auch noch viele ungarisch oder deutschspechende Bewohner gab, darunter auch Juden. Ins Sanatorium kamen viele aus der Umgebung zu Besuch, meist Zipser, und die hatten auch oft in Budapest studiert. So war das auch mit Dr. Nitsch, der weniger als Arzt im Sanatorium arbeitete und eigentlich ein Patient war. Dafür aber gab er Bridge Stunden, und ich wurde dort ein recht begeisterter aber von Anfang an nicht sehr vielversprechender Bridge Spieler, nahm auch bald auserhalb der Stunden viel an Spielen teil, die sich oft auf ungarisch abspielten.

Nach dem Wintersemester 1931/32 verteilte sich meine Aufmerksamkeit und Zeit mehr gleichmäßig zwischen Anteilnahme am Breslauer Studium, den geschäftlichen Dingen zu Haus und Entwicklungen in Polen, die mich nun auch für meine Dissertation sehr angingen.

Die Aufenthalte in Breslau gaben weiter engsten Kontakt mit der politischen Entwicklung in Deutschland. Sie wurde so beängstigend und turbulent, daß sie, wo immer man war und sich beschäftigte, die alles überhängende und beschattende große Beklemmung in diesen Monaten blieb. Die Arbeitslosenzahl stieg auf über 6 Millionen, die Nationalsozialisten nahmen weiter an Stimmen und an Kraft und Rücksichtslosigkeit im häufigen Straßenkampf zu. Die Diskussion über die Deflationspolitik des Kabinetts Brüning war auch immer heftiger geworden. Die Meinungen sind noch heute geteilt, ich war sehr gegen diese Politik eingestellt (2).

Im März 1932 lief Hindenburgs Amtszeit als Reichspräsident ab. Hitler kandidierte für die Nachfolge, aber Hindenburg war bereit, sich zur Wiederwahl zu stellen, auch mit der gegen Hitler notwendigen Unterstützung der Sozialdemokraten, und dieser ProHindenburgblock gewann auch die Wahl gegen die Nationalsozialisten. Es brachte Aufatmen und Erleichterung, aber der Block versagte wieder nach dem erfolgreichen Wahlgang, wenn es zu Kompromissen über Wirtschafts­ und Außenpolitik hätte kommen müssen. Es gab bei den wichtigsten Faktoren der bürgerlichen Rechten die irrationale Vorstellung, daß zwar möglichst ohne Hitler, aber jedenfalls ohne und gegen die Sozialdemokratie "halbautoritär" regiert werden müsse, als neue Daseinsform für Deutschland. Schwerindustrie und Reichswehr übten ihre Einflüsse in dieser Richtung aus. Bald verlor auch Brüning das Vertrauen Hindenburgs, und schon damals war die Version, daß dies durch Hindenburgs Mißtrauen wegen der Pläne für Landreform und bäuerliche Siedlung in Ostelbien verursacht war.

Brüning wurde als Reichskanzler durch einen Herrn v.Papen ersetzt, vom rechtesten Flügel des Zentrums, als Politiker bisher fast unbekannt. Die andere Schlüsselfigur im neuen Kabinett blieb der General v.Schleicher. Brünings Regierung war ja noch eine parlamentarische gewesen. Wenn auch ohne parlamentarische Mehrheit, war sie doch personell parlamentarischen Ursprungs. Das neue Kabinett Papen war das nicht und sein Hervortreten löste Skepsis und vermehrte Unsicherheit aus. Brüning hatte mit Hindenburgs und Schleichers Zusstimmung nach der erfolgreichen Wiederwahl Hindenburgs eine Verordnung für Auflösung und Verbot der bewaffneten nationalsozialistischen Kampforganisation SA erlassen, die Regierung Papen hob es wieder auf (3). Als etwas wie Papens politische Heimat und Profil wurde der "Herrenklub" in Berlin genannt, der breiten Öffentlichkeit ganz unbekannt.

Er war einige Wochen im Amt, als ich in Kattowitz zum Bridge bei der Frau Else Silberstein eingeladen war und dort Herrn v.d. Knesebeck traf, Leiter des Büros der Kohlenhandelsfirma Caesar Wollheim im deutsch­oberschlesischen Gleiwitz. Er schien öfters nach Kattowitz zu kommen und wohnte bei Frau Silberstein, die ja seit vielen Jahrzehnten weiter eine Position im Kohlenhandel aufrecht erhalten hatte. Der andere Gast war Direktor Waclawek der Kattowitzer Firma "Progress", welche die polnischoberschlesischen Geschäfte von Caesar Wollheim übernommen hatte. Er war ein guter Pole. Zum abendlichen Bridge war ich dazugeladen worden. Mein Bridge war nicht so wunderbar, aber es gab angeregte Unterhaltung, und als Besorgnis über die neue Regierung in Deutschland laut wurde, stellte es sich heraus, daß v.d. Knesebeck ein Mitglied des Herrenklubs in Berlin war. Vermutlich hätte er das nie erwähnt, aber die Eröffnung war gewiss zeitgemäß. Er stellte Herrn v. Papen in bestem Licht dar, den Herrenklub als die Elite der Besonnenen und Verantwortungsvollen und die sicherste Bastion gegen eine Machtübernahme Hitlers. So war es ja dann leider nicht.

Die Regierung Papen schien zunächst auf Distanz zu Hitler zu halten, schwächte aber die Weimarer Republik entscheidend durch die gewaltsame Absetzung der preußischen Regierung, ein großer Schock, auch weil es so glatt und widerstandslos vor sich ging. Es war traurig. Aus gingen Otto Braun und Severing, Abegg und die republikanische Gewalt über und durch die von ihnen so wohlorganisierte preußische Polizei.

Als ich zum Beginn des Wintersemesters 1932/33 nach Breslau, mit meiner Dissertation schon weit gediehen, zurückkam, hatten sich die politischen Verwicklungen weiter gesteigert, aber es gab auch einige scheinbare Lichtblicke. Bei einer Reichstagswahl im Juli hatten die Nazis selbst mit ihrem Harzburg­Partner Hugenberg zusammen nicht die Mehrheit der Stimmen errungen. Die Reichstagsmehrheit allerdings bestand nun aus Nazis und Kommunisten. Diese lehnten mehr noch stärker als bisher jegliche Fühlungnahme oder gar Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten und anderen Arbeiterorganisationen ab. Als ihre Parole verbreitete sich, man müsse nun auf das Vierte Reich warten. Das also war Moskaus Politik.

Eine niederschmetternde Erfahrung und Gefühl eines beginnenden Chaos wurde für mich der Berliner Verkehrsarbeiterstreik vom 3. November 1932, der zu einer fünftägigen Lähmung der Berliner Verkehrsmittel gerade im Augenblick der weiteren Reichtagswahl vom 6. November führte, und zu dem, gegen den Willen der sozialdemokratischen Freien Gewerkschaften, die Nationalsozialisten und Kommunisten gleichzeitig aufgerufen hatten (4).

Die Juliwahl hatte den Nationalsozialisten mit 37.8% (5) die höchste Stimmenzahl vor ihrer Machtergreifung gebracht. Die Regierung Papen/Schleicher, im Einverständnis mit Hindenburg und Hugenberg, versuchte auf eine Lösung durch erhoffte "Zähmung der Nationalsozialisten" hin zu arbeiten, eine Illusion, die Hitler bald durch Forderung auf die ganze Macht zerstörte. Der Reichstag wurde wieder aufgelöst und die Wahlen vom 6. November 1932 brachten zum ersten Mal wieder einen Rückgang der nationalsozialistischen Stimmen. Auch die Finanzen der Partei hatten gelitten. Es gab unterdeß auch Anzeichen einer beginnenden Verbesserung in Weltwirtschafts­ und deutscher Wirtschaftskrise. Die parlamentarische Lähmung im Reichstag aber dauerte an mit Nazis und Kommunisten in knapper Mehrheit, Hitler bestand weiter auf der Kanzlerschaft, die Hindenburg ihm mit Schleicher verweigerte. So erschien ein neues Konzept für eine von außerhalb des Parlaments kommende Lösung ein Gebot der Stunde. Der "Tatkreis" hatte dafür seit langem agitiert, mit Schleicher als Schlüsselfigur für eine "Dritte Front", gestützt auf der einen Seite auf die Freien Gewerkschaften unter Führung von Leipart, wo es Bedenken gab gegen den sozialdemokratischen Kurs weiterer Verweigerung von Hilfe für die Politik der herrschenden halbmilitärischen Regierung, um Hitler von der Macht fernzuhalten. Auf der anderen Seite gab es die mehr zum Sozialismus drängenden Kreise der Nazipartei um den scheinbar mächtigen "Reichsorganistionsleiter" der Partei, Gregor Strasser, der sich gegen Hitlers Bestehen auf totaler Machtübernahme gewandt hatte.

Eine bekannte Berliner Tageszeitung, die "Tägliche Rundschau", war für den "Tatkreis" gekauft worden, vermeintlich mit Schleichers Unterstützung, mit Zehrer seit September 1932 als Chefredakteur. Papen hatte Hindenburg keine parlamentarische Mehrheit für seine Regierung beschafft und mußte zurücktreten, Hindenburg machte Ende November 1932 Schleicher zum Reichskanzler. Zehrers Aktivitäten und Entwicklung hatte ich ja seit Herbst 1929 aufmerksam und mit, wenn auch gar nicht unqualifizierter Anteilnahme verfolgt, seine Schlüsselstellung als scheinbarer Sprecher Schleichers (6) brachte mich diesen letzten verzweifelten Anstrengungen gegen Hitlers Machtübernahme besonders nahe.

Auch sonst gab es auf der Linken neben den Gewerkschaften Leiparts Zeichen von Zustimmung. Leopold Schwarzschild hatte mit seiner antideflationistischen Kampagne zur Arbeitsbeschaffung in einer gemeinsamen Front mit Leipart und den Gewerkschaften Stellung bezogen. Bei allem Abstand zwischen ihm und der "Tat" kam er zum Schluß, daß nur die Unterstützung einer aufgeklärten autoritären Regierung das Schlimmste, nämlich Hitler's Machtübernahme, verhindern könne (7).

Der Kreis um die "Neuen Blätter für den Sozialismus" hatte auch an "Brückenbau" zwischen links­ und rechtsgerichteten sozialistischen Kräften gearbeitet, auch mit Kontakt u.a. mit Otto Strasser (8). Bei


Rückblicke - 30/58

Previous Page     Next Page

  1   10   20   25   26   27   28   29   30   31   32   33   34   35   40   50   58 

Schulers Books Home



    Related Links:

 Games Menu

Home
Balls
Battleship
Buzzy
Dice Poker
Memory
Mine
Peg
Poker
Tetris
Tic Tac Toe

Google
 
Web schulers.com
 

Schulers Books Online

books - games - software - wallpaper - everything