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- Rückblicke - 6/58 -


Verwandte oder Bekannte, die dazu kamen. Aber ich habe eigentlich keine Erinnerung, daß der liebe Gott selbst dabei so eine Rolle spielte. Daß wir jüdisch waren, erfuhr ich eines Tages eigentlich durch Zufall, ohne eine Vorstellung zu haben oder je gehört zu haben, daß es so etwas gab oder was es bedeutet. Es war ein Tag des Großreinemachens gewesen, und unsere Matratzen und Bettzeug lagen alle auf unserem Balkon und ein Teppichklopfer auch. Es war Spätnachmittag, als ich auf den Balkon kam und nicht widerstehen konnte, mit dem Teppichklopfer auf die Matratzen einzuhauen, so wie ich es vorher von den Hausmädchen gesehen hatte.

Ich war wohl grade sechs Jahre. Da kam das Kinderfräulein ganz aufgeregt, ich muß sofort aufhören, was sollen denn die Leute draußen denken, der jüdische Feiertag hat doch schon angefangen und siehst Du, dort auf der Straße geht grade Dein Vater vorbei auf dem Weg in die Synagoge. Und richtig, er ging dort im Zylinderhut und schwarzem Gehrock. Am nächsten Tag war Vater noch einmal gegangen, und ich sah den Zylinder unten in der Diele liegen. Ich weiß nicht, was und wieviel mir die Eltern damals erklärten. Es war mir in späterer Zeit klar, daß es der Versöhnungstag war und der Vater am Vorabend zum KolNidre Gottesdienst gegangen war. Etwas mehr von der Bedeutung von Religion und, daß wir jüdisch waren, sollte mir eigentlich erst klar werden, als ich Ostern 1915 in die Schule und damit auch zu jüdischem Religionsunterricht kam.

Nach dem Tod der Großmutter gab es große Veränderungen. Von ihren zehn Kindern hatten mein Vater und zwei schon erwähnte Schwestern in Kattowitz gewohnt, die älteste Schwester Martha Kaiser und der jüngere Ernst, orthopädischer Chirurg lebten in Beuthen, und dort lebten auch die beiden jüngsten Kinder, Dr. Paul Grünfeld, Direktor bei der Erzhandelsfirma Rawack & Grünfeld und Ida Benjamin, deren Mann Felix Benjamin bei Rawack und Grünfeld führend wurde. Rawack & Grünfeld hatte beschlossen, ihren Hauptsitz von Beuthen nach Berlin zu verlegen, und die beiden Familien Paul Grünfeld und Felix Benjamin sollten Anfang 1914 nach Berlin ziehen. Nun nach dem Tod der Großmutter wurde das großelterliche Haus verkauft und zwar an die Deutsche Bank, und die beiden Tanten mit ihren Kindern zogen auch

nach Berlin.

Also von den zehn Geschwistern blieben nun nur noch drei in Oberschlesien. Für meine Eltern war das wohl noch eine viel größere Veränderung als für uns Kinder. Meine Mutter hatte sich mit Margot Epstein angefreundet, die auch später zu Besuch kam oder mit Mutter und uns auf Ferienreisen ging.

Die Deutsche Bank baute lange um, ihr Direktor war Herr Böhnert, und die Böhnerts, die dann im 1.Stock im Nebenhaus wohnte, hatten zwei Kinder, Horst und Vera, in Lottes und meinem Alter, und wir haben dann viel mit ihnen gespielt.

Das weitere Ereignis, das dann kam, war einschneidender in viel weiterem Sinn, der Ausbruch des 1.Weltkriegs. Ich hatte schon in den Tagen vorher etwas von Krieg gehört, es war eine große Spannung, und man spürte Angst und Aufregung in der Umgebung. Am Tag davor, als wir in der Stadt waren, lief ein älterer Offizier mit einem dicken roten Streifen an den Hosen, wie ich sie noch nie gesehen hatte, es war ein Generalstabsoffizier, wurde gesagt, ganz schnell über die Straße, und die Mutter sagte, na da wird es wohl Krieg geben, wenn der es so eilig hat. Die Szene ist bei mir immer mit der Erinnerung an den Kriegsausbruch verbunden geblieben.

Am nächsten Tage war es nun Krieg. Es wurden so viele Leute, auch aus unserer Bekanntschaft in Kattowitz eingezogen. Vater war bald 49 Jahre und war dispensiert. Auch hieß es, alle guten Pferde müßten abgegeben werden. Wir fuhren mit den Eltern nach Karbowa am Bezirkskommando des Militärs vorbei, mein Vater hatte es gebaut, und man winkte, daß wir mit den Pferden gleich hineinfahren sollten. Das tat mein Vater nicht, aber dann mußten wir die Pferde doch bald abgeben. Sie hießen Wolfram und Ingram und ich war ihnen sehr zugetan. Sie gehörten sehr zu unserem Leben, und wir besuchten sie oft in ihrem Stall. Nun war ich untröstlich. Bald erkundigte ich mich, ob man gehört hat, wie es ihnen geht. Man hatte noch nichts gehört, aber dann sagte der Diener Karl Glowig zu jemandem so zur Seite, wahrscheinlich sind sie schon längst zerschossen. Wieder eine merkwürdige Erinnerung an die ersten Kriegswochen, aber nichts hatte mir zunächst so klar gemacht, als die Seitenbemerkung, die ich nicht hören sollte, was der Krieg ist. Dabei brauchte es dies sehr bald nicht mehr. Der russische Vormarsch in Ostpreußen war durch die Schlacht bei Tannenberg aufgehalten worden, aber im Süden waren die Russen in Galizien gegen die Österreicher für längere Zeit erfolgreich und versuchten auch nach Schlesien vorzudringen. Wir hörten Kanonenfeuer, wie es hieß von Olkusz, die Stadt füllte sich mit Verwundeten, Hilfslazarette wurden uns gegenüber in den Mittelschulen eingerichtet, man sah viel mehr Soldaten in der Stadt und wir bekamen Einquartierung.

Ein oder beide Gästezimmer waren dann während des ganzen Kriegs von deutschen Offizieren als Einquartierung belegt, aber die erste, an die ich mich gut erinnere, war viel größer. Im Erdgeschoß wurden Salon und Damenzimmer dem Oberstleutnant v.d.Mölbe und seinem Stab überlassen, der vorübergehend mit Truppen in Kattowitz inmitten der Krisensituation stationiert war. Schon Tage vorher hatte es geheißen, daß wir alle nach Berlin abreisen müßten, es wurden große Kabinenkoffer herausgeholt und provisorisch gepackt. Die beiden Wohnzimmer, in denen die Offiziere waren, gingen durch eine weite Schiebetür, die meist offen war, in unsere große Diele, es war ein Kommen und Gehen. Einmal kam ein neuer Offizier zu den Eltern, wurde dem Oberstleutnant vorgestellt, der sehr erstaunt war. Erst viel später wurde mir erklärt, der war auf Veranlassung von Onkel Walter Oettinger gekommen, der hatte seine Stellung an der Universität Breslau aufgegeben und war damals als Stabsarzt im nahen Oppeln stationiert. Er ließ sagen, wie man die Lage in Oppeln sah, sollten wir nach Berlin abreisen. Er hatte ja nicht gewußt, daß wir unterdeß auch so gut informierte Einquartierung hatten. Die waren dann der Ansicht, daß die Gefahr weiteren russischen Vordringens einstweilen behoben sei, und wir blieben. Aber der Alarm wiederholte sich noch mehrmals, und die Koffer blieben einige Zeit gepackt. Die v.d.Mölbe Einquartierung, die sich meinem Gedächtnis so eingeprägt hat, war bald vorüber.

Die Offiziere, die dann als Einquartierung bei uns wohnten, aßen auch oft bei den Eltern. Sie wechselten oft, auch verschiedene Ränge, manchmal auch gar keine Berufsoffiziere, einer war aus Frankfurt a. Main, kam beinahe täglich, sein Dialekt machte mir Spaß, es gab immer Wein.

Inzwischen kam ich im April 1915 in die städtische Knabenmittelschule als meine Vorschule. Mein Vater war sehr stolz, daß die Stadt diese Art Schulen unterhielt. Die meisten Schüler würden dort ihre Schulbildung nur bis zur mittleren Reife beenden, er fand das sehr gut, daß ich in so einer Schule anfing. Ich weiß nicht mehr, ob ich Schule gleich gern hatte, aber sehr bald hatte ich es, nur mit dem Schreiben war es schwer. Ich war nämlich vorzugsweise Linkshänder, manches machte ich automatisch rechtshändig, manches nicht, und beim Schreiben hatte ich unwiderstehlichen Vorzug für die linke Hand, aber das wurde nicht erlaubt, und es kostete mir mehr Mühe es zu lernen, ich bekam eine schlechte Schrift, noch für Jahre mahnte der Vater immer, ich sollte Schönschreibeunterricht nehmen.

Das Kriegsgeschehen machte sich natürlich auch in der Schule bemerkbar. Es gab Siegesfeiern und Apelle für Sammlungen.

Ich konnte nun auch an der Tätigkeit und den vielen Interessen des Vaters schon mehr Anteil nehmen. Er wollte das sehr, und ich bin dankbar dafür.

Trotz seinem vielfältigen Engagement im öffentlichen Leben glaube ich doch, daß seine berufliche Tätigkeit als Baumeister ihm wirklich am Herren lag. Morgens ging er täglich zunächst auf Besuche der Bauten, dann in die Ziegelei und zu anderen Nebenbetriebe, nach Karbowa, und schließlich nach Hause ins Büro, das dem Wohnhaus angegliedert, auf dem Grundstück nunmehr der Deutschen Bank war. Ich wurde schon manchmal mitgenommen bei Besuchen zu Bauten und der Ziegelei und immer mehr, je älter ich wurde, besonders zu Fahrten über Nikolai nach Lazisk, wo das Elektrizitäts­ und Karbidwerk der Prinzengrube gebaut wurde. Auch über Vaters Rolle als Stadtverordnetenvorsteher wußte ich bald mehr. Auf dem Ring der Stadt gab es Siegesfeiern und Apelle, eine große Hindenburgbüste wurde aufgestellt, und das Publikum sollte Nägel je nach gestifteten Beträgen aus verschiedenen Metallen kaufen und selbst einschlagen. Der Vater als Stadtverordnetenvorsteher mußte auf einer Eröffnungsfeier den ersten Nagel einschlagen und eine Rede halten, auch im Zylinder und Gehrock. Natürlich wurde in der Schule dann auch darüber gesprochen.

Beginn der Schulzeit hieß für mich das Aufhören der täglichen Morgenausflüge nach Karbowa und dadurch ein Stück weniger von der Naturnähe, in der wir, obwohl wir Industriestadtkinder waren, aufwachsen durften. Der Garten hinterm Haus sorgte immer noch dafür, daß dies keineswegs verschwand, der Krieg brachte sogar, als die Verpflegung schwieriger wurde, einen Zuwachs des Tierbestandes. Ingram und Wolfram waren durch zwei schwerere Brabantertype Pferde ersetzt worden, die aber keine kindlichen Zuneigungen mehr hervorriefen. Aber jetzt gab es auch Ziegen, eine Kuh, viele Hühner, Enten, Gänse und dann auch Schweine.

Es ist eine vielleicht erstaunliche Tatsache, aber ich empfinde es noch heute so, daß die ersten Religionsstunden, die ich in der Schule hatte, auf mich einen überwältigenden Eindruck gemacht haben. Der Lehrer Weissmann, mit einem kleinen weißen Bart, sah so etwa wie ein Patriarch aus, und erklärte alles über den lieben Gott anhand des alten jüdischen Gebets Adon olam, ein sehr schönes Gebet, das die Macht Gottes beschreibt. Ich war sehr beeindruckt durch alles Religiöse und natürlich eingenommen für alles Jüdische, durch das mir diese Welt der Religion nahegebracht worden war. Wir wurden aufgefordert, Sabbath nachmittags die Jugendgottesdienste zu besuchen, die Eltern erlaubten es mir schließlich, sie verstärkten meine Faszinierung mit Religion und Jüdischsein. Der Vater trug mir auf, dem alten Rabbiner Dr. Jakob Cohn guten Tag zu sagen und ihn zu grüßen, ein angeheirateter Vetter des Vaters. Auch stellte sich bald heraus, daß der Vater auch dem Vorstand der Synagogengemeinde angehörte. Da meine Begeisterung für diese Sphäre aber beiden Eltern zu viel wurde, mußte ich nach einiger Zeit die Besuche der Jugendgottesdienste immer mehr einschränken, durfte auch zu den Feiertagen nur nach harten Kämpfen zum Gottesdienst gehen, aber am Versöhnungstag konnte ich mit dem Vater zusammen in die Synagoge gehen, eine wirkliche Versöhnung. Es blieb ein großer Schmerz, daß meine Mutter dem so fern stand. Die anderen jüdischen Kinder gingen nach einiger Zeit auch noch nachmittags in die hebräische Unterrichtsanstalt im Gebäude der Jüdischen Gemeinde, wohl so etwas wie ein alter jüdischer Cheder. Ich durfte das nicht. Es wurde gesagt, ich könnte dann ein Jahr vor meiner Barmitzwah Privatstunde in Hebräisch haben.

Unter den Freunden meiner Eltern erinnere ich mich aus dem engsten Kreis an den Frauenarzt Dr. Ernst Speier mit seiner Frau Rosa, deren Großvater Fröhlich 1825 der erste jüdische Einwohner des Dorfes Kattowitz war. Sie war sehr begabt und anerkannt für ihre öffentliche Tätigkeit.


Rückblicke - 6/58

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