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- Rueckblicke - 10/58 -


Truppenverschiebungen hin, zu der scharfen Waffe des politischen Generalstreiks griffen, "ohne Fuehlungnahme mit der staerksten deutschen Partei, der Katholischen Volkspartei(Zentrum)" (18).

Auf der polnischen Seite wurde der Krieg gegen die Sowjetunion hauptsaechlich von Pilsudski und seinen Anhaengern betrieben, einem ehemaligen Sozialisten, dessen Regime und Parteiungen damals im innerpolnischen Leben Polens als links gerichtet angesehen wurden. Der Aufruf, den das Polnische Plebiszitkommittee nach dem blutigen 17. August erliess, klagt die preussischen Militaristen an, dass sie gemeinsam mit den Sozialisten, Nationalen Bolschewisten und Kommunisten den Plan hatten, sich Oberschlesiens zu bemaechtigen (19).

Dieser Aufruf war nicht nur unterschrieben von Korfanty, wir finden auch den Namen von J.Biniszkiewicz fuer die Polnische Sozialistische Partei, Michael Grajek fuer die polnische Bergarbeitergewerkschaft und mehrerer anderer polnischer Gewerkschaftsfuehrer. Man sieht also, es gab auf beiden Seiten Fluegel, deren nationalistischer Eifer viel groesser war als ihre vermeintliche Bindung an politische Ideologien. Waehrend bei Ausbruch der Unruhen am 17.August es schon Geruechte ueber den Fall Warschaus gab, hatte die Wende durch einen erfolgreichen Gegenangriff Pilsudskis schon begonnen und im Laufe der Woche war sein "Wunder an der Weichsel" komplett, die Russen waren geschlagen und die Polen gewannen damals die ihnen von Russland bestrittenen Ostprovinzen wieder. In Oberschlesien brach der 2. polnische Aufstand unmittelbar nach den Unruhen des 17.August aus, verschiedene Landkreise waren von den polnischen Aufstaendischen besetzt. Waehrend in Kattowitz die franzoesischen Truppen hatten abziehen muessen und erst nach 2 Tagen die interallierten Fahnen auf dem Kreiskommando wieder aufziehen konnten, fand nun die deutsche Sicherheitspolizei ihre Position in vielen Teilen des Landes unhaltbar, es wurden Buergerwehren in vorwiegend polnischen Orten gebildet.

Schliesslich kam es zu Verhandlungen zwischen den beiden Plebiszitkommissariaten in Beuthen. Von polnischer Seite war es Korfanty, von der deutschen Sanitaetsrat Dr. Bloch aus Beuthen, der mit Ulitz fuer die Deutsche Demokratische Partei im Deutschen Plebiszitausschuss sass. Am 27.August wurde ein Abkommen abgeschlossen, das den polnischen Aufstand beendete, wogegen die deutsche Sicherheitspolizei aus Oberschlesien zurueckgezogen werden und durch eine 50/50 deutsch-polnische "Abstimmungspolizei", aus Oberschlesiern gebildet, ersetzt werden sollte (20).

Das war eine betraechtliche Veraenderung auch fuer unser taegliches Leben. Die Polizei sollte nun aus zum grossen Teil nicht vorgebildeten Kraeften bestehen, das Abkommen sah auch Zusammenarbeit bei Beendigung politischen Terrors und Waffenzufuhr vor, aber es litt die normale Verbrechensbekaempfung, und das vertiefte das immer groesser werdende Gefuehl um sich greifender Aufloesung.

Es bewegte sich nun Alles auf die Abstimmung am 20.Maerz 1921 zu, mit Kundgebungen, an denen auch Schulklassen teilnahmen, ebenso wie Adressenschreiben im deutschen Plebiszitkommissariat. Die Leitung der Abstimmung in Kattowitz hatte eine dreikoepfige Kommission unter dem franzoesischen "Kreiskontrolleur" mit dem Gewerkschaftssekretaer Josef Rymer, nachmaliger Wojewode, als polnischem und meinem Vater als von allen deutschen Parteien ernannten deutschen Vertreter. Wir waren also durch seine Rolle den Vorgaengen nahe.

Auch alle in Oberschlesien geborenen aber nicht mehr wohnhaften Personen sollten am Geburtsort abstimmungsberechtigt sein, und die ganze Familie kam, die nach Berlin gezogen war, ein unbekannter Verwandter aus Muenchen meldete sich auch. Unser Haus war voll von Familienbesuch, und das gab dem Abstimmungstag fuer uns noch ein besonderes Gepraege.

Es waren auch ausserhalb der Familie viele alte Bekannte der Familie nach Oberschlesien gekommen. Ich erinnere mich, dass ich die Tante Lucie Hirschel auf einem Spaziergang begleitete. Sie traf eine grosse Gruppe von Mitgliedern der Cassirer Familie aus Berlin. Sie waren auf dem Rueckweg von Rybnik, wo sie herkamen und abgestimmt hatten. Hans Hirschel hatte schon einen Ruf in der Familie als angehender Literat, und ich bat ihn, ein Gedicht zur Abstimmung zu machen, das ich dann vortragen wollte. Das kam aber nicht zustande, und was ich dann vorsang, war von mir, voller Ressentiment gegen Korfanty, und Tante Ida Benjamin, die juengste Schwester des Vaters, zum Beispiel konnte ihren Abscheu gegen diesen jugendlichen Chauvinismus nicht verbergen. Die Benjamins und Paul Gruenfelds waren nur den Tag ueber da, waren die Nacht ueber gefahren und fuhren abends wieder nach Berlin zurueck, andere Verwandte blieben etwas laenger. Aber in der Atmosphaere der Abstimmung war das keine Zeit, ein schoenes Wiedersehen mit der Familie zu feiern.

Die Abstimmung und auch die Tage und ersten Wochen danach verliefen ruhig. In der Stadt Kattowitz selbst hatten 85% fuer Verbleib bei Deutschland gestimmt, im Landkreis 55% fuer Polen, beide zusammengerechnet ergab 51.7% fuer Deutschland, aber die benachbarten Kreise Pless und Rybnik hatten, abgesehen von den ja kleineren Staedten viel groessere Mehrheiten fuer Polen, waehrend Stadt-und Landkreis Beuthen zusammen gerade 50.3% fuer Deutschland entschieden. Das oberschlesische Gesamtergebnis war 59.6% fuer Deutschland. Laut dem Versailler Vertrag (21) sollte fuer "die als Grenze Deutschlands in Oberschlesien anzunehmende Linie....sowohl der von den Einwohnern ausgedrueckte Wunsch, wie auch die geographische und wirtschaftliche Lage der Ortschaften Beruecksichtigung" finden. Die Alliierten Maechte, durch ihre Botschafterkonferenz, sollten darueber befinden.

Die Abstimmungsergebnisse gaben ein sehr komplexes Bild, der polnische Stimmenanteil, besonders in den suedlichen Gebieten, war sehr viel hoeher als die deutsche Seite erwartet hatte (22). Alles deutete nun darauf hin, das es zu einer Teilung Oberschlesiens kommen wuerde. Von deutscher Seite wurden aus Oberschlesien im April Delegationen nach England, Frankreich und Italien gesandt, "um einflussreiche politische Kreise zuverlaessig zu unterrichten" (23). Mein Vater gehoerte der vierkoepfigen Delegation nach Italien an. Sie bestand ausserdem aus Pfarrer Ulitzka aus Ratibor, Reichstagsabgeordneter der katholischen Zentrumspartei, in der er spaeter sehr prominent wurde, dem Generaldirektor Pistorius der Fuerstlich Plessischen Bergwerksdirektion Kattowitz, wo er auch stellvertretender Stadtverordnetenvorsteher gewesen war, und dem sozialdemokratischen Gewerkschaftssekretaer Franz. Warum der Vater in den aufgeregten Zeiten nach der Abstimmung wegfuhr, wurde uns natuerlich ausfuehrlich erklaert, und so erinnere ich mich auch, dass er eine Einfuehrung an den Chef der Banca Commerciale in Milan, Toeplitz, hatte, der damals ziemlich bekannt war. Als Vertreter der Deutschen Demokratischen Partei war Vater wohl allgemein fuer Kontakte mit den damals einflussreichen "laizistischen" Parteien zustaendig, er war ja auch Freimaurer.

So kam es denn auch, dass unser Vater nicht da war, als am 3.Mai der grosse 3.polnische Aufstand ausbrach. Das wurde nun fuer unsere Jugend eine weitere Bekanntschaft mit Gewalt, Gefahr und der Ungewissheit, was die naechste Stunde, geschweige denn die weitere Zukunft bringen wuerde. Die Umgebung der Stadt war sofort in den Haenden der Aufstaendischen, als wir am 3.Mai aufwachten. Der Chauffeur, mit dem deutschen Namen Adler, der bei uns im Haus wohnte, war fort mit dem Hausschluessel, es stellte sich heraus, dass er sich den Aufstaendischen angeschlossen hatte. Draussen in Karbowa waren auch die Aufstaendischen, ein guter Geist fuer die Familie, der Portier des Werks Theodor Walla, hielt die Verbindung aufrecht; manchmal bekamen wir Gemuese, aber sein aeltester Sohn Heinrich hatte sich auch den Aufstaendischen angeschlossen. Das war eben Oberschlesien.

Der Aufstand war gut organisiert und vorbereitet mit Hilfe und starkem Zuzug von der POW aus Polen, aber der Stamm der Aufstaendischen waren eben polnische Oberschlesier. Es ging ruecksichtslos und zum Teil grausam zu. Die Stadt war wie belagert, aber es bestand hier und in anderen Staedten eine Art modus vivendi der Aufstaendischen mit den alliierten Besatzungstruppen, dass die Staedte selber nicht angegriffen oder von den Aufstaendischen besetzt werden sollten.

Aber bei uns war dieser Ring sehr eng, und es wurde viel und auch in die Stadt hineingeschossen, vor allem nachts. Unser grosser Garten hinter dem Haus grenzte an die Rawa; dahinter waren Bruchfelder, eine Art Niemandsland, auf der anderen Seit gehoerte die Ferdinandgrube schon den Aufstaendischen. Auch von dort wurde manchmal geschossen. Zuerst durften wir ueberhaupt nicht mehr in den Garten, dann zeitweise, aber wenn man anfing, Schuesse zu hoeren, mussten wir sofort ins Haus.

Aber man weiss ja, wie das ist. Wenn die Risiken ueber eine Zeit andauern, dann wird man abgestumpft und faengt an, sie leichter zu nehmen. Schlimm war, dass nachdem nachts ganz systematisch fuer einige Zeit geschossen wurde, man am naechsten Tag las, dass Kinder in ihren Betten erschossen worden waren, auch von derselben Seite her, auf die unser Garten ging.

Wir hatten ja noch immer franzoesische Einquartierung und zwar seit einiger Zeit den franzoesischen Platzkommandanten Colonel Ardisson, der auch noch seine Frau und zeitweise den erwachsenen Sohn und die Tochter hatte nachkommen lassen. Der Herr v. Brunn war schon ausgezogen, und so hatten wir Platz genug. Natuerlich empfand man die franzoesische Besatzung als einen gewissen Schutz, aber man wusste doch nie, was der naechste Tag bringen konnte. Von der Ferdinandgrube war es kaum mehr als fuenf Minuten zu Fuss und einen Sprung ueber die kleine Rawa bis zu unserem Garten, und ueberhaupt wer wusste, wie lange der Waffenstillstand ueber Nichtbesetzung der Staedte anhalten wuerde.

Im Industriegebiet waren die Landkreise alle in den Haenden der Aufstaendischen. Eisenbahn- und Strassenverkehr waren praktisch lahmgelegt, die Aufstaendischen bildeten ad hoc Verwaltungen dafuer, auch ein interalliierter Zug, der taeglich von Kattowitz nach Oppeln und zurueck ging, konnte nur mit ihrer Erlaubnis benutzt werden.

Unser Vater war unterdessen von Italien wieder nach Breslau und auch bis Oppeln gekommen, durfte aber nicht nach Hause kommen. Nach einiger Zeit konnte er aber fuer uns eine Genehmigung "zur Ausreise" arrangieren, und so fuhren Mutter, wir drei Kinder und Else Jeppesen mit dem interalliierten Zug nach Oppeln.

Diese Reise war natuerlich eine ziemliche Aufregung. Man wusste von Einigen, die sie gemacht hatten, aber erst kurz vorher war zum Beispiel der Pastor Voss von den Aufstaendischen aus dem Zug geholt, allerdings dann nach einem Verhoer wieder freigelassen worden. Bei uns aber ging es ohne Zwischenfall. Wir wurden dann nach einem Besuch in Breslau im Riesengebirge in Krummhuebel fuer die naechsten Monate "parkiert", aber Vater war vorwiegend in Breslau und Oppeln. Natuerlich war es sehr schoen so lange im Riesengebirge zu sein, wir hatten es schon im Vorjahr bei einem kuerzeren Ferienaufenthalt in Brueckenberg kennengelernt, aber diesmal war doch alles von so grosser Unsicherheit ueber die Zukunft umwittert. Die Verwandtschaft in Berlin plaedierte stark mit Vater, dass er den Familienbesitz in Kattowitz verkaufen und nach Deutschland ziehen sollte. Onkel Felix Benjamin war im Aufsichtsrat der Luebecker Huette, an der Rawack & Gruenfeld damals massgeblich beteiligt waren, und schlug vor, dass Vater die Leitung von deren Zementfabrik uebernehmen sollte und wir nach Luebeck uebersiedeln wuerden.

Bei all dem blieb aber doch im Vordergrund die Sorge, wie es wohl zu Hause aussieht. Man hoerte und konnte sich vorstellen, die Not und


Rueckblicke - 10/58

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