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- Rueckblicke - 2/58 -


im suedlichsten Oberschlesien bei Krakau, aber staatliche Oberhoheit wechselte und fiel schliesslich durch Vertrag 1335 an die boehmische Krone, damals, nach Aussterben der tschechischen Przemysliden, in der Hand der Luxemburger, die auch mehrere deutsche Kaiser stellten.

Die Mongoleneinfaelle des 13. Jahrhunderts waren in Schlesien zum Benefit fuer ganz Europa gemeinsam von schlesischen, polnischen und deutschen Kraeften aufgehalten worden, aber grosse Verwuestungen blieben. Vielleicht waren diese Anlass fuer verstaerkte Siedlung von Deutschland her, auf Einladung schlesischer Piasten und von Kloestern, bestehend aus baeuerlicher und staedtischer Siedlung, beide unter aus deutschen Gebieten mitgebrachten Rechtsordnungen, von denen dann auch ueber Schlesien hinaus in polnischen Gebieten Gebrauch gemacht wurde. Die Welle deutscher Siedlung dauerte bis ins 14. Jahrhundert, hinterliess unterschiedliche Spuren in der Bevoelkerung, das Bild veraendert sich im Laufe der Jahre wieder, mancherorts sieht man fortschreitende Assimilation von Siedlern an die polnisch sprechende Umgebung. Deutsche Siedlung, ebenso wie zunehmende Verschwaegerung schlesischer Piastenherzoege mit deutschen Fuerstenfamilien koennten mit ein Antrieb gewesen sein fuer die Entscheidung schlesischer Piasten fuer boehmische statt polnischer Oberhoheit. Man muss aber wohl vorsichtig sein bei der Interpretation mittelalterlicher dynastischer Entscheidungen. Schlesien blieb nun bei der boehmischen Krone fuer 400 Jahre, hatte aber durchaus nicht so langen Frieden, es wurde in deren Konflikte einbezogen, so die Hussitenkriege mit tschechischen, ungarischen und dann polnisch-jagiellonischen Interregnen zwischen Luxemburgern und schliesslich den Habsburger Herrschern, die alles 1526 ererbten.

Die Reformation drang frueh in Schlesien ein. Die Struktur der Herrschaft hatte sich geaendert. Die schlesischen Piastenherzogtuemer fielen bei Aussterben der Linien als Standesherrschaften an auswaertige Fuersten, darunter auch Hohen- zollern, oder wurden durch Prag an Neuankoemmlinge vergeben. Die schlesischen "Staende" wurden somit eine immer komplexere Versammlung.

Die adligen Staende Boehmens und Maehrens hatten waehrend der Wirren um die boehmische Krone sehr an Macht gewonnen. Das trug dazu bei, dass die Reformation in Boehmen und Maehren besonders grosse Fortschritte machte; auch in Schlesien breitete sie sich aus unter Einfluessen aus verschiedenen Richtungen. In Polen machte die Reformation zunaechst auch Eindruck und findet Anhaenger auch unter polnischen Adligen und Gemeinden in Oberschlesien. Es war nicht so, dass mit dem Uebergang der Hoheit an Boehmen der wirtschaftliche und kulturelle Kontakt mit den angrenzenden polnischen Gebieten aufgehoert haette. Es bestand weiter die kirchliche Verflechtung der meisten oberschlesischen Dekanate mit dem Bistum Krakau. Auch zum Universitaetstudium gehen Oberschlesier nach Krakau, aber man liest auch von einem polnischen protestantischen Geistlichen im zur Standesherrschaft Pless gehoerigen Dorf Woschczytz, der zum Studium nach Wittenberg gegangen war (4).

Die Erwaehnung von Woschczytz interessierte mich, weil sich dann dort spaeter die ersten Spuren unserer Familie Gruenfeld in Oberschlesien finden. Die Gegenreformation, mit aeusserster Strenge von den Habsburger Kaisern in Schlesien durchgefuehrt, reduzierte hier den Protestantismus bald, aber in Boehmen blieben die Beziehungen der Staende mit dem habsburgischen Kaiser so gespannt, dass von dort der dreissigjaehrige Krieg ausbrach, der das benachbarte Schlesien furchtbar in Mitleidenschaft ziehen sollte. Wallensteins und Mansfelds Heere zogen durch und kampierten, es dauerte lange, bis der Rueckschlag im Wohlstand Schlesiens ueberwunden war.

Eine notwendige Anmerkung

Nach dem Rueckblick auf geschichtliche Entwicklungen in Oberschlesien, der uns schon auf das engere Gebiet gebracht hat, in dem ich meine Familie dann im fruehen l9. Jahrhundert anfinde, ist es Zeit, sich zu erinnern, dass dies eine juedische Familie war, und das Schicksal der Juden in Oberschlesien, wie in Europa ueberhaupt, noch eine besondere Betrachtung erfordert. Einer muendlichen Tradition nach soll unsere Familie aus Maehren nach Oberschlesien gekommen sein und urspruenglich aus Iglau stammen. Wenn ich mir vorzustellen versuche, wie es meinen juedischen Vorfahren in der Zeit ergangen sein koennte, von der wir gesprochen haben, denke ich vorerst an die Geschichte der Juden in Maehren. Frueheste beurkundete Besuche von Juden als "beglaubigte Kaufleute" in Maehren gibt es von 903 AD., aber Beginn ihrer Ansiedlung wird erst fuer das 12. Jahrhundert angenommen (5).

Man bemerkt sie als staedtische Siedlung, wie in den deutschen Staedten Speyer und Worms gibt es Rechtsschutz fuer Juden als Minderheit. In Prag wird er in einem Statut von ca. 1174 gemeinsam fuer deutsche, flaemische und juedische Kaufleute geregelt, und in Maehren zuerst im Stadtrecht von Iglau, einer schnell gewachsenen Stadt, die bald eine der groessten juedischen Gemeinden Maehrens hatte, aber 1426 wurden die Juden aus der Stadt vertrieben, weil sie die Hussiten unterstuetzt haetten. Bald folgte Vertreibung aus den anderen selbststaendigen Staedten, wegen des mehr gebraeuchlichen Vorwurfs des Wuchers. Gewiss hatte sich auch schon in Iglau wirtschaftlicher Neid der Staedter mit religioesem Eifer neuer Herrscher gepaart. Die maehrischen Juden fanden Refugium in kleineren, adligen Grundherren untertaenigen Staedten, konnten dort und auch den angrenzenden Doerfern, die oft demselben Adligen gehoerten, Handel treiben (6).

Sie konnten auch an den regelmaessigen Maerkten in den groesseren Staedten, aus denen sie vertrieben waren, teilnehmen gegen Zahlung von Besuchergebuehren. Die schon erwaehnte unabhaengige Eigenwilligkeit des Adels in Maehren zeigte sich nicht nur im starken Anteil von Protestanten, sondern auch im zaehen Widerstand gegen Beschraenkung ihrer Moeglichkeiten, von wirtschaftlicher Taetigkeit von Juden Gebrauch zu machen. Juden betrieben nicht nur Handel, sie wurden Paechter oder Verleger fuer neue gewerbliche Betriebe adliger Gueter, wie Gerbereien oder Branntweinbrennereien (7). Der Refugiumcharakter Maehrens dehnte sich auch auf die Maehren benachbarten Gebiete der einstigen oberschlesischen Herzogtuemer Ratibor und Oppeln aus (8). Maehren wurde auch Refugium fuer andere Juden, so bei Judenvertreibungen aus Wien, waehrend der Wirren des dreissigjaehrigen Krieges und auch der blutigen Verfolgungen im oestlichen Polen (Ukraine) 1648. In Schlesien hatte sich die vom gegenreformatorischen Eifer gegen alles "Akatholische" inspirierte und mit der wirtschaftlichen Gegnerschaft der Staedte gegen die Juden gepaarte antijuedische Politik der Habsburger Kaiser bis ins 17. Jahrhundert soweit durchgesetzt, dass es Juden mit Aufenthaltsrechten nur noch in den beiden Staedten Glogau und Zuelz gab, aber sich im suedlichen Oberschlesien eine kleine juedische Bevoelkerung auf dem Land erhalten konnte. Wirtschaftliche Beduerfnisse aber sprachen fuer Aufrechterhaltung juedischer Teilnahme, vor allem aus Polen, an den staedtischen Maerkten, und es kam zu kleinen Ansiedlungen (9).

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts versuchte Maria Theresia wie schon ihr Vater, die Beschraenkungen gegen juedische Residenz auch in Boehmen und Maehren wieder zu verstaerken, und 1744 verfuegte sie die Ausweisung aller Juden aus ihrem "Erbkoenigreich Boeheimb" wegen vermeintlicher preussenfreundlicher Haltung der Juden waehrend des Schlesischen Kriegs (10). Das betraf auch Maehren. Die Fristen wurden oertlich verschieden verlaengert. Es scheint also, dass Zuwanderung von maehrischen Juden in das nahe, unterdess zu Preussen gehoerige suedliche Oberschlesien gerade fuer diese Zeit gut erklaerlich ist.

Kapitel 2

Die Familie in Kattowitz

Diese fuehrt uns zu den Anfaengen juedischer Emanzipation, etwas vom Leben in einer der oberschlesischen, kleineren Staedte wie Sohrau, dann der Entwicklung im oberschlesischen Industriegebiet und der Entstehung der Stadt Kattowitz. Die deutsch-polnische Problematik stellt sich vornehmlich in den durch die Teilungen Polens an Preussen gefallenen Provinzen Posen und Westpreussen, aber spielt auch eine Rolle im stark polnisch-sprechenden Oberschlesien. Wir denken an kulturelle und kommunale Entwicklung in der jungen Stadt Kattowitz, in der ich dann 1908 geboren wurde.

Meinen Urgrossvater Hirschel Gruenfeld findet man in der Liste der durch die Hardenberg'schen Reformen 1812 zu preussischen Staatsbuergern werdenden schlesischen Juden (1). 1817 zieht er mit seiner Frau und drei ihrer Kinder von Woschczytz nach der Stadt Sohrau. Nach dem Tod seiner Frau 1818 (3) heiratet er 1820 Lewine (spaeter Louise) Huldschinsky (4). Diese neue Familie Gruenfeld hat dann drei Soehne und fuenf Toechter bis Hirschel Gruenfeld 1840 in Sohrau stirbt.

Ich habe kaum Anhaltspunkte, mir ein Bild von ihm zu machen, hoechstens von der Umgebung, in der er gelebt hat. Das Dorf Woschczytz, schon von mir erwaehnt, ist 1836 ausgewiesen mit einer Wasser- und Saegemuehle und einem Frischfeuer, 57 Haeusern und 352 Einwohnern (5). Im Verlauf der wieder zunehmenden Ansiedlung von Juden in Oberschlesien wird es fuer 1693 erwaehnt (6), aber bereits fuer 1678 erscheint ein juedischer Messegast in Leipzig aus Woschczytz(7). Die Naehe der Stadt Sohrau hat vermutlich auch juedische Kaufleute nach dem benachbarten Woschczytz gezogen, da Ansiedlung fuer sie in Sohrau begrenzt war. Wirtschaftlich wurde Sohrau stark durch seine Woll- und spaeter Leinwandweberei, und dazu kam schon im 16. Jahrhundert ein bedeutendes Schuhmachergewerbe(8), mit zeitweise 32 Meistern. Hirschel Gruenfelds Beruf "Lederhandel" kann damit zu tun gehabt haben. Ueber Umfang und Erfolg seines Geschaefts haben sich in der Familie keine Informationen erhalten. Er starb mit etwa 60 Jahren, seine Frau war wesentlich juenger, das juengste der acht Kinder wurde erst im selben Jahr geboren. Eine Schwester der Frau hatte den Gastwirt Hirschel Loebinger in Sohrau geheiratet. Mein Vater hat oft betont, dass die Familien eng zusammenlebten, auch dass die Familie Loebinger ebenso wie die Gruenfelds von Maehren nach Oberschlesien gekommen waren.

Die beiden aelteren Soehne Hirschel Gruenfelds verliessen Sohrau bald nach seinem Tode, also noch sehr jung, naemlich Abraham, geboren 1823 und Isaak, spaeter Ignatz genannt, geboren 1826, mein Grossvater. Er wird spaeter ein Maurerlehrling und hat dann verschiedene Stellungen als Geselle und Polier, bis er sich 1855 in der Dorf- und Industriegemeinde Kattowitz als Meister niederlaesst. Einen Abraham Gruenfeld aber finden wir in Sohrau wieder, meist als Lehrer bezeichnet, manchmal als Kaufmann. Auch meine Urgrossmutter hat noch bis um 1870 in Sohrau gelebt, es blieb auch fuer meinen Vater eine Art Begriff eines Herkunftsorts der Familie, ich konnte mir auch heute nachtraeglich ein gewisses Bild vom Leben dort machen, denn es gibt eine sehr ausfuehrliche Stadtgeschichte (9). Meine Heimatstadt Kattowitz gab es ja noch gar nicht als Stadt in der 1.Haelfte des 19. Jahrhunderts, aber Sohrau war eine alte Stadt mit althergebrachtem buergerlichem und Zunftleben, ueberwiegend katholisch geblieben. Ich fand es interessant zu sehen, wie zur Zeit meiner Urgrosseltern das Leben sich da veraenderte, mit zunehmender Gewerbefreiheit, und was man ueber die Emanzipation der Juden und ihre Probleme dabei sehen kann. Juden waren mit dem Wirtschaftsleben von Sohrau wohl lange verbunden. Schon fuer 1511 werden "Judenacker" neben der Stadt erwaehnt (10). Die Staedte liessen Juden zu ihren Maerkten zu, auch wenn sie sich lange Zeit nicht ansiedeln durften. Erst fuer das 18. Jahrhundert hoeren wir dann von juedischen Einwohnern. 1791 leben aber an Juden erst 34 Personen in der Stadt, 103 in den "Vorstaedten". 1856 waren es dann schon 471, nach der Emanzipation hatte Sohrau starken


Rueckblicke - 2/58

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