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- Rueckblicke - 20/58 -


Im DStV wurden auch die entsprechenden oesterreichischen Studentengruppen Mitglieder. Besonders die Sozialistische Studentenschaft hatte eine sehr starke und aktive Mitgliedsgruppe in Wien, es gab auch eine Freiheitliche Gruppe dort, und es schien selbstverstaendlich, dass die republikanischen Studenten sich auch auf grossdeutscher Basis organisieren wuerden, wie es die Deutsche Studentenschaft war. Aehnliche Gruppen an den deutschen Hochschulen in Prag und Bruenn sollten auch in den Deutschen Studentenverband einbezogen werden, der so zeigte, dass er sich dieser ausserhalb Deutschlands lebenden Deutschen durchaus bewusst war und von seinem politischen Standpunkt eine Haltung und Loesungen dazu entwickeln wollte.

So wurde dem Innenamt im Vorstand noch ein Grenzlandamt angegliedert. Anfang Mai 1929 hielten wir eine Grenzlandtagung in Dresden gemeinsam mit den "Lese- und Redehallen der Deutschen Studenten" von Prag und Bruenn ab (22). Das waren schon alte Institutionen freiheitlicher Studenten, also mit der deutschsprachigen liberalen Prager Kulturszene verwandt. Dazu kamen noch sozialistische Vertreter. Unsere Tagung, stark besucht und recht repraesentativ im Weissen Hirsch aufgezogen, war eine Notwendigkeit fuer eine lebendige Eingliederung der Prager und Bruenner Gruppen und war auf dem Programm unseres Vorstands. Fuer mich traf es sich mit dem lebhaften Interesse an der Problematik und Bewegung der Minderheiten in Europa, das ich von meiner oberschlesischen Heimat her hatte (23).

Die DStV Gruppe an der TH Dresden und auch der demokratische Studentenbund, von Helmut Eichler geleitet, bereitete die Tagung gut vor, und sie staerkte auch seine Stellung in Dresden, wo es in der Studentenschaft der TH ebenso wie in Leipzig auch Stroemungen fuer Distanzierung von der Deutschen Studentenschaft gab. Von dieser wurde nach 1927 auch die zentrale Organisation fuer die studentische Wirtschafthilfe abgetrennt, das Deutsche Studentenwerk mit Sitz in Dresden, und die Tagung gab uns auch willkommene Gelegenheit fuer engeren Kontakt mit fuehrenden Leuten im Studentenwerk(24).

Danach kam Pfingsten, immer eine schoene Zeit fuer politische Jugend- und Studententagungen. Die Jungdemokraten hatten ihre Jahrestagung in Worms als ein deutsch-franzoesisches Jugendtreffen mit der Jugendorganisation der franzoesischen Radikalsozialistischen Partei Herriots. Die demokratischen Studenten beteiligten sich mit ihrer Jahresversammlung aller Mitgliedsgruppen und auf franzoesischer Seite entsprach dem die "Ligue d'Action..."unter Fuehrung von Pierre Mendes-France. Auf der Sitzung des Reichsbunds demokratischer Studenten sollte Joachim Joesten als demokratischer Vertreter ueber die Arbeit des Deutschen Studentenverbands berichten.

Ich selbst wollte wieder die Pfingsttagung des VDA, diesmal in Kiel, besuchen. Der Leiter des DStV in Kiel war Helmuth Spiegel, er fuehrte auch die Sozialistische Studentengruppe und beteiligte sich auch aktiv beim VDA in Kiel. Sein Vater, Rechtsanwalt und altverdienter Sozialdemokrat, war damals Stadtverordnetenvorsteher von Kiel. Meine vorjaehrige Unterhaltung mit Neumann hatte anscheinend Eindruck gemacht. Im Mittelpunkt der Studententagung stand nicht mehr ein Festkommers, sondern eine Art Akademie in einer Kapelle, mit Vortrag des bekannten Berliner Historikers Pflug-Hartung und mit Kammermusikumrahmung. Abends gab es einen Vortrag des eindeutig auf republikanischer Seite stehenden Schriftstellers Walter v. Molo ueber "Dichtkunst und Volkstum". Da hatte sich doch das Blatt etwas gewendet.

Es war eben die Zeit, als die Regierung der Grossen Koalition noch intakt war, die Republik zunehmend an Achtung und Staerke zu gewinnen schien. Helmuth Spiegel wollte eine Anzahl republikanischer Studenten aus umliegenden Hochschulen zur Teilnahme gewinnen, und auch unser norddeutscher Kreisleiter Kreye aus Hamburg, ein linker Sozialist, kam. Kurz vor meiner Abreise nach Kiel ergab sich eine Komplikation: Joachim Joesten weigerte sich nach Worms zu kommen und die ihm dort zugedachte Rolle zu uebernehmen. Muellerburg bat mich, meine Plaene fuer Kiel aufzugeben und statt dessen nach Worms zu kommen, unser Studententag wuerde erwarten, von einem Vorstandsmitglied des Deutschen Studentenverbands aus erster Hand einen Bericht zu bekommen. Diese Sitzung sollte erst am Pfingstmontag stattfinden. Wir verabredeten, wenn ich wirklich dabei sein muss, wuerde er ein Telegramm nach Kiel schikken, und er versprach, sein Bestes zu tun, das zu vermeiden. So fuhr ich also nach Kiel, die Spiegels hatten ein sehr gastliches Haus, viele sozialdemokratische Prominente hatten sich im Gaestebuch eingetragen, wir waren nun eine ganze Anzahl republikanischer Studenten beisammen. Es gab einen Republikanischen Akademikerklub in Kiel, der fuer uns einen Begruessungsabend veranstaltete, ich musste ueber den Deutschen Studentenverband sprechen.

Es gab mehrere angesehene republikanische Hochschullehrer in Kiel: Baumgarten, Schuecking, Toennies, Kantorowicz u.a. Die VDA Tagung liess sich auch interessant an, ich traf ja auch Bekannte aus Kattowitz, darunter Otto Ulitz und die alte Familienfreundin Rosa Speier, und natuerlich traf ich auch Werner Mahrholz, dem der so viel besser republikanische Anstrich dieser Kieler VDA Tagung auch sehr zusagte. Bei der Studententagung gab es aber doch noch einen peinlichen Misston. Wir sassen alle zusammen in dem Kirchenschiff, als Dr. Pflug-Hartung seinen Vortrag hielt und eine scharf gegen die Weimarer Republik gerichtete Aeusserung nach der anderen von ihm zu hoeren war. Es wurde immer ungemuetlicher, Kreye neben mir zupfte an meinem Aermel, wir guckten uns alle an, und schliesslich beschloss ich, aufzustehen und den Saal zu verlassen. So taten acht bis zehn von uns hinter mir, wie wir da herausdefilierten. Das war eigentlich schade, die Form der Veranstaltung gut gedacht, der fuer den Abend geplante Vortrag Walter v. Molo's ebenso, aber ich hatte keine Wahl, so ausfaellig war Pflug- Hartung geworden.

Am Samstagabend kam Muellerburgs Telegram, das mich um Hilfe fuer Montagmorgen in Worms bat. Ich nahm es mit sehr gemischten Gefuehlen auf. Am Pfingstsonntagmorgen packte ich meinen Koffer, gab ihn nach Worms auf und ging nur mit meiner Aktentasche voll mit Papieren, Waschzeug, Pyjama etc. zur Morgenfeier der VDA Tagung auf die Festwiese. Dort sah ich Werner Mahrholz, er stand mit dem demokratischen Reichstagsabgeordneten, dem frueheren Reichsinnenminister Kuelz, der sich auch fuer den VDA interessierte, am Rande der Festwiese. Mahrholz winkte mir zu, und ich stand dann dort mit den beiden, aber vor dem Ende musste ich gehen, um meinen Zug nach Worms zu erreichen, was ich Mahrholz auch erklaeren wollte. Am naechsten Morgen war ich in Worms.

Der Jungdemokratentag war auch ein froehliches Treiben, aber ich musste sofort zur Sitzung der Studententagung; es war eine recht grosse Versammlung aus allen Teilen Deutschlands und gut, so viele wiederzusehen oder kennenzulernen. Es sind mir viele in guter Erinnerung geblieben, Hamburg, Muenchen, Marburg, Koeln. Es war ganz klar, sie wollten wirklich ueber den Deutschen Studentenverband sprechen und hatten was zu sagen. Zum Schluss wurde ich zum stellvertretenden Vorsitzenden des Reichsbunds der demokratischen Studenten gewaehlt. Nach unseren Sitzungen nahm ich noch teil an einer Zusammenkunft mit den franzoesischen radikal-sozialistischen Studenten ueber Plaene fuer weitere Zusammenarbeit. Ich sass Pierre Mendes-France gegenueber.

Danach kam eine Rheinfahrt von Besuchern der Jugend- und der Studententagungen, an der ich nun auch teilnahm, und auch spaeter in der Woche an einem Westdeutschen Kreistag des DStV in Koeln. Die Rheinfahrt von Mainz nach Koenigswinter war wirklich schoen. Als staerkste Persoenlichkeit unter den Jungdemokraten auf dieser Rheinfahrt ist mir der Hamburger Erich Lueth in Erinnerung geblieben, von grosser Vitalitaet, etwas wild, er hat ja auch im politischen Leben der jungen Bundesrepublik sich wieder einen Namen gemacht. Mit Hans Fest und Paul Freitag von der Hamburger Studentengruppe verstand ich mich besonders gut, und dann war dort noch Tantzen aus Goettingen, der "junge" im Gegensatz zu seinem Vater, der demokratischer Reichtstagsabgeordneter, ein oldenburgischer Bauernfuehrer und dort Ministerpraesident war. Der Sohn war ein sehr begeisteter und ungestuemer Kaempfer fuer die republikanische Sache, repraesentierte die Demokraten und den DStV in Goettingen.

Er hatte sich mehrfach bei uns in Berlin ueber die Goettinger Universitaet, Rektor und vor allem den Kurator Schulz beschwert, die es weiter zuliessen, dass die Deutsche Studentenschaft mit ihren Anschlagbrettern als die offizielle Studentenvertretung auftrat. Zu meinen Aufgaben im "Innenamt" des DStV gehoerte laufender Kontakt mit dem preussischen Kultusministerium, vor allem mit Ministerialrat Leist, auch in solchen Fragen. Der Kurator hatte Leist gegenueber alle Anschuldigungen Tantzens zurueckgewiesen und ihn als einen Krakehler bezeichnet. Leist meinte, jemand sollte doch mal hinfahren und ihm berichten. Tantzen hatte das selbst schon gefordert und auf der Rheinfahrt ueberredete er mich, nach der Koelner Kreistagung auf dem Rueckweg nach Berlin mit ihm ueber Goettingen zu fahren. Meine kurze Zeit dort teilte ich zwischen ihm, der Besichtigung der mit Recht beanstandeten Anschlagbretter und dem alten Freund Karl-Heinz Lubowski, der sein Studium in Krakau aufgegeben und nun in Goettingen weiter Jura studierte. Er war oft bei Goepperts, leider war Maria Goeppert, meine so begeisternde Bekanntschaft vom vorherigen Sylvester nicht da, die alte Frau Professor lud mich mit Karl-Heinz zum Tee ein. Zurueck in Berlin, berichtete ich Ministerialrat Leist ueber die Goettinger Anschlagbretter. Er wollte veranlassen, dass der Geheimrat Schultz seines Postens als Kurator der Universitaet enthoben wuerde. So endete mein ausgedehnter Pfingstausflug in diesem so lebhaften Sommersemester 1929.

Die Aktivitaeten des DStV entfalteten sich gut, ueberall im Reich wurden Versammlungen und Vortragsabende unter Mitwirkung republikanischer Hochschullehrer und Politiker veranstaltet, im Juli 1929 kam unsere neue Zeitschrift "Student und Hochschule" heraus. In unserem Buero lernte ich viele der jungen sich bei den Sozialdemokraten profilierenden Politiker und Publizisten kennen, die uns dort besuchten, darunter Adolf Reichwein, damals Pressechef des Kultusministers Becker, Theo Haubach, Walther Pahl, Immanuel Birnbaum, damals Korrespondent der Vossischen Zeitung in Warschau, und Rudolf Kuestermeyer, Veteran der Studentenbewegung aus Freiburg.

Da zu meinem neuen Studium juristische Vorlesungen und Uebungen an der Universitaet und Handelshochschule gehoerten, fuehrte mich mein Weg ohnehin mehrmals die Woche ins Zentrum Berlins und eben auch in unser DStV Buero in der Albrechtstrasse gegenueber dem Schiffbauerdamm. Dazu kam noch die Preussische Staatsbibliothek und dann war noch das Caffee Schoen (Unter den Linden). Mein Nachfolger im Demokratischen Studentenbund Berlin, Robert Hess, gestaltete das Leben und Programm der Berliner Ortsgruppe sehr lebendig und hatte besondere Begabung fuer menschliche Kontakte. Es hatte sich ein regelmaessiger Mittagsstammtisch im 1.Stock des Caffee Schoen gebildet, er war der eigentliche Promotor und blieb die Seele dieser Einrichtung. Die Teilnehmerzahl konnte so zwischen vier und zwoelf schwanken; es fing mit uns demokratischen Studenten an, aber dann kamen auch Freunde aus den anderen republikanischen Gruppen, auch regelmaessig Veteranen wie Winners, damals Korrespondent des Christian Science Monitor, spaeter bei der Chicago Herald Tribune in Berlin, sein Freund Dr. Brock, sehr katholisch, auch bei einer auslaendischen Zeitung.

Zu den besonders engen Kontakten hatte beim Demokratischen Studentenbund der Staatssekretaer im preussischen Innenministerium Dr. Abegg gehoert, und jetzt im Deutschen Studentenverband wurde das noch ausgesprochener. Er war in vielem ein wichtiger Mentor. Das


Rueckblicke - 20/58

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