Schulers Books Online

books - games - software - wallpaper - everything

Bride.Ru

Books Menu

Home
Author Catalog
Title Catalog
Sectioned Catalog

 

- Rueckblicke - 4/58 -


Neuankoemmlingen viele Anspruchsvollere und Besserverdienende gab mit eigenen Ideen allein schon ueber Strassenpflasterung und Beleuchtung etc. Fuer die eingesessenen Bauern haette es schon eine naheliegende Idee sein koennen, dass der Ort mit den Gegebenheiten und Anforderungen der grossen industriellen Entwicklung zum eigenen Nutzen Schritt halten sollte. War nun baeuerlicher Widerstand dagegen und gegen Erwerb der Stadtrechte eine ganz uebliche Situation und aus dem Gegensatz der sachbezogenen Interessen beider Seiten gut verstaendlich, oder war es eine besondere Situation durch die nationalen Gegensaetze in Oberschlesien?

Vom heutigen Blickpunkt des spaeten 20. Jahrhunderts koennte man auch sagen, diese Bauern waren anscheinend ganz fruehe Umweltschuetzer, die ihre Dorfwelt nicht von der sich breitmachenden Industrie verdraengt sehen wollten. Aber wie so oft, die deutschpolnische Spannung wird hier, sowohl von Zeitgenossen, wie in spaeteren Rueckblicken, von beiden Seiten als der Hauptgrund angefuehrt. Schon Dr. Holtze berichtet in seiner Stadtgeschichte von 1871, dass die polnischen Bauern alle Forderungen der, wie sie sagten, "Deutschen und Juden" mit einem "nie chca" ablehnten, und der Gymnasialdirektor G.Hoffmann kommentiert in seiner Stadtgeschichte von 1895 dazu: "Es war eben der Widerstand des polnisch-baeuerlichen Elements gegen den von deutscher und juedischer Seite vertretenen Fortschritt" (23).

Heutige polnische Stimmen aus Katowice erinnern an den Widerstand der Bauern gegen die Germanisierungstendenzen der Neuankoemmlinge, denen allein die Verleihung der Stadtrechte dienen sollte, und an den letzten polnischen Dofschulzen Kazimierz Skiba, der bis 1859 20 Jahre im Amt gewesen war, fuer polnische Sprache und Schule gekaempft und eine grosse polnische Bibliothek fuer sich gesammelt habe (24). Also wird seiner jetzt als Seele des damaligen nicht nur baeuerlichen, sondern nationalen polnischen Widerstands gegen die Stadtwerdung gedacht. Inzwischen ist das kleine Dorf aber nicht nur zur Hauptstadt Oberschlesiens, sondern auch zu einer der bedeutendsten Staedte des heutigen Polen mit etwa 500.000 Einwohnern angewachsen.

Deutsche und Juden werden dabei zwar separat identifiziert, aber sitzen auf derselben Bank als Gegner der urspruenglichen Dorfbewohner. Obwohl Juden schon 1702 und 1737 erwaehnt sind, wird als erster juedischer Ansiedler im Dorf Kattowitz Hirschel Froehlich erwaehnt (25), der 1825 die Arrende pachtete. Seinen Sohn Heimann Froehlich finden wir prominent in den Berichten ueber den Streit zwischen Bauern und Zuzueglern, der sich von 1859 bis zur Stadtwerdung 1865 hinzog. Als mein Grossvater 1855 nach Kattowitz zog, lebten dort unterdessen 105 juedische Personen, 1865 waren es 573 unter 4815 Einwohnern, also 11. 9%, ihr Anteil an den Gemeindesteuern aber betrug 36.7% (26). Durch die Industrialisierung und als Folge der juedischen Emanzipation zogen die sich staerker entwickelnden Industriestaedte viele Juden aus kleineren oberschlesischen Staedten und Doerfern an. Kattowitz, die sich so rasch entwickelnde Industriegemeinde, bis dahin ohne groesseren eingesessenen Buergerstand bot ihnen besonders guten Raum fuer Tatkraft und Profilierung.

Der Geist der Emanzipation, wie ueberall in Europa, mit der Anziehung an Leben und Kultur der Umwelt aktiv teilzunehmen und sich in sie mehr zu integrieren, fuehrte im damaligen Oberschlesien zu juedischer Hinneigung und zunehmender Identifizierung mit dem deutschen Element. Das war ja vielerorts so im oestlichen Mitteleuropa; fuer Kattowitz ist mir aufgefallen, dass dieses Zusammenleben damit auch angefangen hatte, dass sie zusammen auf einer Bank gesessen und den Kampf um die Stadtwerdung gefuehrt hatten.

Ein Argument fuer das preussische Dreiklassenwahlrecht fuer Stadtparlamente war, dass die beruflich und wirtschaftlich Erfolgreichsten auch zur Leitung der Geschicke einer Stadt beigezogen werden sollten. In vielen Teilen Preussens fuehrte dies zu einem verhaeltnismaessig hohen Anteil von Juden in Stadtparlamenten. Sie muessen sich auch unter ihren Kollegen recht oft ausgezeichnet haben, denn oft wurde ein Jude zum Stadtverordnetenvorsteher gewaehlt. Das war nicht nur so in Oberschlesien, wir finden es auch in Breslau und Berlin. Im jungen Kattowitz war ihr Anteil in der Bevoelkerung und in staedtischen Organen noch hoeher als in anderen oberschlesischen Staedten und wuchs noch nach der ersten Wahl von 1866 (27), bei der unter den ersten 18 gewaehlten Stadtverordneten sieben Juden waren (28), darunter auch Ignatz Gruenfeld, der bis zu seinem Tod 1894 Stadtverordneter blieb.

Der Bruder meiner Grossmutter, Elias Sachs, wurde noch aktiver in der Stadtverwaltung. Nach einer fruehen meteorischen Karriere, er fing an mit dem Sammeln von Pferdekutteln als Brennstoff und Bindemittel fuer die Huettenindustrie, dehnte das auf bedeutenden Kohlenhandel aus, gruendete das erste Bankgeschaeft in Kattowitz und beteiligte sich mit zwei anderen Kattowitzer Stadtverordneten, Rosse und Hammer, an der Gruendung der Kattowitzer AG fuer Eisenhuettenbetrieb in Hajduck (28), in deren Aufsichtsrat er bis zu seinem Tod in Berlin 1908 aktiv blieb. Er war seit 1872 Stadtrat in Kattowitz und wurde 1892 vor seinem Wegzug nach Breslau zum Stadtaeltesten ernannt. Das von meinem Grossvater Ignatz Gruenfeld gegruendete Baugeschaeft war auch sehr erfolgreich. Es wurde unter seinem Namen noch bis in die 1930er Jahre fortgefuehrt (29).

In dem steten Wachstum der Stadt Kattowitz hatte es noch zwei neue Entwicklungen gegeben, die ihre zunehmende Bedeutung innerhalb des oberschlesischen Industriebezirks kennzeichnen. 1882 wurde der Sitz des Oberschlesischen Berg- und Huettenmaennischen Vereins, der Zentralorganisation der oberschlesischen Schwerindustrie von Beuthen nach Kattowitz verlegt, und 1895 wurde Kattowitz zum Sitz der neuzubildenden eigenen Eisenbahndirektion fuer den oberschlesischen Industriebezirk bestimmt. Dem gingen laengere Verhandlungen mit der Stadtverwaltung voran, die Schaffung des notwendigen Wohnraums fuer die neuen Beamten garantieren musste. Hierbei soll mein Grossvater noch auf Seiten der Stadtverwaltung eine aktive Rolle gespielt haben.

Von den sechs Soehnen des Ignatz Gruenfeld waehlten zwei auch das Baufach. Der zweitaelteste, Max, studierte Architektur und blieb im Regierungsdienst, kehrte dann als Regierungsbaumeister a.D. nach Kattowitz zurueck. Der drittaelteste, mein Vater Hugo Gruenfeld, besuchte die Baugewerkschule und trat dann mit dem Titel Baumeister noch sehr jung in das Baugeschaeft seines Vaters ein. Nach dem Tod meines Grossvaters 1894 fuehrten diese beiden Brueder sein Baugeschaeft weiter und wurden auch in Aemter in der Stadtverwaltung gewaehlt. Max war einige Jahre als Stadtbaurat Mitglied des Magistrats, mein Vater wurde Stadtverordneter (30).

Wie weit die Parteipolitik Deutschlands schon im 19. Jahrhundert zu Zeiten meines Grossvaters eine Rolle bei Stadtparlamentswahlen in Kattowitz gespielt hat, konnte ich nicht mehr feststellen. Die liberalen buergerlichen Kreise in Deutschland hatten sich nach 1848 in verschiedene Richtungen entwickelt: die Nationalliberalen wurden ganz systemtreu auf Seiten Bismarcks, die Freisinnige Volkspartei stand, mehr fortschrittlich, links davon, also blieben die eigentlichen Vorkaempfer der 1848er Ideale. Rechts von den Nationalliberalen gab es dann noch die Konservativen und Alldeutschen als radikale Nationalisten. Die fuehrenden Leute der oberschlesischen Schwerindustrie gehoerten zum mehr rechtsgerichteten Lager der Nationalliberalen, wenn nicht noch weiter rechts, und die grosse gut etablierte Tageszeitung "Kattowitzer Zeitung" stimmte mit dem vorherrschenden Trend von Industrie und Beamtentum ueberein. Das freisinnige Buergertum hatte ja in der Stadtverwaltung von Kattowitz eine starke Stellung, ebenso wie in Breslau und Berlin, aber dort gab es auch freisinnige Zeitungen (die "Breslauer Zeitung" und mehrere sehr bekannte in Berlin).

Bei den beiden Bruedern Gruenfeld war das politische Engagement zu Beginn des Jahrhunderts jedenfalls schon sehr ausgesprochen. Sie unternahmen einen Versuch, im "0berschlesischen Tageblatt" eine den Gedanken der Freisinnigen Partei ergebene Zeitung aufzubauen. Als Redakteur war Balder Olden, Bruder des spaeter bekannter gewordenen Schriftstellers und Journalisten Rudolf Olden, engagiert worden. Die Zeitung konnte sich aber nicht halten, und musste mit 300.000 Mark Verlust aufgegeben werden, wie mir mein Vater erzaehlt hat.

Das grossvaeterliche Baugeschaeft hatte sich aber weiter gut entwickelt. Ein neuer Zweig, Lieblingsprojekt meines Vaters, war eine grosse Ziegelei, die 1895 im Gebiet des frueheren "Vorwerks" von Kattowitz, Karbowa, ausgestattet mit den letzten technischen Neuerungen gebaut wurde, auch fuer Spezialprodukte wie glasierte Ziegel und andere Ziersteine, die man noch heute an manchen Fassaden in Katowice sehen kann. Daneben wurde auch eine Bautischlerei und Schmiedewerkstatt eroeffnet.

Mein Onkel Max Gruenfeld aber zog dann schon frueh nach Berlin und eroeffnete eine Filiale der Firma, die dort eine ganze Reihe von Wohnhaeusern baute, vor allem in Charlottenburg und Wilmersdorf, aber eins auch Unter den Linden. Er praktizierte auch als Architekt, wurde ein sehr aktiver und prominenter Freimaurer, baute auch das bekannte Logenhaus in der Emser Strasse in Wilmersdorf. Er heiratete erst im Alter, 1925, hatte sich schon vorher aus dem Geschaeft zurueckgezogen und starb 1932 in Berlin.

Von den vier anderen Bruedern meines Vaters waren zwei Mediziner, der aelteste, Hermann, als praktischer Arzt in Berlin-Kreuzberg (31), und Ernst (32) orthopaedischer Chirurg in Beuthen. Die anderen zwei studierten Jura, Bruno war Justizrat in Berlin, aber der juengste, Paul, trat nach seinem Studium in die Erzhandelsfirma Rawack & Gruenfeld in Beuthen ein, beteiligte sich spaeter an einer chemischen Fabrik in Nuernberg, aus der sich die Gesellschaft fuer Elektrometallurgie (GfE), fuehrend in der Ferrolegierungsindustrie, entwickelte. Er war ein sehr unternehmerischer und weitsichtiger Mann, in einem Industriezweig, der im Laufe des 20. Jahrhunderts grosse Bedeutung und Moeglichkeiten errang.

Von den vier Schwestern des Vaters heirateten drei Juristen, Martha den Justizrat Ernst Kaiser in Beuthen, Minna den Justizrat Salomon Epstein in Kattowitz, wo er auch bis zu seinem fruehen Tod 1908 kurze Zeit Stadtverordnetenvorsteher wurde, und Luzie den Landgerichtsrat Max Hirschel in Gleiwitz. Die juengste Tochter, Ida, heiratete Felix Benjamin, einen Neffen des Geheimen Kommerzienrats Louis Gruenfeld, Chef der Firma Rawack & Gruenfeld, dessen Nachfolger er auch wurde.

Die Familien Gruenfeld und Sachs waren aber noch viel groesser. Jakob Gruenfeld in Zalenze hatte acht Toechter und zwei Soehne, Elias Sachs vier Soehne und Tochter Grete, und es gab noch einen Bruder Abraham und weitere Schwestern Sachs meiner Grossmutter.

Heirat meines Vaters mit Margarete Oettinger

Mein Vater war lange Junggeselle geblieben, bis er 1906 mit 41 Jahren meine Mutter, die 18 Jahre juengere Margarete Oettinger aus Breslau heiratete. Ihre Familie kann ich bis auf meinen Ururgrossvater Josef Oettinger in Rackwitz (Rakoniewice) in der Provinz Posen verfolgen (33). Einer seiner Soehne, mein Urgrossvater Albert, wurde Arzt, promovierte an der Universitaet Berlin 1835 (34), und liess sich in Neustadt bei Pinne (Lwowek) nieder, verheiratet mit Ettel Schiff (35). Das Ehepaar hatte drei Soehne und eine Tochter, die den Arzt Dr. Riesenfeld in Breslau heiratete.

Alle drei Soehne gingen auch nach Breslau und mein Urgrossvater starb dort 1860. Bei seinem aeltesten Sohn Richard war ungewoehnlich, dass er


Rueckblicke - 4/58

Previous Page     Next Page

  1    2    3    4    5    6    7    8    9   10   20   30   40   50   58 

Schulers Books Home



    Related Links:

 Games Menu

Home
Balls
Battleship
Buzzy
Dice Poker
Memory
Mine
Peg
Poker
Tetris
Tic Tac Toe

Google
 
Web schulers.com
 

Schulers Books Online

books - games - software - wallpaper - everything