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- Rueckblicke - 40/58 -


aus den ersten Tagen der Okkupation fallen mir ein zu unserer sehr intensiven Frage, wie es bei den Deutschen damals aussah. Der alte Dr. Koenigsfeld kam von einem ersten Erkundungsgang in die Stadt zurueck. Vor dem nahen Eingang zum Schloss Lazienki hatten zwei Schilderhaeuser gestanden, jetzt mit zwei deutschen Soldaten besetzt, auf der Belwederskastrasse fuhren gerade Lastautos vorbei, voll besetzt mit schwarzuniformierten SS Leuten, die ersten, die er in Warschau sah, und so ging es anscheinend auch den beiden Soldaten; er hoerte, wie der eine zum anderen rief "na, die haben uns hier grade noch gefehlt". Der alte Dr. Koenigsfeld freute sich diebisch, das zu hoeren. Also so etwas gab es doch noch.

Dann war da noch Gustav T. aus Karlsruhe, der in eine der alten deutsch-juedischen Familien nach Kattowitz geheiratet hatte und auch in Warschau gestrandet war. An einer Strassenecke hatte ein Auto mit deutschen Offizieren gehalten und die dort wartenden Passanten gefragt, ob jemand deutsch spricht. Neben ihm Stehende hatten auf ihn gewiesen, und er sollte ins Auto zusteigen, wurde gleich gefragt, wie er mit seinem Badenser Akzent hier nach Warschau verschlagen wurde. So wie er uns das erzaehlt hat, betonte er, ich muss Ihnen gleich sagen, ich bin Jude, vielleicht hatten sie es ohnehin gesehen, jedenfalls sagte der Hoechstrangige sofort, aber das macht uns gar nichts, das wird jetzt sowieso alles anders, da koennen Sie versichert sein. Das gab es also auch. Aber ausgemacht fuer den weiteren Verlauf der Dinge hat es eben nichts.

Ausser unserem besonderen Problem, wie sich die Okkupation fuer die Juden gestalten wird, gab es ja aber noch die allgemeine Not der Stadt, wie sie langsam nach der Belagerung wieder zum Leben finden koennte. Die ersten Tage, mit Wasser und Strom noch unterbrochen, waren schwierig, dass es nicht mehr schoss, brannte, der Himmel langsam nicht mehr gelb und schweflig war, half, aber man musste weit laufen, um sich nach Wasser anzustellen. Es war nach dem heissen September frueh herbstlich kuehl geworden, die modernsten Haeuser, wo es nicht mal mehr Herde fuer ein Kuechenfeuer gab, sondern alles auf Strom eingestellt war, hatten es am Schlimmsten, in Hoefen, Gartenplaetzen und Strassen stellten die Bewohner kleine Roste auf, um sich eine Suppe zu kochen; den Anblick werde ich nicht vergessen. Der oeffentliche Verkehr spielte sich ausschliesslich mit Leiterwagen ab, grosse und kleinere, man konnte Plaetze bekommen, aber eigentlich lief man nur, weite Wege in die Stadt und dort und wieder zurueck, viele waren auf den Beinen, es kamen nach der Belagerung neue Schuebe von Fluechtlingen aus der Provinz in grossen Mengen, es kamen aber auch langsam mehr Lebensmittel. Das schien leichter zu bekommen als manches andere.

Statt der Geschaefte gab es zunaechst an den Strassen nur Haendler, die von Baenken oder in Staenden verkauften, was grade noch zu bekommen gewesen war aus den Truemmern und nach Pluenderungen in den allerletzten Tagen der Belagerung. Die Zerstoerung in der Stadt war gross und bedrueckend, nach meinem Eindruck war es etwa ein Drittel aller Gebaeude, die durch Bomben- oder Brandschaeden zerstoert waren, und da waren die vielen Graeber auf den Strassen. Ich ging auch bald in die Stadt, ich hatte ja nur Sommerkleidung mitgenommen, es dauerte eine Weile, bis ich etwas finden konnte, Geschaefte richteten sich langsam wieder ein, sogar einen Wintermantel konnte ich auftreiben.

Ein wichtiger Besuch war zu dem Rechtsanwaltsfreund aus Kattowitz Marek Reichmann, der schon eine ganze Reihe Verbindungen aufgenommen hatte, die mit dem brennendsten Thema, wie man aus Warschau wegkommen koennte, zu tun hatten. Auf dem Weg nicht so weit von unserer Wohnung hatte ich die Schwedische Botschaft entdeckt, und dass da jemand drin war (8). Am naechsten Tag warf ich einen Brief ein, adressiert an Ragnar Nilson, Chef der immer noch zum Restbesitz meiner nach London ausgewanderten Dahlemer Verwandten gehoerenden AB Ferrolegeringar Stockholm, den ich in Dahlem oefters getroffen hatte. Ich bat ihn, nach London mit meiner Adresse mitzuteilen, dass ich in Warschau die Belagerung ueberlebt habe. Ich hoffte, so auch vielleicht etwas ueber meine Eltern und Schwestern zu hoeren.

Es gab unterdessen auch Verbindungen mit Kattowitz, und ich habe da schon gehoert, dass meine Eltern gar nicht dort geblieben waren. Als ich mich am Bahnhof am 31.August nachts von meinem Schwager verabschiedete, fuhr er nicht sofort zu Lotte nach Lemberg, sondern uebernachtete noch bei sich zu Hause. Als die deutschen Bomber am fruehen Morgen gekommen waren, fuhr er erst zu meinen Eltern, und da entschlossen sie sich, doch mit ihm die Autofahrt nach Lemberg zu riskieren. Von Lemberg, nun unter russischer Besetzung, hatten wir zunaechst in Warschau noch keine Nachrichten. Mittlerweile war verschiedentliche Bewegung in die Frage des Wegkommens von Warschau gekommen. Erstens gab es schon Traffik ueber die "gruene Grenze" von und nach dem russisch besetzten Teil Polens, eben auch Lemberg, wo ich Lotte und ihre Familie und vielleicht auch meine Eltern glaubte (9). In Kattowitz waren eines Tages alle juengeren juedischen Maenner verhaftet und nach Osten abtransportiert worden (10), naemlich an die Grenze der russischen Besetzungszone, dort wurden sie herausgelassen und befohlen ueber die Grenze zu rennen. Es wurde auch nach ihnen geschossen dabei, einige, so auch mein Freund Ludel Berliner kamen in Lemberg an, andere zoegerten, verbargen sich und tauchten dann bei uns in Warschau auf, konnten alles erzaehlen.

Fuer ein Wegkommen setzte ich aber Hoffnungen auf doch noch einen Weg nach dem Westen, denn es gab auch die Italienische Botschaft, die offen war und Transitvisa erteilte. Von anderen Konsulaten, zum Teil wohl auch Honorarkonsulen, tauchten unterdess Paesse auf, die man kaufen konnte, und einige Bekannte hatten schon beinahe alles zusammen um abzureisen. Es war eine Verordnung ergangen, die auch Ausreisegenehmigungen fuer Juden vorsah, aehnlich wie ja auch in Deutschland auch nach der Kristallnacht und noch nach Kriegsausbruch Ausreise von Juden zunaechst moeglich war. Meine Freunde Krieger, die wieder in ihre Wohnung gezogen waren, hatten sich auch bald irgendwelche Visa beschafft, auf die hin man dann ein italienisches Transitvisum und durch das polnische Reisebuero "Orbis" auch eine Ausreisegenehmigung der deutschen Besatzungsbehoerde erhielt. Sie reisten ab, wohl schon gegen Ende Oktober, und Ernst Berliner und ich zogen in die untere Wohnung in unserem Hause, von wo die Familie Steinitz auch schon ins Ausland abgereist war.

Eines Abends wurde ich in Sulkowicka 8 mit sehr ernster Miene empfangen. Am Nachmittag war meine Tante Jenny Gruenfeld da, nach einem Fussmarsch ueber die russisch-deutsche Zonengrenze von Lemberg her in Warschau angekommen. Sie wollte mir berichten, dass meine Eltern mit ihr und meinem Schwager am Morgen des 1.September auch nach Lemberg geflohen und dort angekommen waren, am 17.September Lotte und Familie weiter gefahren sind, in der Hoffnung nach Rumaenien zu entkommen. Meine Eltern blieben mit ihr in Lemberg, mein Vater kam in ein Krankenhaus mit einer Lungenentzuendung und starb dort am 20.September.

Tante Jenny war mit meiner Mutter allein zurueckgeblieben, aber wollte zurueck nach Beuthen gehen, meine Mutter wollte in Lemberg bleiben, liess mir aber sagen, ich sollte auf keinen Fall dorthin kommen, sondern versuchen, nach dem Westen auszureisen. Da Tante Jenny auf mich gar nicht mehr warten wollte, wurde mir das alles von dem Ehepaar Dr. Koenigsfeld schonend beigebracht. Ich war wie erschlagen, das war ein trauriges Ende fuer meinen Vater, Ende eines einst so stolzen Lebens. Und die Situation meiner Mutter dort in Lemberg, es war kaum auszudenken, mein Vater starb an dem Tag, als Lemberg schon von deutschen Truppen angegriffen, sich ihnen ergeben hatte, sie zogen aber nicht ein, sondern uebergaben die Stadt den Russen. Am Tag ihres Einzugs wurde mein Vater begraben. Das spiegelt so die ganze Verwicklung dieser ersten Kriegswochen wider. Heute, wo man ueber das Schicksal der unter deutscher Hoheit verbliebenen Juden, Auschwitz und Theresienstadt weiss, muss man es eigentlich noch als ein gnaediges Schicksal empfinden, aber das war damals nicht so, es war eine bittere Nachricht, inmitten all des Ungluecks um mich herum in Warschau (11).

Ende Oktober mussten sich alle juedischen Einwohner Warschaus registrieren(12), der Aufruf ging an alle Juden, also nicht wie deutsche Rassegesetze. Es liessen sich noch manche schnell taufen, um zu vermeiden, sich durch Nichtregistrierung strafbar zu machen. Ich tat das nicht, wir registrierten uns. Der Aufruf schuf grosse Veraengstigung, war das nun die Einleitung zu strengeren Massnahmen gegen die Juden? Es hatte ja immerfort Grausamkeiten und Schikanen gegeben. Auf der Strasse konnte man von unterschiedlich Uniformierten angehalten und, wenn man Jude war, um Pelz, Mantel oder Geld gebracht werden. Juden wurden zur Zwangsarbeit in den Ruinen requiriert, man sah dort in zunehmender Kaelte die bejammernswerten Gestalten von baertigen Kaftanjuden, auf zusammenstuerzenden Ruinenmauern oder -geruesten bei der ungewohnten und ungelernten Zwangsarbeit. Was fuer ein Elend. Mit der polnischen Bevoelkerung teilte man die Furcht vor Vergeltungsmassnahmen des deutschen Militaers: wenn einem Deutschen etwas zustiess, wurden 100 Leute als Geiseln zusammen gelesen und erschossen; es konnte jeden treffen, der grade vorueberging.

Fuer die polnische Bevoelkerung wurden die katholischen Feiertage Allerheiligen/Allerseelen am 1.und 2.November eine eindrucksvolle Kundgebung stillen Widerstands. Ich kannte diese katholischen Totengedenktage von Oberschlesien, wo man auf den Friedhoefen Kerzen auf meist blumen- oder tannengeschmueckten Graebern sah. Nun hier in Warschau brannten sie auch auf den vielen Graebern, die auf Strassen und Plaetzen waehrend der Belagerung entstanden waren, es war bewegend zu sehen. Es konnten ja kaum nur Angehoerige von Umgekommenen sein, die das ganze Lichtermeer bereitet hatten, man schloss, dass dies organisiert war, als Demonstration eines Untergrundwiderstands. Weiteres wurde dann von den Deutschen fuer den 11. November befuerchtet, Waffenstillstandstag des 1. Weltkrieges und Jahrestag der Gruendung der Polnischen Republik 1918. Es entstand erhebliche Nervositaet und Spannung, man erwartete eine Verhaftungswelle, und wie viele andere zog ich es vor, diesen Tag nicht in der Wohnung, wo ich registriert war, zu verbringen. Ich fand Unterkunft bei Dzidzia Kapellner, einer Verwandten der Krieger Familie.

Fuer die Juden war unterdess weitere Panik und Verzweiflung ausgebrochen, da bekannt gemacht wurde, dass in Kuerze fuer alle die sofortige Umsiedlung in die Gegend des alten Warschauer Ghettos angeordnet wird. Das konnte dann nur der Anfang zu wesentlich Schlimmerem sein. Man wusste schon, dass es bisher in Warschau noch eher besser zugegangen war als zum Beispiel in Lodz und vielen kleineren Orten. Aus Lodz waren viele Fluechtlinge weiter nach Warschau gekommen. In unserer Enklave hatten wir Besuch von Bruno Altmann, dem Praesidenten der Juedischen Gemeinde Kattowitz, der zunaechst nach Lodz entkommen war und nun in Warschau ankam. Der Schreck und Kelch mit dem Umzug ins Ghetto ging zunaechst vorueber, der Plan wurde verschoben (13).

Wie man weiss, wurde die Umsiedlung ins Ghetto dann aber doch im Herbst 1940 begonnen. Zu dieser Zeit war ich schon aus Warschau entkommen. Bemuehungen um eine Ausreisemoeglichkeit hatten bei mir ganz absolute Prioritaet, nur so konnte ich es doch noch schaffen. Kein Risiko konnte mich abhalten, dafuer immer wieder in die Stadt zu wandern.

Es wurde auch hoechste Zeit. Man konnte mit seinem polnischen Pass abreisen, die deutsche Ausreisegenehmigung beschaffte das alte polnische Reisebuero Orbis als separate Bescheinigung, man brauchte gar keine deutschen Amtsstellen zu sehen. Die Schwierigkeit war ein Visum zu bekommen, auf das die Italiener dann ein Transitvisum erteilen konnten. Gut hatten es Bekannte wie Ernst Berliner mit


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