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- Rueckblicke - 5/58 -


als Junge bei einem der polnischen Aufstaende mitgemacht haben soll. Dann heiratete er eine deutsche, nichtjuedische Schauspielerin, war im Flachsgrosshandel sehr erfolgreich, so dass er zeitweilig als der reichste Mann Breslaus angesehen wurde. Sein Sohn, Richard, wuchs als Protestant auf und war Rittmeister bei den Gleiwitzer Ulanen. Die beiden anderen Soehne, Siegmund und mein Grossvater Max Oettinger, gruendeten zusammen ein Flachsgrosshandelsgeschaeft und brachten es zu Wohlstand, Siegmund spaeter in Berlin.

Mein Grossvater fuehrte das Geschaeft in Breslau weiter, wo er auch ein angesehener Mitbuerger wurde, viele Jahrzehnte Stadtverordneter, einer von vier Abgeordneten der Stadt Breslau im Schlesischen Provinziallandtag und lange Jahre Direktor der "Gesellschaft der Freunde", einer buergerlichen Vereinigung, in der die liberalen Kreise zusammengeschlossen waren, im Gegensatz zu der bekannten sehr alten Kaufmannsvereinigung des "Zwinger". Er heiratete Minna Weinstein aus Insterburg in Ostpreussen, wo ihr Vater Direktor einer Spinnerei war (36).

Meine Mutter war das juengste der drei Kinder. Die aeltere Schwester Frieda war verheiratet mit Dr. Paul Gerber in Koenigsberg, Arzt und auch Schriftsteller (37), Mutters Bruder Walter Oettinger war Arzt, Bakteriologe, ausserordentlicher Professor an der Universitaet Breslau (38). Die Geschwister und einige der Vettern und Kousinen meiner Mutter wurden protestantisch. Eine der engsten Freundinnen meiner Mutter in ihrer spaeten Jungmaedchenzeit in Breslau war Stella Whiteside, spaeter verheiratet mit Dudley Braham, eine von zwei englischen Schwestern, die damals in Schlesien lebten und englischen Unterricht gaben. Sie hat mir viel spaeter, als ich sie nach dem 2. Weltkrieg in London wiedersah, erzaehlt, dass sie dabei war, als meine Eltern sich zum ersten Mal sahen (39).

Kapitel 3

Kindheit und fruehe Jugend

Nachdem ich nun versucht habe, ein Bild von Vorgeschichte und "background" zu skizzieren, kehre ich wieder zu meinen eigenen Kindheits- und Jugenderinnerungen zurueck, mit denen wir begonnen hatten. Wir wohnten in einer grossen Villa, von der Friedrichstrasse, Hauptverkehrsader der Stadt, durch einen Vorgarten, mit Baeumen und Straeuchern dicht bewachsen, Blumenbeten und Spazierwegen dazwischen, abgeschirmt. Im ersten Stock war aber auf diesen Garten und die Friedrichstrasse hinaus ein grosser Balkon, von dem man die Strasse gut sah und so am Leben, das da vor sich ging, Anteil nehmen konnte. Da zogen vorbei die jaehrliche grosse Fronleichnamsprozession und andere festliche Umzuege, viele lange Beerdigungszuege, oft mit ein oder mehreren Musikkapellen, manchmal Gruppen von schoen uniformierten Bergleuten dabei, Truppen marschierten ein und aus, Demonstrationen und auch Schlimmeres. Gegenueber unserem Vorgarten, an der anderen Ecke der Schulstrasse lag die evangelische Kirche, auch mit grossem Vorgarten, aber doch so, dass das Kommen und Gehen auch zu unserer kindlichen Umwelt gehoerte, ebenso wie bei den beiden Mittelschulen uns gegenueber an der Schulstrasse.

Westlich angrenzend, an der Friedrichstrasse, war in meiner fruehen Kindheit das Haus der Grosseltern Gruenfeld, 1870 gebaut, in dem bis 1913 die Grossmutter wohnte, mit zwei verwitweten Schwestern des Vaters und deren Kindern. Noerdlich von beiden Haeusern zog sich ein grosser Garten bis zum Rawafluss hin, mit einer Spielwiese an der Rawa, einem Tennisplatz, viel Obstbaeume und Gemuesegarten, Holunder, Jasmin und dann waren da auch Staelle fuer die Pferde und Haustiere. Wir Kinder hatten also ein Paradies und immer viel Besuch von anderen Kindern, die beinahe taeglich zum Spielen kamen. Auch sonst war immer viel Besuch. Das Haus war nicht leer, denn es brauchte ja viel Hilfe, und diese Menschen waren auch Teil der kindlichen Welt.

Unser Haus hatte 14 Zimmer und war nicht nur in meiner Erinnerung, sondern auch nach dem Urteil vieler Besucher, die kamen, ein besonders schoenes Haus. Im Erdgeschoss zog sich eine grosse Diele beinahe durch die ganze Laenge des Hauses, links waren ein Esszimmer, mit angrenzender Anrichte, Kueche etc., rechts drei weitere Wohnraeume, Herrenzimmer, Salon und Damenzimmer. Im 1.Stock waren die Schlaf- und Kinderzimmer und zwei Gaestezimmer.

Da das Haus so gross war, hatten wir von bald nach Kriegsbeginn dauernd Einquartierung. Das zog sich bis etwa 1925 hin, und die Wechsel der politischen Geschicke spiegelten sich auch fuer uns Kinder dabei wieder.

Wir waren aber gar nicht auf das Haus und den grossen Garten begrenzt. Spazierengehen spielte eine grosse Rolle. 1910 wurde meine Schwester Lotte und 1912 Marianne geboren, wir waren dann zu dritt, auch hatten wir fuer lange Zeit immer ein Kinderfraeulein. Bei der Ziegelei der vaeterlichen Firma draussen in Karbowa war auch ein Garten eingerichtet, hauptsaechlich Gemuesegarten, auch mit Obst und Beeren. Morgens wurde wochentags immer ein Spaziergang nach Karbowa gemacht, oft mit der Mutter, dann spielten wir morgens dort und gingen zum Mittagessen wieder nach Haus.

Das waren diese Spaziergaenge durch die Felder zwischen Kattowitz und dem "Vorwerk" Karbowa, wo man mit den Bauern und Baeuerinnen bekannt wurde, die meist polnisch sprachen, aber mit uns deutsch. Wir machten aber auch Spaziergaenge in den "Suedpark" von Kattowitz oder in die Stadt. Zu fruehesten Erinnerungen gehoert ein Besuch bei uns von Mutters englischer Freundin Stella Braham mit Sohn Harold, wenig aelter als ich. Es verwirrte mich, als er in meiner Badewanne gebadet wurde. Dann erinnere ich mich auch an verschiedene Einzelheiten von Ferien in Rauschen in Ostpreussen im Sommer 1912, so auch wie wir in Koenigsberg bei den Verwandten Gerber im Garten sassen und der Onkel Paul Gerber dazukam und wir ihm Guten Tag sagten. Das sind solche blitzartigen Erinnerungen einzelner Szenen aus kindlicher Vergangenheit.

Zu den Erinnerungen aus fruehester Kindheit gehoeren auch die regelmaessigen Besuche bei den Grosseltern Oettinger in Breslau. Damals fuhren wir immer mit dem Zug, erst einige Zeit nach dem ersten Weltkrieg wurde das auch schon mal im Auto gemacht. Die Grossmutter holte uns am Bahnhof ab, und wir fuhren in einer Droschke in die Wohnung der Grosseltern.

Die Grossmutter war immer ganz ausser sich, wenn wir ankamen, und ueberfiel uns mit vielen Kuessen. Sie war eine sehr lebhafte und, ich glaube, recht kaprizioese Frau, hielt immer viel auf elegantes Aussehen und elegante Kleidung. Mutters sowohl wie unsere Kindergarderobe wurde immer als recht unzureichend empfunden, und es folgten grosse Einkaufsexpeditionen in Breslau, wo es ja auch groessere und elegantere Geschaefte als in Kattowitz gab. Meine Mutter war weit weniger modebewusst als die Grossmutter, ja ihr lag eigentlich viel eher eine betonte Einfachheit, so mussten diese Einkaufsexpeditionen ihr manchmal aufgezwungen werden, aber die Grossmutter war sehr lebhaft und energisch. An den Grossvater erinnere ich mich als sehr ruhig, ausgewogen und verstaendnisvoll, er konnte auch manchmal sehr boese werden, das war dann schlimmer, als wenn er es immerfort beim kleinsten Anlass geworden waere. Er bleibt mir von fruehester Kindheit an in sehr lieber Erinnerung.

In unserem Leben in Kattowitz gab es dann, bis ich Ostern 1915 in die Schule kam, zwei einschneidende Ereignisse. Zunaechst in der Familie: Im Herbst 1913 starb die Grossmutter Gruenfeld. Der Grossvater war schon 1894 gestorben, ich hatte ihn nur von den grossen Portraits gekannt, die in Wohnung und Buero des Vaters hingen. Auch die Grossmutter Gruenfeld habe ich nur wenig gekannt. Wenn wir sie besuchen durften, sass sie fast immer in einem Sessel. Ich weiss, dass ich sie gerne besuchte und dass es mich beeindruckte, aber meine Erinnerungen bleiben vage. Meine Tante Grete Gruenfeld, Tochter des Bruders der Grossmutter des Elias Sachs, und spaeter nicht nur ihre Nichte, sondern auch ihre Schwiegertochter, als sie den juengsten Bruder des Vaters, Dr. Paul Gruenfeld heiratete, beschreibt die Grossmutter Gruenfeld als "eine schoene, naturhaftkraftvolle und dominierende Persoenlichkeit" und dann noch: " Die grosse Verwandtschaft. .. vereinigte sich im schoenen Gruenfeldschen Heim in Kattowitz beim allwoechentlichen Freitagabendessen um die dominierende Schwiegermutter. Diese naturhafte Frau stroemt in meiner Erinnerung immer noch einen Waldduft aus, den sie von ihren alltaeglichen Spaziergaengen mitbrachte. Zu ihrer ausserordentlich kraftvollen Konstitution hatte ihr das Schicksal den "sacro egoismo"...mitgegeben. Schoenes Haus, praechtiger Garten, reichliche Dienerschaft hielten sie nicht ab, alljaehrlich viele Monate in ihrem geliebten Marienbad zu verbringen, wo die Kinder sie abwechselnd besuchten. Niemand konnte ihrer imponierenden Persoenlichkeit etwas versagen oder sie beeinflussen".

Das Haus der Grosseltern aber war mir ganz vertraut, der Garten war ja gemeinsam, und da war ein grosses Maigloeckchen Beet, das sie besonders liebte, und ich erinnere mich auch, dass sie in den Garten kam. Die verwitweten Toechter, die mit ihr im grosselterlichen Haus lebten, waren Lucie Hirschel, deren Mann, Landgerichtsrat Max Hirschel, 1904 in Gleiwitz starb, mit den zwei noch jugendlichen Kindern Hans und Gretel, und Minna Epstein, deren Mann Justizrat Salomon Epstein, seinerzeit auch Stadtverordnetenvorsteher von Kattowitz, 1909 dort starb. Von ihren zwei schon erwachsenen Toechtern wollte die juengere Ellen Pianistin werden, die aeltere Margot war im Pestalozzi-Froebel Haus in Berlin als Kindergaertnerin ausgebildet und hielt einen grossen Kindergarten im Hause ab. Fruehe Versuche, mich dort hinein zu bringen, scheiterten. Es tut mir noch jetzt leid. War ich so scheu oder so schwierig? Ich bin doch dann ein sehr geselliger und jedenfalls Gesellschaft suchender Mensch geworden.

Ich erinnere mich auch an ein Gartenfest, zu dem die Grossmutter einlud. Wir kleinen Kinder nahmen eigentlich nicht teil, aber am Anfang durften wir es uns ansehen. Es war ein Kostuemfest mit vielen Lampions und Musik. Gretel Hirschel fuehrte uns hin, nachdem wir vorher noch gesehen hatten, wie sie ihr Kostuem anzog. Sie war einige Jahre aelter als ich, ich war noch nicht fuenf Jahre. Bei dem Fest war viel Jugend. Die beiden Epstein Toechter und die Geschwister Hirschel und ihre Freunde machten ueberhaupt den Garten belebter, und es wurde auch viel Tennis gespielt.

Als ich gerade 5 Jahre war, starb die Grossmutter Gruenfeld. Es wurde uns zunaechst nichts gesagt. Aber an einem Nachmittag sollten wir ins Nebenhaus gehen, es gab einen direkten Durchgang von unserem Esszimmer in eine Art Loggia im Grosselternhaus. Es waren furchtbar viel Menschen dort, viel Familie, und Tante Lucie Hirschel begruesste uns, ich fragte nach der Grossmutter, und sie machte eine Handbewegung zur Decke hinauf. Jetzt verstand ich, Grossmutter war nun im Himmel.

Das wusste ich also schon vom Tode. Man hatte tote Tiere gesehen, es gab so oft Beerdigungszuege, auf unserem Weg nach Karbowa kam man am evangelischen und am katholischen Friedhof vorbei, wir gingen mit dem Kinderfraeulein auch manchmal da durch. Am katholischen brannten zu Allerheiligen und Allerseelen auf allen Graebern kleine Kerzen, ein starker Eindruck schon der fruehesten Jugend. Der juedische Friedhof lag ganz woanders, es dauerte noch lange, bis ich davon wusste.

Religion wurde im Elternhaus nicht sehr gross geschrieben. Wir lernten, ein Nachtgebet zu sagen, nicht nur das Kinderfraeulein, auch die Mutter hielten darauf, dass wir es nicht vergassen, es wurde


Rueckblicke - 5/58

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