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- Rueckblicke - 50/58 -


Verfassungen, man konnte hoffen gegen alle Anzeichen, aber im Grunde genommen zeichnete sich eben ab, wozu es dann kam, die Zweiteilung Europas. Der Putsch gegen Hitler am 20.Juli 1944 war gescheitert, der Putsch, den die deutsche Heeresleitung allerspaetestens nach Stalingrad haette machen sollen, hatte nie stattgefunden. Die Alliierten hatten die bedingungslose Kapitulation Deutschlands schon 1943 als Ziel formuliert. Es wurde klar, die Russen wuerden vorruecken bis zu Linien, die man vereinbart hatte, und was hinter ihren Linien sich politisch gestalten wuerde, darueber sollte man keine Illusionen haben.

Ein anderes Thema heftiger Diskussion mit den juedischen Freunden war die Entwicklung in Palaestina. Fuer mich war die Verfolgung zionistischer Ziele ohne Ruecksicht auf bestehende arabische Interessen nicht vorstellbar. Eine alte Dame wies mich zurecht, sie war nicht nur eifrige Zionistin sondern auch sozialistisch eingestellt gewesen. Sie sagte, die Interessen der Araber, das waeren doch nur feudalistische Interessen, sehen Sie sich doch ihre Gesellschaftsordnung und Rueckstaendigkeit an, Palaestina kann doch nur gewinnen durch einen zionistischen Staat. Gewiss, ich dachte an manches, was ich gesehen, und Rueckstaendigkeit war schon da, aber schon 15 Jahre vorher hatte ich Hans Kohns Buch "Nationalismus im Vorderen Orient" gelesen, das hatte ein ganz anderes Bild der nationalistischen Bewegung der Araber gegeben.

Im Argument ueber Polen und die Sowjetunion hat sich seitdem das Blatt sehr gewendet. Manche meiner Freunde von damals habe ich wiedergetroffen, sie haben mir unterdess Recht gegeben. Nicht ganz so ist es mit dem Argument ueber zionistsiche Ziele, unterdess also den Staat Israel. Dabei hatte ich damals auch nach dem Weggang von Palaestina keineswegs meine Sympathie aufgegeben, war auch dem Zionistischen Verein in Mufulira beigetreten, sogar sein Sekretaer geworden, lernte einige der suedafrikanischen aktiven Zionisten kennen, aber auf meine grundlegenden Vorbehalte bin ich immer wieder zurueckgekommen.

Um noch einen kurzen Blick auf meine berufliche Taetigkeit zu werfen, Northern Caterers hatten mich zunehmend als Vertreter fuer abwesende leitende Leute verwendet, auch in Kitwe im Hauptbuero der Gesellschaft. Dort war wieder der Freund Wasserberger, als Neuankoemmlinge das juengere Ehepaar Banasz, die in Polen nahe uns in Bendzin gelebt hatten, er war Ingenieur, erfahren in Zinkweissproduktion. Sie waren intelligente und anregende Gesellschaft dort. Ich verliess meine Firma, denn ich hatte mich dort in Abwesenheit des befreundeten Schulmanns von seinem Boss aus Bulawayo zurueckgesetzt gefuehlt, und fand gleich eine neue Stellung bei den griechischen Unternehmern Tatalias & Samaras in Mufulira, wo ich die administrative Seite zu betreuen hatte. Sie waren Kontraktoren mit Holzwirtschaft, Ziegelei und hatten ein Fleischgeschaeft, das aber bald von der groesseren Firma Werner & Co. uebernommen wurde, die mir bei sich eine aehnliche Stellung anboten, und dort habe ich dann bis Anfang 1947 gearbeitet.

Die Firma hatte die Vertraege fuer die Fleischversorgung der grossen Mufulira- und Luanshya-Minen. Ich hatte als Dienstwohnung die Haelfte eines Zweifamilienhauses, aber noch keine Familie, hatte mir ein Auto gekauft. Als nach Kriegsende der Leiter der Firma auf Urlaub nach England ging, uebernahm ich die Vertretung und bekam als Dienstwagen einen grossen Ford Mercury, also ich brauchte mich gar nicht zu beklagen. Die Arbeit hat mich auch interessiert. Diese Viehwirtschaft hatte schon ihre anregenden Seiten. Es handelte sich um grosse vertragliche Verpflichtungen. In diesen halbtropischen Gebieten konnte Vieh nur in bestimmten krankheitsfreien Zonen gehalten werden. Das Vieh fuer den Copperbelt musste zum Teil ueber grosse Entfernungen z.B. aus Bechuanaland (heute Botswana) herangebracht werden, dazu ueber den Zambesi Fluss getrieben und dann auf dafuer gekauften Ranchen voruebergehend gehalten werden. Der energische Junior Partner der Firma war Harry Wulfsohn in Livingstone, ein sehr begabter junger Mensch, mit dem ich gut auskam. Er war zu mir ausgesprochen freundschaftlich. Es war verabredet, dass ich als Nebenbeschaeftigung weiter die Buecher des Kontraktorgeschaefts meiner griechischen Freunde fuehren konnte, es gab sogar noch einen Bauunternehmer in Mufulira, fuer den ich das auch tat, ich habe also sehr hart dort gearbeitet. Man fuehlte sich auch wohl.

Der VE Day und wie sich Dinge, wo ich in Europa her kam, zu gestalten schienen, machten eine Rueckkehr nach Hause nicht ratsam. Als dauernde Loesung aber fand ich Nordrhodesien wohl doch nicht richtig, weder fuer meine beruflichen Ambitionen noch die kulturellen Interessen. Ich ging zunaechst einmal im September 1945 auf Ferien nach Johannesburg und fand Atmosphaere und Leben dort sehr angenehm. Unter den Verwandten, die ich auf der Durchreise im Oktober 1941 auf dem Bahnhof wiedergesehen hatte, war Mia, nun Mary, Weissenberg, unterdess mit Herbert Priebatsch verheirat. Sie hatten einen Sohn Norman, Kurt Kingsfield war verheiratet mit Violet. Was 1941 noch gemeinsame Besorgnis war um die Familie, die unter Hitlers Gewalt zurueckblieb, nun war es Trauer und unbeschreiblicher Schmerz, manchmal auch noch Ungewissheit und Warten auf weitere Informationen. Volles Begreifen, was die Nationalsozialisten mit der juedischen Bevoelkerung getan hatten, die ihnen in die Haende fiel, kam ja doch erst nachdem alliierte Truppen diese Gebiete Europas befreit hatten. Die Geographie dieser Vernichtungsgreuel nahm langsam Gestalt an vor den Augen der Welt. Da waren die Berichte ueber Lager wie Bergen-Belsen, Buchenwald und andere, dann ueber Auschwitz und Birkenthal, so nah bei Kattowitz, und man hoerte immer mehr ueber die Vernichtungslager weiter in Polen.

Mary und Kurt waren sicher, die Familie, die sie in Beuthen zurueckgelassen hatten, lebte nicht mehr, waren deportiert worden, Mary's Eltern und Grosseltern, Kurts Schwester Erika und ihre Familie. Ich hatte von Marianne nichts mehr gehoert, es war jetzt fuenf Monate nach Kriegsende in Europa, sie war wohl nicht mehr am Leben. Hatte man noch, gegen alles Wissen, gehofft? Es gab ja einige wenige Ueberlebende, die sich hatten verbergen koennen. Es schrieb dann ihre Kollegin, Mary Edwards, von ihrem Arbeitsplatz in Guernsay. Marianne hatte ihr noch nach ihrer Deportation aus Frankreich 1942 geschrieben, sie war dann vom Sammellager Drancy im August 1942 nach Auschwitz deportiert worden. Solche Tragik des Schicksals, von den englischen Channel Islands zu dieser Greuelstaette, so nahe ihrem zu Hause, wo sie geboren war und aufwuchs, und wir alle waren schon lange weg (11).

Von den in Berlin zurueckgebliebenen Mitgliedern der Gruenfeld Familie ueberlebte als einziger Hans Hirschel. Er hatte eine wundersame Rettung durch die mutige und aufopfernde Haltung und Taetigkeit von Maria Graefin von Maltzan, die ihn verbarg und ihm das Leben retten konnte. Sie heirateten nach Kriegsende (12). Ich hatte auch bald Briefe von Hans Hirschel und nahm Anteil an dem Wunder seiner Rettung. Von den anderen Mitglieder der Familie waren die aelteren Luzie Hirschel und Felix Benjamin nach Theresienstadt, die vier Kusinen, Kaiser und Epstein, nach dem Osten deportiert worden, Paul und Mimi Gruenfeld nach Lodz. Sie kamen alle um. Walter Oettinger wurde, wie ich erst nach vielen Jahren feststellen konnte, im August 1942 zum Ghetto Riga als "Jude" durch die Gestapo Berlin "evakuiert, ein Todesnachweis...liegt nicht vor".

Mein Vetter Hans Gerber war noch 1939 nach England emigriert, diente als Arzt in der englischen Armee, nach Indien und Burma gesandt als Antimalaria- und Bilharzia Spezialist. Er blieb auch spaeter ein Fachmann auf diesem Gebiet. Bald nach dem Krieg arbeitete er fuer UNRA auch in Europa, wusste, dass sein Bruder Wolfgang im Konzentrationslager umkam.

In Johannesburg lernte ich 1945 als weitere Verwandte Robert Gruenfeld und Joan kennen, er der juengere Bruder des zum bekannten Bankier in London gewordenen Vetters Henry Gruenfeld aus der Zalenzer Linie der Familie. Ich traf weitere Freunde aus der FWV, Fred Rothberg und Frau Grete geb. Schild, Heinz Kretschmer und andere Breslauer mit ihren Familien. Auch durch meine Kontakte in Mufulira machte ich Bekanntschaften in Johannesburg. Es war gut, andere Menschen, auch Zeitungen und Buchhandlungen zu sehen, in einer groesseren Stadt mal zu sein, mit Naturschoenheit musste Johannesburg ja nicht unbedingt mit der subtropischen Landschaft Nordrhodesiens konkurrieren. Auf der Bahnfahrt zurueck entlang durch Bechuanaland machte ich die interessante Bekanntschaft des Anthropologen Max Gluckmann, der damals das Rhodes-Livingstone Institute in Livingstone leitete. Durch meine anthropologische Lektuere noch auf der Farm Savory war ich auf dessen Arbeiten und Veroeffentlichungen aufmerksam geworden und ein Leser geblieben. Wir hatten eine sehr angeregte Unterhaltung, er stand sehr links, wie mir schien. Ihn interessierte, dass ich etwas ueber Max Weber wusste, er meinte, ich koennte vielleicht am Institut mitarbeiten, denn das wuerde gut passen.

Das haette mich schon interessiert, aber ich dachte doch mehr an eine Taetigkeit in der Wirtschaft. Ich fuehlte, ich hatte mich da gut eingearbeitet und hatte Erfolg und Anerkennung gehabt. Ich fragte meinen Vetter Herbert, ob er Moeglichkeiten in Suedafrika und Rhodesien fuer mich sehe z.B. fuer Einkauf von Erzen. Ich berichtete ihm auch ueber die Plaene fuer Bau eines Staudammes entweder am Zambesi vor der Kariba Gorge oder am Kafue Fluss in Nordrhodesien, durch den billiger Strom unter anderem fuer die Produktion von Ferrochrome aus suedrhodesischen Chromerzen bereitgestellt werden sollte. Fuer das nordrhodesische Kafue-Projekt trat besonders der Ingenieur Morris ein, Mitglied des Legislative Councils fuer Mufulira, den ich auch besuchte. Herbert zeigte sich damals sehr interessiert; seine Gruppe sei eine der ganz wenigen im Britischen Commonwealth mit Erfahrung in Ferrochrome Produktion. Morris zeigte sich auch sehr interessiert, aber die Plaene waren noch sehr unbestimmt. Fuer Einkauf von Erzen im suedlichen Afrika erwaehnte Herbert, dass er diese viel durch die Firma Derby & Co. Ltd in London gekauft haette, einer deren Direktoren, Frederik Rau, kaeme demnaechst nach Salisbury in Suedrhodesien und wuerde mich gern kennenlernen. Ich traf ihn dort im Mai 1946.

Er erschien mir ganz als der gebuertige Englaender, der er war und den ich erwartet hatte, aber dann stellte sich heraus, dass er einer sehr frommen juedischen Familie angehoerte; der Vater war aus Fuerth gekommen, er sprach auch fliessend Deutsch. Fred Rau machte einen starken Eindruck auf mich und ich konnte sehen, dass er das auf viele machte, geschaeftlich sowohl wie als Persoenlichkeit. Herberts Firma schien ein wichtiger Kunde Derbys fuer ihre rhodesischen und suedafrikanischen Erze zu sein, und die Beziehungen sehr freundschaftlich. Rau hatte das Geschaeft von Derby im suedlichen Afrika besonders gepflegt, hatte viele Monate im Krieg dort mit einem Auftrag des British Ministry of Supply fuer die Beschaffung kriegswichtiger Rohstoffe zugebracht. Derby dachten daran, jetzt eine Vertretung in Johannesburg einzurichten, ich war daran natuerlich sehr interessiert, er wuerde das erwaegen, sagte er, als ich an meinen Posten im Copperbelt zurueckflog. Nur nach wenigen Tagen bekam ich dort ein Telegram von ihm aus Johannesburg, ob ich dort zu einer weiteren Besprechung sofort hinkommen koennte. Ich musste nochmals um kurzen Urlaub bitten und fuhr mit der Bahn.

Am Bahnhof wurde ich abgeholt von Fred Rau und Oskar Lazar, Inhaber des Chemischen Laboratoriums McLachlan & Lazar, ein guter Freund Derbys in Suedafrika, der eine Handelsfirma "Minerals & Plant (Pty.) Ltd" in Johannesburg gegruendet hatte, um die Vertretung von Derby zu uebernehmen. Der als geschaeftsfuehrender Partner von Lazar vorgeschlagene junge Anwalt, den Fred Rau jetzt hatte kennenlernen sollen, erwies sich als unvertraeglich und gab auf. Fred Rau schlug vor, dass ich in die neue Firma als geschaeftsfuehrender Partner eintreten soll und diese dann die gemeinsame Vertretung von Derby und der von Herbert gefuehrten Gruenfeld Gruppe uebernehmen wuerde. Man


Rueckblicke - 50/58

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