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- Nachtstuecke - 54/54 -


klagende Stimme. - Die Töne schienen aus dem Pavillon zu kommen - ich trete näher, die Tür des Pavillons steht offen - ich erblicke - mich selbst! - mich selbst! - aber so wie ich war vor dreißig Jahren, in demselben Kleide, das ich trug an jenem verhängnisvollen Tage, als ich in trostloser Verzweiflung mein elendes Leben enden wollte, als Julie wie ein Engel des Lichts mir erschien im bräutlichen Schmuck - es war ihr Hochzeitstag - die Gestalt - ich - ich lag auf dem Boden vor dem Herzen, und darauf klopfend, daß es hohl widerhallte, murmelte ich: >Nie - nie kannst du dich erweichen, du steinernes Herz!< - Regungslos starrte ich hin, wie der eiskalte Tod rannte es durch meine Adern. Da trat Julie bräutlich geschmückt, in voller Pracht der blühendsten Jugend, aus den Gebüschen hervor, und streckte voll süßen Verlangens die Arme aus nach der Gestalt, nach mir - nach mir dem Jünglinge! Bewußtlos stürzte ich zu Boden!« Der Hofrat sank halb ohnmächtig in den Lehnstuhl zurück, aber Rixendorf faßte seine beiden Hände, rüttelte sie, und rief mit starker Stimme: »Das sahst du, das sahst du, Bruder, weiter nichts? - Viktoria laß ich schießen aus deinen japanischen Kanonen! - mit deinem nahen Tode, mit der Erscheinung ist es nichts, gar nichts! Ich rüttle dich auf aus deinen bösen Träumen, damit du genesen, und noch lange leben mögest auf Erden.« - Damit sprang Rixendorf schneller, als es sein Alter zuzulassen schien, zum Zimmer heraus. Der Hofrat hatte wohl wenig von Rixendorfs Worten vernommen, er saß da mit geschlossenen Augen. Exter ging mit großen Schritten auf und ab, runzelte mißmütig die Stirn und sprach: »Ich wette, der Mensch will wieder alles auf gewöhnliche Manier erklären, aber das soll ihm schwer werden, nicht wahr, Hofrätchen? wir verstehen uns auf Erscheinungen! - Ich wollt nur, ich hätte meinen Turban und meinen Pelz!« - Dies wünschend pfiff er sehr stark auf einer kleinen silbernen Pfeife, die er beständig bei sich trug, und sogleich brachte auch ein Mohr aus seinem Gefolge beides, Turban und Pelz. Bald darauf trat die Geheime Rätin Foerd hinein, ihr folgte der Geheime Rat mit Julien. Der Hofrat raffte sich auf, und in den Versicherungen, daß ihm wieder ganz wohl geworden, wurde er es wirklich. Er bat, des ganzen Vorfalls zu vergessen, und eben wollten alle bis auf Exter, der sich in seiner türkischen Kleidung aufs Sofa gestreckt, und aus einer übermäßig langen Pfeife, deren Kopf, auf Räder gestellt, am Boden hin und her schurrte, Tabak schmauchte und Kaffee trank, in den Saal zurückkehren, als die Tür aufging, und Rixendorf hastig hereintrat. An der Hand hielt er einen jungen Menschen in alttatarischer Kleidung. Es war Max, bei dessen Anblick der Hofrat erstarrte. »Sieh hier dein Ich, dein Traumbild«, hub Rixendorf an, »es ist mein Werk, daß mein trefflicher Max hier blieb und von deinem Kammerdiener aus deiner Garderobe Kleider empfing, um gehörig kostümiert erscheinen zu können. Er war es, der im Pavillon an dem Herzen kniete. - Ja, an deinem steinernen Herzen, du harter unempfindlicher Oheim! kniete der Neffe, den du unbarmherzig verstießest, einer träumerischen Einbildung halber! Verging sich der Bruder schwer gegen den Bruder, so hat er es längst gebüßt mit dem Tode im tiefsten Elend - da steht die vaterlose Waise, dein Neffe - Max, wie du geheißen, dir ähnlich an Leib und Seele, wie der Sohn dem Vater - tapfer hielt sich der Knabe, der Jüngling auf den Wellen des brausenden Lebensstroms empor - da - nimm ihn auf - erweiche dein hartes Herz! - reiche ihm die wohltätige Hand, daß er eine Stütze habe, wenn zu sehr der Sturm auf ihn einbricht.« - In demütiger gebeugter Stellung, heiße Tränen in den Augen, hatte sich der Jüngling dem Hofrat genähert. Der stand da geisterbleich, mit blitzenden Augen, den Kopf stolz in die Höhe geworfen, stumm und starr, aber sowie der Jüngling seine Hand erfassen wollte, wich er, ihn mit beiden Händen von sich abwehrend, zwei Schritte zurück, und rief mit fürchterlicher Stimme: »Verruchter - willst du mich morden? - Fort - aus meinen Augen, ja du spielst mit meinem Herzen, mit mir! - Und auch du Rixendorf verschworen zum läppischen Puppenspiel, das ihr mir auftischt? - fort - fort aus meinen Augen - _du_ - _du_, der du zu meinem Untergange geboren - du Sohn des schändlichsten Ver...« - »Halt ein«, brach Max plötzlich los, indem Zorn und Verzweiflung glühende Blitze aus seinen Augen schossen, »halt ein, unnatürlicher Oheim - herzloser, unnatürlicher Bruder. Schuld auf Schuld, Schande und Schmach hast du auf meines armen unglücklichen Vaters Haupt gehäuft, der verderblichen Leichtsinn, aber nie Verbrechen in sich hegen konnte! - Ich wahnsinniger Tor, daß ich glaubte, jemals dein steinernes Herz rühren, jemals, mit Liebe dich umfangene, meines Vaters Vergehen sühnen zu können! - Elend - verlassen von aller Welt, aber an der Brust eines Sohnes hauchte mein Vater sein mühseliges Leben aus - >Max! - sei brav! - sühne den unversöhnlichen Bruder - werde sein Sohn<, das war das letzte, was er sprach. - Aber du verwirfst mich, so wie du alles verwirfst, was sich dir naht mit Liebe und Ergebung, während der Teufel selbst dich mit trügerischen Träumen umgaukelt. - Nun, so stirb denn einsam und verlassen! - Mögen habsüchtige Diener auf deinen Tod lauern und sich in die Beute teilen, wenn du kaum die lebensmüden Augen geschlossen - statt der Seufzer, statt der trostlosen Klagen derer, die dir mit treuer Liebe bis in den Tod anhängen wollten, magst du sterbend das Hohngelächter, die frechen Scherze der Unwürdigen hören, die dich pflegten, weil du sie bezahltest mit schnödem Golde! - Niemals, niemals siehst du mich wieder!« -

Der Jüngling wollte zur Türe hinausstürzen, da sank Julie laut schluchzend nieder, schnell sprang Max zurück, fing sie in seinen Armen auf, und heftig sie an seine Brust drückend, rief er mit dem herzzerreißenden Ton des trostlosesten Jammers: »O Julie, Julie, alle Hoffnung ist verloren!« - Der Hofrat hatte dagestanden, zitternd an allen Gliedern, sprachlos - kein Wort konnte sich entwinden den bebenden Lippen, doch als er Julien in Maxens Armen sah, schrie er laut auf, wie ein Wahnsinniger. Er ging mit starkem kräftigen Schritt auf sie los, er riß sie von Maxens Brust hinweg, hob sie hoch in die Höhe und frug kaum vernehmbar: »Liebst du diesen Max, Julie?« - »Wie mein Leben«, erwiderte Julie voll tiefen Schmerzes, »wie mein Leben. Der Dolch, den Sie in sein Herz stoßen, trifft auch das meine!« - Da ließ sie der Hofrat langsam herab, und setzte sie behutsam nieder in einen Lehnstuhl. Dann blieb er stehen, die gefalteten Hände an die Stirn gedrückt. - Es war totenstill ringsumher. Kein Laut - keine Bewegung der Anwesenden! - Dann sank der Hofrat auf beide Knie. Lebensröte im Gesicht, helle Tränen in den Augen hob er das Haupt empor, beide Arme hoch ausgestreckt zum Himmel, sprach er leise und feierlich: »Ewig wartende unerforschliche Macht dort oben, das war dein Wille - mein verworrenes Leben nur der Keim, der im Schoß der Erde ruhend, den frischen Baum emportreibt mit herrlichen Blüten und Früchten? - O Julie, Julie! - o ich armer verblendeter Tor!« - Der Hofrat verhüllte sein Gesicht, man vernahm sein Weinen. - So dauerte es einige Sekunden, dann sprang der Hofrat plötzlich auf, stürzte auf Max, der wie betäubt dastand, los, riß ihn an seine Brust, und schrie, wie außer sich: »Du liebst Julien, du bist mein Sohn - nein mehr als das, du bist _ich_, _ich_ selbst - alles gehört dir - du bist reich, sehr reich - du hast ein Landgut - Häuser, bares Geld - laß mich bei dir bleiben, du sollst mir das Gnadenbrot geben in meinen alten Tagen - nicht wahr, du tust das? - Du liebst mich ja! - nicht wahr, du mußt mich ja lieben, du bist ja ich selbst - scheue dich nicht vor meinem steinernen Herzen, drücke mich nur fest an deine Brust, deine Lebenspulse erweichen es ja! - Max - Max mein Sohn - mein Freund, mein Wohltäter!« - So ging es fort, daß allen vor diesen Ausbrüchen des überreizten Gefühls bange wurde. Rixendorf, dem besonnenen Freunde, gelang es endlich, den Hofrat zu beschwichtigen, der, ruhiger geworden, nun erst ganz einsah, was er an dem herrlichen Jünglinge gewonnen, und mit tiefer Rührung gewahrte, wie auch die Geheime Rätin Foerd in der Verbindung ihrer Julie mit Reutlingers Neffen das neue Aufkeimen einer alten verlornen Zeit erblickte. Großes Wohlgefallen äußerte der Geheime Rat, der viel Tabak schnupfte und sich in wohlgestelltem nationell ausgesprochenem Französisch darüber ausließ. Zuvörderst sollten nun Juliens Schwestern von dem Ereignis benachrichtigt werden, die waren aber nirgends aufzufinden. Nannettens halber hatte man schon in allen großen japanischen Vasen, die in dem Vestibule herumstanden, nachgesehen, ob sie, zu sehr sich über den Rand beugend, vielleicht hineingefallen, aber vergebens, endlich fand man die Kleine unter einem Rosenbüschchen eingeschlafen, wo man sie nur nicht gleich bemerkt, und ebenso holte man Clementinen in einer entfernteren Allee ein, wo sie dem entfliehenden blonden Jüngling, dem sie vergebens nachgesetzt, eben mit lauter Stimme nachrief. »O der Mensch sieht es oft spät ein, wie sehr er geliebt wurde, wie vergeßlich und undankbar er war und wie groß das verkannte Herz!« - Beide Schwestern waren etwas mißmütig über die Heirat der jüngern, wiewohl viel schöneren und reizenderen Schwester, und vorzüglich rümpfte die schmähsüchtige Nannette das kleine Stülpnäschen; Rixendorf nahm sie aber auf den Arm und meinte, sie könnte wohl einmal einen viel vornehmeren Mann mit einem noch schöneren Gute bekommen. Da wurde sie vergnügt und sang wieder: »Amenez vos troupeaux bergères!« Clementine sprach aber sehr ernst und vornehm: »In der häuslichen Glückseligkeit sind die windstillen, zwischen vier engen Wänden vorgetriebnen bequemen Freuden nur der zufälligste Bestandteil: ihr Nerven- und Lebensgeist sind die lodernden Naphthaquellen der Liebe, die aus den verwandten Herzen ineinanderspringen.« - Die Gesellschaft im Saal, die schon Kunde bekommen von den wunderlichen aber fröhlichen Ereignissen, erwartete mit Ungeduld das Brautpaar, um mit den gehörigen Glückwünschen losfahren zu können. Der Goldstoffne, der am Fenster alles angehört und angeschaut, bemerkte schlau: »Nun weiß ich, warum der Ziegenbock dem armen Max so wichtig war. Hätte er einmal im Gefängnis gesteckt, so war durchaus an keine Aussöhnung zu denken.« Alles applaudierte dieser Meinung, wozu Willibald die Losung gab. Schon wollte man fort aus dem Nebenzimmer in den Saal, als der türkische Gesandte, der so lange auf dem Sofa geblieben, nichts gesprochen, sondern nur durch Hin- und Herrutschen und durch die seltsamsten Grimassen seine Teilnahme zu erkennen gegeben hatte, wie toll aufsprang und zwischen die Brautleute fuhr: »Was was«, rief er, »nun gleich heiraten, gleich heiraten? - Deine Geschicklichkeit, deinen Fleiß in Ehren, Max! aber du bist ein Kiek-in-die-Welt, ohne Erfahrung, ohne Lebensklugheit, ohne Bildung. Du setzest deine Füße einwärts und bist grob in deinen Redensarten wie ich vorhin vernommen, als du deinen Oheim den Hofrat Reutlinger Du nanntest. Fort in die Welt! nach Konstantinopel! - da lernst du alles was du brauchst fürs Leben - dann kehre wieder und heirate getrost mein liebes holdes Kind, das schöne Julchen.« Alle waren ganz erstaunt über Exters seltsames Begehren. Der nahm aber den Hofrat auf die Seite; beide stellten sich gegenüber, legten einander die Hände auf die Achseln und wechselten einige arabische Worte. Darauf kam Reutlinger zurück, nahm Maxens Hand und sprach sehr mild und freundlich: »Mein lieber guter Sohn, mein teurer Max, tue mir den Gefallen und reise nach Konstantinopel, es kann höchstens sechs Monate dauern, dann richte ich hier die Hochzeit aus!« - Aller Protestationen der Braut unerachtet mußte Max fort nach Konstantinopel.

Nun könnte ich, sehr geliebter Leser! wohl füglich meine Erzählung schließen, denn du magst es dir vorstellen, daß Max, nachdem er aus Konstantinopel, wo er die Marmorstufe, wohin der Seehund Extern das Kind apportiert, nebst vielem andern Merkwürdigen geschaut hatte, zurückgekehrt war, wirklich Julien heiratete, und verlangst wohl nicht noch zu wissen, wie die Braut geputzt war und wieviel Kinder das Paar bis jetzt erzeugt hat. Hinzusetzen will ich nur noch, daß am Tage Mariä Geburt des Jahres 18- Max und Julie einander gegenüber im Pavillon bei dem roten Herzen knieten. Häufige Tränen fielen auf den kalten Stein, denn unter ihm lag das ach! nur zu oft blutende Herz des wohltätigen Oheims. Nicht um des Lord Horions Grabmal nachzuahmen, sondern weil er des armen Onkels ganze Lebens- und Leidensgeschichte darin angedeutet fand, hatte Max mit eignet Hand die Worte in den Stein gegraben:

Es ruht!


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