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- Die gefesselte Phantasie - 1/16 -


Die gefesselte Phantasie

Original-Zauberspiel in zwei Aufzügen

von Ferdinand Raimund

Erstaufführung am 8. Jänner 1828 im Theater in der Leopoldstadt

ferdinand raimund "die gefesselte phantasie"

Personen

apollo die poetische phantasie hermione, Königin der Halbinsel Flora affriduro, Oberpriester des Apollo vipria, arrogantia, die Zauberschwestern distichon, Hofpoet muh, Hofnarr odi, ein Höfling ein dichter amphio, Hirte der Lilienherde nachtigall, Harfenist aus Wien ein fremder der wirth zum Hahn ein fiaker ein schuster ein spengler ein kellner Hermionens Hofstaat. Götzendiener. Dichter. Inselbewohner. Verschiedene Gäste. Volk

I. Aufzug

(Garten in Hermionens Palast. In der Mitte ein erhabener

Thron mit Veilchengirlanden auf Blumenstufen.)

1. Szene

affriduro. odi. götzendiener. inselbewohner

(Alles in Bestürzung.)

chor. Götter, schleudert eure Blitze, Schickt der Eumeniden Schar Vom erhab’nen Wolkensitze, Straft das freche Zauberpaar!

affriduro. Habt Hermionen ihr berichtet, daß wir um ihr Erscheinen bitten?

odi. Es ist geschehen.

affriduro. Nicht länger dürfen wir die Frechheit dieser Zauberschwestern dulden; Apollo selbst befiehlt es uns.

odi. Hier kommt der Hofpoet.

affriduro. Jauchzet ihm entgegen, seiner Muse Flug soll euch begeistern.

2. Szene

vorige. distichon mit einer Menge Gedichte in Rollen

alles (ruft). Willkommen, Distichon!

distichon (feierlich). Verderben diesen Zaubernymphen! Die ganze Nacht hat meine Phantasie geraset und den geflügelten Gaul beinahe zu Schanden geritten, bis Aurora vierzig Schmähgedichte beleuchtete, die mein schöpferischer Geist in dieser Nacht gebar.

mehrere. Hier sind noch mehr. (Zeigen sie vor.)

distichon. Ich glaub’ es euch. An Dichtern fehlt’s auf unserer Insel nicht. Flora heißet sie, weil sie die Göttin hat mit Blümlein aller Art bedeckt. Wir kennen keinen Schnee, als wenn uns Zephyr weiße Blüten streut; darum begeistert uns der ewige Blumenduft und weihet uns zu Priestern des Apoll’, so daß der Schuster selbst mit einer Hand nur seinen Stiefel schafft und in der andern hält er hoch die gold’ne Leier:

"Sein kühner Geist ist mit Apoll’ verwandt, Ist seine Lyra gleich mit Schustergarn bespannt." affriduro. Doch hohe Zeit ist’s nun, die Leier zu vertauschen mit dem Mut; die Zauberschwestern müssen fallen.

distichon. Ich werfe sie mit Knittelreimen tot. Ein Jahr ist’s nun, daß diese beiden Zauberschwestern auf unsere Insel kamen in einem Wolkenwagen, den zwei weiße Löwen zogen; wir glaubten schon, die Götter hätten sie gesendet, doch bald erfuhren wir, daß sie der Orkus ausgespien; denn ihre Zaubermacht erbaute schnell ein Schloß, vor dem die beiden Löwen wachen und jeden töten, der sich ihnen naht.

affriduro. Sie zertreten unsere Fluren, und mit vergifteten Pfeilen schießen sie nach den Dienern des Tempels.

alle. Wehe, Wehe über sie!

3. Szene

vorige. der narr

narr (mit Pathos). Wehe, Wehe über sie! Ich weiß zwar nicht über wen, aber ich bin ein Narr, ich muß überall dabeisein. Also Weh’ über euch alle, nur nicht über mich!

affriduro. Es freut uns, Narr, daß du so fröhlich bist.

narr. Das bin ich immer unter meinesgleichen.

distichon. Sprich vernünftig, wird die Beherrscherin erscheinen?

affriduro. Wir haben große Dinge vorzutragen.

narr. Sie kommt sogleich, sie ordnet nur ein Fest, wozu nicht lauter Dichter eingeladen sind, gemeine Geister auch.

distichon. Sie wird doch nicht gar Handwerksleute laden?

narr. Aha, der fürchtet sich, es möchten welche darunter sein, denen er schuldig ist.

distichon. Das fürcht’ ich nicht; des rühm’ ich mich, daß einer lebt, der mir noch borgt. Wer borgt denn nicht? Alles ist auf dieser Welt geborgt, das Leben selbst ist nur geliehene Ware; die Erd’, auf der wir wandeln, ist nicht schuldenfrei: der Raum, in dem sie schwebt, gehört der Luft, sie wäre blind, wenn ihr die Sonn’ den Star nicht sticht; und auch die Sonne, die Verschwenderin, die ein zu glänzend’ Haus nur führt, bezieht ganz sicherlich ihr leuchtend’ Gold aus einer Wucherwelt.

narr. Du sprichst ja wie ein Sokrates!

distichon. Beneid’ mich nicht um meinen Genius! Wem Höheres geworden, der hat auch höhere Zinsen abzutragen.

narr. Da kommst du gut davon, denn für das bißchen Hirn, was dir Natur geliehen, wirst du ihr wenig Zinsen zahlen.

distichon. Man will an andern niemals finden, was man selbst vermißt. Ästhetisch Wirken herrscht auf Flora; du gehörst nicht unter uns, wir ringen nach Unsterblichkeit.

narr. O, ihr betriebsamen Florianer! Müßiggang heißt euer Gewerb; ich will dir ein Mittel sagen, das dich unsterblich macht: leg’ du die Zeit, in der du müßig gehst, als Kapital zurück, und wenn dein lumpicht Leben ausgeht, flick’ sie hinten dran, dann lebst du fort in alle Ewigkeit.

affriduro. Wie kannst du’s wagen, Narr, in meiner Gegenwart solch ungeschliffenen Scherz zu treiben?

narr. Verzeih’, dich hab’ ich nicht gemeint, dich nehm’ ich schon ein andersmal aufs Korn. Er hat ein Spottgedicht auf mich gemacht, drum hetz’ ich ihn, so lang ich Atem hab’!

odi. Versöhnet euch, ich hab’ euch etwas zu entdecken.

narr. Was, eine Neuigkeit? Waffenstillstand unterdessen! Vielleicht gibt’s neuen Stoff zum Schimpfen.

odi. So hört denn! Unsere Fürstin ist verliebt.


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