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- Die gefesselte Phantasie - 5/16 -


Darum will ich nicht länger ihm mein Wohl vertrauen, ich befolge des Orakels Wunsch. Noch heute abend soll mein Land gerettet sein, ich will noch heute mich vermählen, damit die morgige Sonne der Zauberinnen Ohnmacht schon bescheint. Affriduro, eile hin und schmück’ den Tempel des Apoll’; in einer Stunde seid ihr dort versammelt und höret meinen Eid: "Dem reich’ ich heut’ noch meine Hand, der, bis die siebente Stunde tönt, mir ein Gedicht ersinnt, das an Wert hoch über allen andern steht." Es gelte gleich, welch’ Land ihn auch gezeugt, ob ihn ein Lorbeer schmückt, ob er den Hirtenstab erwählt. So fordre ich in die Schranken eure Poesie; weil ihr nicht kämpfen könnt um mich durch eurer Sehnen Kraft, so kämpft um mich mit kräftigen Gedanken. Die Phantasie trag’ euch die Fahne vor, Vernunft steckt auf den Helm, der Witz sei euer Pfeil, die Verse stellt in dichte Reihen, statt der Trompete laßt den Reim erklingen; so rücket vor und kämpfet um den Preis: Drei Kronen bietet er zugleich, Mein Herz, den Lorbeer und dies Reich. (Ab.)

affriduro (mit den Götzendienern zur entgegengesetzten Seite ab).

10. Szene

vorige ohne Hermione und Affriduro

mehrere. Ha, jetzt gilt’s!

distichon (mit Emphase, schnell). Dichtergeister! Hört den Meister, Spornt den Gaul, Seid nicht faul; Zieht vom Leder Eure Feder, Schreibt drauf los, Der Preis ist groß. Fortunens Blick Verkündet Glück!

narr. Auweh, zwick’, Jetzt wird ’s mir z’ dick! Reim’ dich oder ich friß dich. Ha, ha, ha!

distichon. Was lachst du, Schafskopf, Kalb, dem Mond entsprungen?

narr. Pfui der Schande! Durch ein Gedicht müßt ihr die Hand der Herrscherin erkämpfen, weil ihr so furchtsam seid, daß ihr beim Anblick einer Spinne lauft. O ihr Heroen der Vorzeit! Nehmt euch doch ein Beispiel an dem Theseus von Canova, der hält den Minotaurus schon zehn Jahr’ beim Schopf und laßt ihn noch nicht aus. Das ist ein Held! Und ihr Wichte Schreibt Gedichte Voll Gewinsel! O ihr Pinsel Dieser Insel! Apoll’, du Zechmeister aller Dichter, schlag ihnen deine Leier um den Kopf, ihre Väter schamen sich im Grab!

distichon. Mein Vater war ein Held.

narr. Der meine auch, er war Hanswurst und hat den Harlekin geprügelt.

odi. Wir sind es auch.

narr (ruft erschrocken). Die Zauberschwestern!

alles (will erschrocken davonlaufen). Hilfe!

narr. Ha, ha! Probatum est. O ihr Schmucknadeln, zum Zittern seid ihr auf die Welt gekommen. Einen Esel laßt euch bauen, so groß, wie das Trojan’sche Pferd, und schlieft’s mit eurer Tapferkeit hinein.

distichon. Nein, das wird zu arg! Auf, ihr Brüder Hoher Lieder, Schlagt ihn nieder!

(Alle prügeln auf ihn.)

narr (indem er fällt). Jetzt schreiben s’ ein Vers auf meinen Buckel.

odi. Triumph, das Ungeheuer ist besiegt!

distichon. Ich hab’ ihn auf das Haupt geschlagen!

odi (schadenfroh). Ich gab ihm in die Rippen ein’s.

distichon. Wir lassen uns in Kupfer stechen.

alle. Es lebe Distichon, der tapf’re Held!

(Alles ab.)

11. Szene

narr allein, seinen Rücken reibend

narr. Das Schlachtfeld ist leer. Ah, das nenn’ ich ein Treffen! Jeder hat getroffen, keiner hat g’fehlt. Aber dem Verdienste seine Kränze, einer ist dabei, der kann’s; wann das ein Dichter ist, der hat eine shakespearische Kraft! (Überdenkend.) O Schicksal eines Narren! Geboren auf Österreichs fetten Triften, studiert bis an den Hals, dann Kammerdiener eines span’schen Lords, vom Schiffbruch ausgespuckt an diesen Strand der Feigheit und der Ochserie. Aus Gnaden haben sie mich zum Hofnarren aufgenommen, mich, der ich mehr Witz in meinem Daumen hab’ als alle Köpfe dieses Fabellandes seit hunderttausend Jahr’. Und nun zu euch, ihr gift’gen Zauberkröten, denn Frauenzimmer seid ihr nicht;-- Respekt vor allen andern Frauenzimmern! Ehret die Frauen, sie flechten und weben--Punktum! Das andre fällt mir nicht mehr ein; aber das sind keine Frauenzimmer, das sind Töchter des liebenswürdigen Zerberus und der reizenden Hydra. Darum beschwör’ ich euch, ihr vier Winde des Himmels, blas’t mir alle Krankheiten dieses schwindsüchtigen Jahrhunderts auf einen Haufen zusammen und überlaßt sie mir zu meiner Disposition. Herbei, ihr zwölf Monate dieses tiefbeleidigten Jahres, ich will einen Kalender zusammenfluchen und euch ein Neujahrsgeschenk damit machen:

Ganz leicht beginn’ der Januar Mit Schnupfen, Halsweh und Katarrh; Des Abends sanftes Gliederreißen, Daß sie vor Schmerz die Lippen beißen. Dann werd’, weil beide eitel sind, Die eine taub, die andre blind, Und ihre niedlichen Gefriesel Bedeck’ ein scharlachroter Riesel. Dem Februar laß ich die Wahl, Zu sinnen eine eigne Qual. Die Gicht ist schön, doch wünscht’ ich lieber Die Bleichsucht oder ’s gelbe Fieber. März und April bringt Seitenstechen, Der Mai muß sich durch Krämpfe rächen; Im Juni Regen allenfalls, So hab’ns die Wassersucht am Hals. Im Juli ist Sommerszeit, Wo man auf grüner Flur sich freut: Nur ihnen blüh’ kein schönes Tal, Die ganze Welt sei ihr Spital. August, da werd’ ihr Hunger heiß, Doch bleib’ ihr Magen kalt wie Eis; Nichts hemme ihrer Eßsucht Lauf, Vielleicht frißt eine d’andre auf. September streu’ vergift’ten Tau, Der färbe ihre Haare grau; Oktober ruft das Blatt nach Haus, Da brechen ihre Zähne aus; November fällt ihr Namensfest, Da schick’ zum Bindband ich die Pest, Und bis Dezember kommt herbei, Sind schon in Zügen alle zwei. Doch noch ist nicht der Spaß verdorben, Kaum glauben sie, sie sind gestorben, So speien sie, der Welt zum Graus, Aufs neu’ zwei gift’ge Drachen aus. So drück’ auf ihre Qual die Zeit Das Siegel einer Ewigkeit; Den Wunsch bringt froh zum neuen Jahr Mein gutes Herz den Schwestern dar.

(Ab.)

verwandlung

(Romantisches Tal. Weiße Lämmer weiden auf den Hügeln, Amphio sitzt auf einem Steine und bläst ein sanftes Lied auf seiner Flöte. Im Vordergrunde befinden sich zwei steinerne Wassernymphen auf Postamenten, in Lebensgröße, welche auf Wasserurnen ruhen.)

12. Szene

amphio allein

amphio. Wo weilst du heute, hohe Phantasie, daß sich dein Bild noch nicht auf blauem Äther malt und mit den


Die gefesselte Phantasie - 5/16

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