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- Die Piccolomini - 5/25 -


Der Feldherr jedes Große der Natur, So gönne man ihm auch, in ihren großen Verhältnissen zu leben. Das Orakel In seinem Innern, das lebendige-- Nicht tote Bücher, alte Ordnungen, Nicht modrigte Papiere soll er fragen.

Octavio. Mein Sohn! Laß uns die alten, engen Ordnungen Gering nicht achten! Köstlich unschätzbare Gewichte sind's, die der bedrängte Mensch An seiner Dränger raschen Willen band; Denn immer war die Willkür fürchterlich-- Der Weg der Ordnung, ging' er auch durch Krümmmen, Er ist kein Umweg. Grad aus geht des Blitzes, Geht des Kanonballs fürchterlicher Pfad-- Schnell, auf dem nächsten Wege, langt er an, Macht sich zermalmend Platz, um zu zermalmen. Mein Sohn! Die Straße, die der Mensch befährt, Worauf der Segen wandelt, diese folgt Der Flüsse Lauf, der Täler freien Krümmen, Umgeht das Weizenfeld, den Rebenhügel, Des Eigentums gemeßne Grenzen ehrend-- So führt sie später, sicher doch zum Ziel.

Questenberg. Oh! hören Sie den Vater--hören Sie Ihn, der ein Held ist und ein Mensch zugleich.

Octavio. Das Kind des Lagers spricht aus dir, mein Sohn. Ein fünfzehnjähr'ger Krieg hat dich erzogen, --Du hast den Frieden nie gesehn! Es gibt Noch höhern Wert, mein Sohn, als kriegerischen; Im Kriege selber ist das Letzte nicht der Krieg. Die großen, schnellen Taten der Gewalt, Des Augenblicks erstaunenswerte Wunder, Die sind es nicht, die das Beglückende, Das ruhig, mächtig Dauernde erzeugen. In Hast und Eile bauet der Soldat Von Leinwand seine leichte Stadt, da wird Ein augenblicklich Brausen und Bewegen, Der Markt belebt sich, Straßen, Flüsse sind Bedeckt mit Fracht, es rührt sich das Gewerbe. Doch eines Morgens plötzlich siehet man Die Zelte fallen, weiter rückt die Horde, Und ausgestorben, wie ein Kirchhof, bleibt Der Acker, das zerstampfte Saatfeld liegen, Und um des Jahres Ernte ist's getan.

Max. Oh! laß den Kaiser Friede machen, Vater! Den blut'gen Lorbeer geb ich hin mit Freuden Fürs erste Veilchen, das der März uns bringt, Das duftige Pfand der neuverjüngten Erde.

Octavio. Wie wird dir? Was bewegt dich so auf einmal?

Max. Ich hab den Frieden nie gesehn?--Ich hab ihn Gesehen, alter Vater , eben komm ich-- Jetzt eben davon her--er führte mich Der Weg durch Länder, wo der Krieg nicht hingekommen--oh! das Leben, Vater, Hat Reize, die wir nie gekannt.--Wir haben Des schönen Lebens öde Küste nur Wie ein umirrend Räubervolk befahren, Das, in sein dumpfig-enges Schiff gepreßt, Im wüsten Meer mit wüsten Sitten haust, Vom großen Land nichts als die Buchten kennt, Wo es die Diebeslandung wagen darf. Was in den innern Tälern Köstliches Das Land verbirgt, oh! davon--davon ist Auf unsrer wilden Fahrt uns nichts erschienen.

Ocatvio. (wird aufmerksam) Und hätt' es diese Reise dir gezeigt?

Max. Es war die erste Muße meines Lebens. Sag mir, was ist der Arbeit Ziel und Preis, Der peinlichen, die mir die Jugend stahl, Das Herz mir öde ließ und unerquickt Den Geist, den keine Bildung noch geschmücket? Denn dieses Lagers lärmendes Gewühl, Der Pferde Wiehern, der Trompete Schmettern, Des Dienstes immer gleichgestellte Uhr, Die Waffenübung, das Kommandowort-- Dem Herzen gibt es nichts, dem lechzenden. Die Seele fehlt dem nichtigen Geschäft-- Es gibt ein andres Glück und andre Freuden.

Octavio. Viel lerntest du auf diesem kurzen Weg, mein Sohn!

Max. O schöner Tag! wenn endlich der Soldat Ins Leben heimkehrt, in die Menschlichkeit, Zum frohen Zug die Fahnen sich entfalten, Und heimwärts schlägt der sanfte Friedensmarsch. Wenn alle Hüte sich und Helme schmücken Mit grünen Maien, dem letzten Raub der Felder! Der Städte Tore gehen auf, von selbst, Nicht die Petarde braucht sie mehr zu sprengen; Von Menschen sind die Wälle rings erfüllt, Von friedlichen, die in die Lüfte grüßen-- Hell klingt von allen Türmen das Geläut, Des blut'gen Tages frohe Vesper schlagend. Aus Dörfern und aus Städten wimmelnd strömt Ein jauchzend Volk, mit liebend emsiger Zudringlichkeit des Heeres Fortzug hindernd-- Da schüttelt, froh des noch erlebten Tags, Dem heimgekehrten Sohn der Greis die Hände. Ein Fremdling tritt er in sein Eigentum, Das längstverlaßne, ein; mit breiten Ästen Deckt ihn der Baum bei seiner Wiederkehr, Der sich zur Gerte bog, als er gegangen, Und schamhaft tritt als Jungfrau ihm entgegen, Die er einst an der Amme Brust verließ. Oh! glücklich, wem dann auch sich eine Tür, Sich zarte Arme sanft umschlingend öffnen--

Questenberg. (gerührt) Oh! daß Sie von so ferner, ferner Zeit, Und nicht von morgen, nicht von heute sprechen!

Max. (mit Heftigkeit sich zu ihm wendend) Wer sonst ist schuld daran als ihr in Wien?-- Ich will's nur frei gestehen, Questenberg! Als ich vorhin Sie stehen sah, es preßte Der Unmut mir das Innerste zusammen-- Ihr seid es, die den Frieden hinder, ihr! Der Krieger ist's, der ihn erzwingen muß. Dem Fürsten macht ihr's Leben sauer, macht Ihm alle Schritte schwer, ihr schwärzt ihn an-- Warum? Weil an Europas großem Besten Ihm mehr liegt als an ein paar Hufen Landes, Die Östreich mehr hat oder weniger-- Ihr macht ihn zum Empörer und, Gott weiß! Zu was noch mehr, weil er die Sachsen schont, Beim Feind Vertrauen zu erwecken sucht, Das doch der einz'ge Weg zum Frieden ist; Denn hört der Krieg im Kriege nicht schon auf, Woher soll Friede kommen?--Geht nur, geht! Wie ich das Gute liebe, haß ich euch-- Und hier gelob ich's an, verspritzen will ich Für ihn, für diesen Wallenstein, mein Blut, Das letzte meines Herzens, tropfenweis, eh' daß Ihr über seinen Fall frohlocken sollt! (Er geht ab.)

Fünfter Auftritt

Questenberg. Octavio Piccolomini.

Questenberg. O weh uns! Steht es so? (Dringend und ungeduldig.) Freund, und wir lassen ihn in diesem Wahn Dahingehn, rufen ihn nicht gleich Zurück, daß wir die Augen auf der Stelle Ihm öffnen?

Octavio. (aus einem tiefen Nachdenken zu sich kommend) Mir hat er sie jetzt geöffnet, Und mehr erblick ich, als mich freut.

Questenberg. Was ist es, Freund?

Octavio. Fluch über diese Reise!

Questenberg. Wieso! Was ist es?

Octavio. Kommen Sie! Ich muß Sogleich die unglückselige Spur verfolgen, Mit meinen Augen sehen--Kommen Sie--

(Will ihn fortführen.)

Questenberg. Was denn? Wohin?

Octavio. (pressiert) Zu ihr!

Questenberg. Zu--

Octavio. (korrigiert sich) Zum Herzog! Gehn wir. Oh! ich fürchte alles. Ich seh' das Netz geworfen über ihn, Er kommt mir nicht zurück, wie er gegangen.


Die Piccolomini - 5/25

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