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- Dantons Tod - 5/20 -


Marion. Danton, deine Lippen haben Augen.

Danton. Ich möchte ein Teil des Äthers sein, um dich in meiner Flut zu baden, um mich auf jeder Welle deines schönen Leibes zu brechen.

(Lacroix, Adelaide, Rosalie treten ein.)

Lacroix (bleibt in der Tür stehn). Ich muß lachen, ich muß lachen.

Danton (unwillig). Nun?

Lacroix. Die Gasse fällt mir ein.

Danton. Und?

Lacroix. Auf der Gasse waren Hunde, eine Dogge und ein Bologneser Schoßhündlein, die quälten sich.

Danton. Was soll das?

Lacroix. Das fiel mir nun grade so ein, und da mußt' ich lachen. Es sah erbaulich aus! Die Mädel guckten aus den Fenstern; man sollte vorsichtig sein und sie nicht einmal in der Sonne sitzen lassen. Die Mücken treiben's ihnen sonst auf den Händen; das macht Gedanken. Legendre und ich sind fast durch alle Zellen gelaufen, die Nönnlein von der Offenbarung durch das Fleisch hingen uns an den Rockschößen und wollten den Segen. Legendre gibt einer die Disziplin, aber er wird einen Monat dafür zu fasten bekommen. Da bringe ich zwei von den Priesterinnen mit dem Leib.

Marion. Guten Tag, Demoiselle Adelaide! guten Tag, Demoiselle Rosalie!

Rosalie. Wir hatten schon lange nicht das Vergnügen.

Marion. Es war mir recht leid.

Adelaide. Ach Gott, wir sind Tag und Nacht beschäftigt.

Danton (zu Rosalie). Ei, Kleine, du hast ja geschmeidige Hüften bekommen.

Rosalie. Ach ja, man vervollkommnet sich täglich.

Lacroix. Was ist der Unterschied zwischen dem antiken und einem modernen Adonis?

Danton. Und Adelaide ist sittsam-interessant geworden; eine pikante Abwechslung. Ihr Gesicht sieht aus wie ein Feigenblatt, das sie sich vor den ganzen Leib hält. So ein Feigenbaum an einer so gangbaren Straße gibt einen erquicklichen Schatten.

Adelaide. Ich wäre ein Herdweg, wenn Monsieur...

Danton. Ich verstehe; nur nicht böse, mein Fräulein!

Lacroix. So höre doch! Ein moderner Adonis wird nicht von einem Eber, sondern von Säuen zerrissen; er bekommt seine Wunde nicht am Schenkel, sondern in den Leisten, und aus seinem Blut sprießen nicht Rosen hervor, sondern schießen Quecksilberblüten an.

Danton. O laß das, Fräulein Rosalie ist ein restaurierter Torso, woran nur die Hüften und Füße antik sind. Sie ist eine Magnetnadel: was der Pol Kopf abstößt, zieht der Pol Fuß an; die Mitte ist ein Äquator, wo jeder eine Sublimattaufe bekömmt, der die Linie passiert.

Lacroix. Zwei Barmherzige Schwestern; jede dient in einem Spital, d. h. in ihrem eignen Körper.

Rosalie. Schämen Sie sich, unsere Ohren rot zu machen!

Adelaide. Sie sollten mehr Lebensart haben! (Adelaide und Rosalie ab.)

Danton. Gute Nacht, ihr hübschen Kinder!

Lacroix. Gute Nacht, ihr Quecksilbergruben!

Danton. Sie dauern mich, sie kommen um ihr Nachtessen.

Lacroix. Höre, Danton, ich komme von den Jakobinern.

Danton. Nichts weiter?

Lacroix. Die Lyoner verlasen eine Proklamation; sie meinten, es bliebe ihnen nichts übrig, als sich in die Toga zu wickeln. Jeder macht ein Gesicht, als wollte er zu seinem Nachbar sagen: Paetus, es schmerzt nicht! - Legendre rief, man wolle Chaliers und Marats Büsten zerschlagen. Ich glaube, er will sich das Gesicht wieder rot machen; er ist ganz aus der Terreur herausgekommen, die Kinder zupfen ihn auf der Gasse am Rock.

Danton. Und Robespierre?

Lacroix. Fingerte auf der Tribüne und sagte: die Tugend muß durch den Schrecken herrschen. Die Phrase machte mir Halsweh.

Danton. Sie hobelt Bretter für die Guillotine.

Lacroix. Und Collot schrie wie besessen, man müsse die Masken abreißen.

Danton. Da werden die Gesichter mitgehen.

(Paris tritt ein.)

Lacroix. Was gibt's, Fabricius?

Paris. Von den Jakobinern weg ging ich zu Robespierre; ich verlangte eine Erklärung. Er suchte eine Miene zu machen wie Brutus, der seine Söhne opfert. Er sprach im allgemeinen von den Pflichten, sagte: der Freiheit gegenüber kenne er keine Rücksicht, er würde alles opfern, sich, seinen Bruder, seine Freunde.

Danton. Das war deutlich; man braucht nur die Skala herumzukehren, so steht er unten und hält seinen Freunden die Leiter. Wir sind Legendre Dank schuldig, er hat sie sprechen gemacht.

Lacroix. Die Hebertisten sind noch nicht tot, das Volk ist materiell elend, das ist ein furchtbarer Hebel. Die Schale des Blutes darf nicht steigen, wenn sie dem Wohlfahrtsausschuß nicht zur Laterne werden soll; er hat Ballast nötig, er braucht einen schweren Kopf.

Danton. Ich weiß wohl - die Revolution ist wie Saturn, sie frißt ihre eignen Kinder. (Nach einigem Besinnen:) Doch, sie werden's nicht wagen.

Lacroix. Danton, du bist ein toter Heiliger; aber die Revolution kennt keine Reliquien, sie hat die Gebeine aller Könige auf die Gasse und alle Bildsäulen von den Kirchen geworfen. Glaubst du, man würde dich als Monument stehen lassen?

Danton. Mein Name! das Volk!

Lacroix. Dein Name! Du bist ein Gemäßigter, ich bin einer, Camille, Philippeau, Hérault. Für das Volk sind Schwäche und Mäßigung eins; es schlägt die Nachzügler tot. Die Schneider von der Sektion der roten Mütze werden die ganze römische Geschichte in ihrer Nadel fühlen, wenn der Mann des September ihnen gegenüber ein Gemäßigter war.

Danton. Sehr wahr, und außerdem - das Volk ist wie ein Kind, es muß alles zerbrechen, um zu sehen, was darin steckt.

Lacroix. Und außerdem, Danton, sind wir lasterhaft, wie Robespierre sagt, d. h. wir genießen; und das Volk ist tugendhaft, d. h. es genießt nicht, weil ihm die Arbeit die Genußorgane stumpf macht, es besäuft sich nicht, weil es kein Geld hat, und es geht nicht ins Bordell, weil es nach Käs und Hering aus dem Hals stinkt und die Mädel davor einen Ekel haben.

Danton. Es haßt die Genießenden wie ein Eunuch die Männer.

Lacroix. Man nennt uns Spitzbuben, und (sich zu den Ohren Dantons neigend) es ist, unter uns gesagt, so halbwegs was Wahres dran. Robespierre und das Volk werden tugendhaft sein. St. Just wird einen Roman schreiben, und Barère wird eine Carmagnole schneidern und dem Konvent das Blutmäntelchen umhängen und - ich sehe alles.


Dantons Tod - 5/20

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