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- Die Leute von Seldwyla, Vol. 1 - 30/44 -


zu machen hatten, erschien das Dasein der Anwesenden um so löblicher. Aus der Stadt selbst war niemand da als der Gemeindepräsident, die Wahlen zu leiten, der Gemeindeschreiber, das Protokoll zu führen, dann der Nachtwächter und zwei oder drei arme Teufel, welche kein Geld hatten, um mit den lachenden Seldwylern den Frühschoppen zu trinken. Der Herr Präsident aber war ein Gastwirt, welcher vor Jahren schon falliert hatte und seither die Wirtschaft auf Rechnung seiner Frau fortbetrieb. Hierin wurde er von seinen Mitbürgern reichlich unterstützt, da er ganz ihr Mann war, das große Wort zu führen wußte und bei allen Händeln als ein erfahrener Wirt auf dem Posten war. Daß er aber in Amt und Würden stand und hier den Wahlen präsidierte, gehörte zu jenen Sünden der Seldwyler, die sich zeitweise so lange anhäuften, bis ihnen die Regierung mit einer Untersuchung auf den Leib rückte. Die Landleute wußten teilweise wohl, daß es nicht ganz richtig war mit diesem Präsidenten, allein sie waren viel zu langsam und zu häcklich, als daß sie etwas gegen ihn unternommen hätten, und so hatte er sich bereits in einem Handumdrehen mit seinen drei oder vier Mitbürgern das Geschäft des Tages zugeeignet, als Fritz ankam. Dieser, als er das Häuflein rechtlicher Landleute sah, freute sich, wenigstens nicht ganz allein da zu sein, und es fuhr plötzlich ein unternehmender Geist in ihn, daß er unversehens das Wort verlangte und gegen den Präsidenten protestierte, da derselbe falliert und bürgerlich tot sei.

Dies war ein Donnerschlag aus heiterm Himmel. Der ansehnliche Gastwirt machte ein Gesicht, wie einer, der tausend Jahre begraben lag und wieder auferstanden ist; jedermann sah sich nach dem kühnen Redner um; aber die Sache war so kindlich einfach, daß auch nicht ein Laut dagegen ertönen konnte, in keiner Weise; nicht die leiseste Diskussion ließ sich eröffnen. Je unerhörter und unverhoffter das Ereignis war, um so begreiflicher und natürlicher erschien es jetzt, und je begreiflicher es erschien, um so zorniger und empörter waren die paar Seldwyler gerade über diese Begreiflichkeit, über sich selbst, über den jungen Amrain, über die heimtückische Trivialität der Welt, welche das Unscheinbarste und Naheliegendste ergreift, um Große zu stürzen und die Verhältnisse umzukehren. Der Herr Präsident Usurpator sagte nach einer minutenlangen Verblüffung, nach welcher er wieder so klug wie zu Anfang war, gar nichts, als: „Wenn--wenn man gegen meine Person Einwendungen--allerdings, ich werde mich nicht aufdringen, so ersuche ich die geehrte Versammlung, zu einer neuen Wahl des Präsidenten zu schreiten, und die Stimmenzähler, die betreffenden Stimmzettel auszuteilen."

„Ihr habt überhaupt weder etwas vorzuschlagen hier, noch den Stimmenzählern etwas aufzutragen!" rief Fritz Amrain, und dem großen Magnaten und Gastwirt blieb nichts anderes übrig, als das Unerhörte abermals so begreiflich zu finden, daß es ans Triviale grenzte, und ohne ein Wort weiter zu sagen, verließ er die Kirche, gefolgt von dem bestürzten Nachtwächter und den andern Lumpen. Nur der Schreiber blieb, um das Protokoll weiterzuführen, und Fritz Amrain begab sich in dessen Nähe und sah ihm auf die Finger. Die Bauern aber erholten sich endlich aus ihrer Verwunderung und benutzten die Gelegenheit, das Wahlgeschäft rasch zu beendigen und statt der bisherigen zwei Mitglieder zwei tüchtige Männer aus ihrer Gegend zu wählen, die sie schon lange gerne im Rate gesehen, wenn die Seldwyler ihnen irgend Raum gegönnt hätten. Dies lag nun am wenigsten im Plane der nichterschienenen Seldwyler; denn sie hatten sich doch gedacht, daß ihr Präsident und der Nachtwächter unfehlbar die alten zwei Popanze wählen würden, wie es auch ausgemacht war in einer flüchtigen Viertelstunde in irgendeinem Hinterstübchen. Wie erstaunten sie daher, als sie nun, durch den heimgeschickten falschen Präsidenten aufgeschreckt, in hellen Haufen dahergerannt kamen und das Protokoll rechtskräftig geschlossen fanden samt dem Resultat. Ruhig lächelnd gingen die Landleute auseinander; Fritz Amrain aber, welcher nach seiner Behausung schritt, wurde von den Bürgern aufgebracht, verlegen und wild höhnisch betrachtet, mit halbem Blicke oder weit aufgesperrten Augen. Der eine rief ein abgebrochenes Ha! der andere ein Ho! Fritz fühlte, daß er jetzt zum ersten Male wirkliche Feinde habe, und zwar gefährlicher als jene, gegen welche er einst mit Blei und Pulver ausgezogen. Auch wußte er, da er so unerbittlich über einen Mann gerichtet, der zwanzig Jahre älter war als er, daß er sich nun doppelt wehren müsse, selber nicht in die Grube zu fallen, und so hatte das Leben nun wieder ein ganz anderes Gesicht für ihn, als noch vor kaum zwei Stunden. Mit ernsten Gedanken trat er in sein Haus und gedachte, um sich aufzuheitern, seine Mutter zu prüfen, ob ihr diese Wendung der Dinge auch genehm sei, da sie ihn allein veranlaßt hatte, sich in die Gefahr zu begeben.

Allein da er den Hausflur betrat, kam ihm seine Mutter entgegen, fiel ihm weinend um den Hals und sagte nichts als: „Dein Vater ist wiedergekommen!" Da sie aber sah, daß ihn dieser Bericht noch verlegener und ungewisser machte, als sie selbst war, faßte sie sich, nachdem sie den Sohn an sich gedrückt, und sagte: „Nun, er soll uns nichts anhaben! Sei nur freundlich gegen ihn, wie es einem Kinde zukommt!" So hatten sich in der Tat die Dinge abermals verändert; noch vor wenig Augenblicken, da er auf der Straße ging, schien es ihm höchst bedenklich, sich eine ganze Stadt verfeindet zu wissen, und jetzt, was war dies Bedenken gegen die Lage, urplötzlich sich einem Vater gegenüberzusehen, den er nie gekannt, von dem er nur wußte, daß er ein eitler, wilder und leichtsinniger Mann war, der zudem die ganze Welt durchzogen während zwanzig Jahren und nun weiß der Himmel welch ein fremdartiger und erschrecklicher Kumpan sein mochte. „Wo kommt er denn her? Was will er, wie sieht er denn aus, was will er denn?" sagte Fritz, und die Mutter erwiderte: „Er scheint irgendein Glück gemacht und was erschnappt zu haben und nun kommt er mit Gebärden dahergefahren, als ob er uns in Gnaden auffressen wollte! Fremd und wild sieht er aus, aber er ist der Alte, das hab' ich gleich gesehen." Fritz war aber jetzt doch neugierig und ging festen Schrittes die Treppe hinauf und auf die Wohnstube zu, während die Mutter in die Küche huschte und auf einem andern Wege fast gleichzeitig in die Stube trat; denn das dünkte sie nun der beste Lohn und Triumph für alle Mühsal, zu sehen, wie ihrem Manne der eigne Sohn, den sie erzogen, entgegentrat. Als Fritz die Türe öffnete und eintrat, sah er einen großen schweren Mann am Tische sitzen, der ihm wohl er selbst zu sein schien, wenn er zwanzig Jahre älter wäre. Der Fremde war fein, aber unordentlich gekleidet, hatte etwas Ruhig-Trotziges in seinem Wesen und doch etwas Unstetes in seinem Blicke, als er jetzt aufstand und ganz erschrocken sein junges Ebenbild eintreten sah, hoch aufgerichtet und nicht um eine Linie kürzer als er selbst. Aber um das Haupt des Jungen wehten starke goldene Locken, und während sein Angesicht ebenso ruhig-trotzig dreinsah, wie das des Alten, errötete er bei aller Kraft doch in Unschuld und Bescheidenheit. Als der Alte ihn mit der verlegenen Unverschämtheit der Zerfahrenen ansah und sagte: „So wirst du also mein Sohn sein?" schlug der Junge die Augen nieder und sagte: „Ja, und Ihr seid also mein Vater? Es freut mich, Euch endlich zu sehen!" Dann schaute er neugierig empor und betrachtete gutmütig den Alten; als dieser aber ihm nun die Hand gab und die seinige mit einem prahlerischen Druck schüttelte, um ihm seine große Kraft und Gewalt anzukünden, erwiderte der Sohn unverweilt diesen Druck, so daß die Gewalt wie ein Blitz in den Arm des Alten zurückströmte und den ganzen Mann gelinde erschütterte. Als aber vollends der Junge nun mit ruhigem Anstand den Alten zu seinem Stuhle zurückführte und ihn mit freundlicher Bestimmtheit zu sitzen nötigte, da ward es dem Zurückgekehrten ganz wunderlich zumut, ein solch wohlgeratenes Ebenbild vor sich zu sehen, das er selbst und doch wieder ganz ein anderer war. Frau Regula sprach beinahe kein Wort und ergriff den klugen Ausweg, den Mann auf seine Weise zu ehren, indem sie ihn reichlich bewirtete und sich mit dem Vorweisen und Einschenken ihres besten Weines zu schaffen machte. Dadurch wurde seine Verlegenheit, als er so zwischen seiner Frau und seinem Sohne saß, etwas gemildert, und das Loben des guten Weines gab ihm Veranlassung, die Vermutung auszusprechen, daß es also mit ihnen gut stehen müsse, wie er zu seiner Befriedigung ersehe, was denn den besten Übergang gab zu der Auseinandersetzung ihrer Verhältnisse. Frau und Sohn suchten nun nicht ängstlich zurückzuhalten und heimlich zu tun, sondern sie legten ihm offen den Stand ihres Hauses und ihres Vermögens dar; Fritz holte die Bücher und Papiere herbei und wies ihm die Dinge mit solchem Verstand und Klarheit nach, daß er erstaunt die Augen aufsperrte über die gute Geschäftsführung und über die Wohlhabenheit seiner Familie. Indessen reckte er sich empor und sprach: „Da steht ihr ja herrlich im Zeuge und habt euch gut gehalten, was mir lieb ist. Ich komme aber auch nicht mit leeren Händen und habe mir einen Pfennig erworben, durch Fleiß und Rührigkeit!" Und er zog einige Wechselbriefe hervor, sowie einen mit Gold angefüllten Gurt, was er alles auf den Tisch warf, und es waren allerdings einige Tausend Gulden oder Taler. Allein er hatte sie nicht nach und nach erworben und verschwieg weislich, daß er diese Habe auf einmal durch irgendeinen Glücksfall erwischt, nachdem er sich lange genug ärmlich herumgetrieben in allen nordamerikanischen Staaten. „Dies wollen wir", sagte er, „nun sogleich in das Geschäft stecken und mit vereinten Kräften weiter schaffen; denn ich habe eine ordentliche Lust, hier, da es nun geht, wieder ans Zeug zu gehen und den Hunden etwas vorzuspielen, die mich damals fortgetrieben." Sein Sohn schenkte ihm aber ruhig ein anderes Glas Wein ein und sagte: „Vater, ich wollte Euch raten, daß Ihr vorderhand Euch ausruhet und es Euch wohl sein lasset. Eure Schulden sind längst bezahlt und so könnet Ihr Euer Geldchen gebrauchen, wie es Euch gutdünkt, und ohnedies soll es Euch an nichts bei uns fehlen! Was aber das Geschäft betrifft, so habe ich selbiges von Jugend auf gelernt und weiß nun, woran es lag, daß es Euch damals mißlang. Ich muß aber freie Hand darin haben, wenn es nicht abermals rückwärts gehen soll. Wenn es Euch Lust macht, hier und da ein wenig mitzuhelfen und Euch die Sache anzusehen, so ist es zu Eurem Zeitvertreib hinreichend, daß Ihr es tut. Wenn Ihr aber nicht nur mein Vater, sondern sogar ein Engel vom Himmel wäret, so würde ich Euch nicht zum förmlichen Anteilhaber annehmen, weil Ihr das Werk nicht gelernt habt und, verzeiht mir meine Unhöflichkeit, nicht versteht!" Der Alte wurde durch diese Rede höchst verstimmt und verlegen, wußte aber nichts darauf zu erwidern, da sie mit großer Entschiedenheit gesprochen war und er sah, daß sein Sohn wußte, was er wollte. Er packte seine Reichtümer zusammen und ging aus, sich in der Stadt umzusehen. Er trat in verschiedene Wirtshäuser; allein er fand da ein neues Geschlecht an der Tagesordnung und seine alten Genossen waren längst in die Dunkelheit verschwunden. Zudem hatte er in Amerika doch etwas andere Manieren bekommen. Er hatte sich gewöhnen müssen, sein Gläschen stehend zu trinken, um unverweilt dem Drange und der einsilbigen Jagd des Lebens wieder nachzugehen; er hatte ein tüchtiges rastloses Arbeiten wenigstens mit angesehen und sich unter den Amerikanern ein wenig abgerieben, so daß ihm diese ewige Sitzerei und Schwätzerei nun selbst nicht mehr zusagte. Er fühlte, daß er in seinem wohlbestellten Hause doch besser aufgehoben wäre, als in diesen Wirtshäusern, und kehrte unwillkürlich dahin zurück, ohne zu wissen, ob er dort bleiben oder wieder fortgehen solle? So ging er in die Stube, die man ihm eingeräumt; dort warf der alternde Mann seine Barschaft unmutig in einen Winkel, setzte sich rittlings auf einen Stuhl, senkte den großen betrübten Kopf auf die Lehne und fing ganz bitterlich an zu weinen. Da trat seine Frau herein, sah, daß er sich elend fühlte, und mußte sein Elend achten. Sowie sie aber wieder etwas an ihm achten konnte, kehrte ihre Liebe augenblicklich zurück. Sie sprach nicht mit ihm, blieb aber den übrigen Teil des Tages in der Kammer, ordnete erst dies und jenes zu seiner Bequemlichkeit und setzte sich endlich mit ihrem Strickzeug schweigend ans Fenster, indem sich erst nach und nach ein Gespräch zwischen den lange getrennten Eheleuten entwickelte. Was sie gesprochen, wäre schwer zu schildern, aber es ward beiden wohler zumut, und der alte Herr ließ sich von da an von seinem wohlerzogenen Sohne nachträglich noch ein bißchen erziehen und leiten ohne Widerrede und ohne daß der Sohn sich eine Unkindlichkeit zuschulden kommen ließ. Aber der seltsame Kursus dauerte nicht einmal sehr lange, und der Alte ward doch noch ein gelassener und zuverlässiger Teilnehmer an der Arbeit, mit manchen Ruhepunkten und kleinen Abschweifungen, aber ohne dem blühenden Hausstande Nachteile oder Unehre zu bringen. Sie lebten alle zufrieden und wohlbegütert und das Glück der Frau Regula Amrain wucherte so


Die Leute von Seldwyla, Vol. 1 - 30/44

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