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- Romanzero - 10/33 -


Plötzlich ein gellender Schrei.

Die weiße, gespenstische Möwe wars, Und ob dem bösen Schrei, Der schauerlich klang wie Warnungsruf, Erschraken wir alle drei.

Bin ich im Fieber? Ist das ein Spuk Der nächtlichen Phantasei? Äfft mich ein Traum? Es träumet mir Grausame Narretei.

Grausame Narretei! Mir träumt, Daß ich ein Heiland sei, Und daß ich trüge das große Kreuz Geduldig und getreu.

Die arme Schönheit ist schwer bedrängt, Ich aber mache sie frei Von Schmach und Sünde, von Qual und Not, Von der Welt Unfläterei.

Du arme Schönheit, schaudre nicht Wohl ob der bittern Arznei; Ich selber kredenze dir den Tod, Bricht auch mein Herz entzwei.

O Narretei, grausamer Traum, Wahnsinn und Raserei! Es gähnt die Nacht, es kreischt das Meer, O Gott! o steh mir bei!

O steh mir bei, barmherziger Gott! Barmherziger Gott Schaddey! Da schollerts hinab ins Meer - O Weh - Schaddey! Schaddey! Adonay! -

Die Sonne ging auf, wir fuhren ans Land, Da blühte und glühte der Mai! Und als wir stiegen aus dem Kahn, Da waren wir unsrer _zwei_.

Vitzliputzli

Präludium

Dieses ist Amerika! Dieses ist die neue Welt! Nicht die heutige, die schon Europäisieret abwelkt. -

Dieses ist die neue Welt! Wie sie Christoval Kolumbus Aus dem Ozean hervorzog. Glänzet noch in Flutenfrische,

Träufelt noch von Wasserperlen, Die zerstieben, farbensprühend, Wenn sie küßt das Licht der Sonne. Wie gesund ist diese Welt!

Ist kein Kirchhof der Romantik, Ist kein alter Scherbenberg Von verschimmelten Symbolen Und versteinerten Perucken.

Aus gesundem Boden sprossen Auch gesunde Bäume - keiner Ist blasiert und keiner hat In dem Rückgratmark die Schwindsucht.

Auf den Baumesästen schaukeln Große Vögel. Ihr Gefieder Farbenschillernd. Mit den ernsthaft Langen Schnäbeln und mit Augen,

Brillenartig schwarz umrändert, Schaun sie auf dich nieder, schweigsam - Bis sie plötzlich schrillend aufschrein Und wie Kaffeeschwestern schnattern.

Doch ich weiß nicht, was sie sagen, Ob ich gleich der Vögel Sprachen Kundig bin wie Salomo, Welcher tausend Weiber hatte

Und die Vögelsprachen kannte, Die modernen nicht allein, Sondern auch die toten, alten, Ausgestopften Dialekte.

Neuer Boden, neue Blumen! Neue Blumen, neue Düfte! Unerhörte, wilde Düfte, Die mir in die Nase dringen,

Neckend, prickelnd, leidenschaftlich - Und mein grübelnder Geruchsinn Quält sich ab: Wo hab ich denn Je dergleichen schon gerochen?

Wars vielleicht auf Regentstreet, In den sonnig gelben Armen Jener schlanken Javanesin, Die beständig Blumen kaute?

Oder wars zu Rotterdam, Neben des Erasmi Bildsäul, In der weißen Waffelbude Mit geheimnisvollem Vorhang?

Während ich die neue Welt Solcher Art verdutzt betrachte, Schein ich selbst ihr einzuflößen Noch viel größre Scheu - Ein Affe,

Der erschreckt ins Buschwerk forthuscht, Schlägt ein Kreuz bei meinem Anblick, Angstvoll rufend: »Ein Gespenst! Ein Gespenst der alten Welt!«

Affe! fürcht dich nicht, ich bin Kein Gespenst, ich bin kein Spuk; Leben kocht in meinen Adern, Bin des Lebens treuster Sohn.

Doch durch jahrelangen Umgang Mit den Toten, nahm ich an Der Verstorbenen Manieren Und geheime Seltsamkeiten.

Meine schönsten Lebensjahre, Die verbracht ich im Kyffhäuser, Auch im Venusberg und andern Katakomben der Romantik.

Fürcht dich nicht vor mir, mein Affe! Bin dir hold, denn auf dem haarlos Ledern abgeschabten Hintern Trägst du Farben, die ich liebe.

Teure Farben! Schwarz-rot-goldgelb! Diese Affensteißcouleuren Sie erinnern mich mit Wehmut An das Banner Barbarossas.

I

Auf dem Haupt trug er den Lorbeer, Und an seinen Stiefeln glänzten Goldne Sporen - dennoch war er Nicht ein Held und auch kein Ritter.

Nur ein Räuberhauptmann war er, Der ins Buch des Ruhmes einschrieb, Mit der eignen frechen Faust, Seinen frechen Namen: Cortez.

Unter des Kolumbus Namen Schrieb er ihn, ja dicht darunter, Und der Schulbub auf der Schulbank Lernt auswendig beide Namen -

Nach dem Christoval Kolumbus, Nennt er jetzt Fernando Cortez Als den zweiten großen Mann In dem Pantheon der Neuwelt.

Heldenschicksals letzte Tücke: Unser Name wird verkoppelt Mit dem Namen eines Schächers In der Menschen Angedenken.

Wärs nicht besser, ganz verhallen Unbekannt, als mit sich schleppen Durch die langen Ewigkeiten Solche Namenskameradschaft?

Messer Christoval Kolumbus War ein Held, und sein Gemüte, Das so lauter wie die Sonne, War freigebig auch wie diese.

Mancher hat schon viel gegeben, Aber jener hat der Welt Eine ganze Welt geschenket, Und sie heißt Amerika.

Nicht befreien konnt er uns Aus dem öden Erdenkerker, Doch er wußt ihn zu erweitern Und die Kette zu verlängern.

Dankbar huldigt ihm die Menschheit, Die nicht bloß europamüde, Sondern Afrikas und Asiens Endlich gleichfalls müde worden - -


Romanzero - 10/33

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