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- FLAMETTI - 10/38 -


zu über den Tisch. "Anna, 'ne Halbe!"

Jenny lag schon zu Bett, als Flametti von diesem an Aufregungen reichen Tage nach Hause kam.

"Na, Max, was ist? Was hast du erreicht?" Sie war sehr besorgt.

"Engagement im "Krokodil". Fünfzehnten fangen wir an."

Jenny setzte sich im Bett auf und strich sich das Haar aus der Stirn. "Aber was spielen wir denn?"

"Morgen geh' ich zum Rotter."

III

Seltsame Dinge begaben sich im Hause Flamettis. Ein Brief kam an von Mechmed. Darin stand:

"Mein lieber Freund!

Ein schamloser Verdacht! Ich sitze hier in den Händen der Polizei und kann nicht heraus. Mein ganzer Besitz, einige Kilo Haschisch, konfisziert. Was wollen sie von mir? Ich habe keine Schuld an dem Anlaß. Hilf, Bruderherz! Im Namen der Freundschaft. Mechmed sitzt in den Händen der Polizei. Die Hände der Polizei geben schlechtes Essen und kein Luft. Und die Seele schreit mit dem Dichter:

Eilende Wolken, Segler der Lüfte, Wer mit euch wanderte, wer mit euch schiffte!

Dein Freund Mechmed."

Und da der Brief keinen Stempel der Bezirksanwaltschaft trug, wußte Flametti, daß Mechmed seinem Handwerk treu geblieben war, würgte ein schadenfrohes Gelächter und beeilte sich, seine Probetüten zu Mutter Dudlinger beiseite zu schaffen.

Und ein zweiter Brief kam an; für Frau Häsli; den sie vorlas mittags bei Tisch. Darin stand:

"Mein heißgeliebtes Herz!"

"Hört ihr?" rief sie, ""heißgeliebtes Herz" schreibt der Narr!"

"Mein heißgeliebtes Herz!

Sie haben mich genommen,..."

"Bein Militär", erklärte sie.

"... und es geht mir hier sehr gut. Ich habe acht Tage Dienst zu machen. Dann werde ich beurlaubt. Nichts ist's mit dem Jodeln. Ich blase die Trompete, trotz meiner Zahnlücke..."

"Er blost, er blost", schrie Frau Häsli und versuchte, den durch die Zahnlücke blasenden Gatten mit schief gezogener Schnauze zu vergegenwärtigen.

"Ich blase die Trompete und der Hauptmann ist sehr zufrieden mit mir. Strenger Dienst, und ich denke Dein in Liebe. Bleibt mir treu..."

"Toni, bleib' ihm treu!" schwadronierte die Alte.

"Bleibt mir treu und ehret mein Angedenken."

Frau Häsli machte eine verdutzte Pause. ""Ehret mein Angedenken"?", wiederholte sie befremdet. Dann auf jedes seiner Worte deutend:

"Meine Blicke ruhen auf euch und verfolgen jeden euerer Schritte."

"Jawohl", bemerkte Frau Häsli, "da kannst du lange verfolgen, mein Lieber! Hähä! Seine Blicke verfolgen uns! Ja, übermorgen! Blos du die Trompet'! Er blost die Trompet'! Der Häsli blost und seine Schritte verfolgen uns!"

"Süße, geliebte Lotte",

fuhr sie fort,

"Schick' mir ein Paar warme Unterhosen und schreibe mir ausführlich! Ich sehne mich nach euch und zähle die Tage bis zu meiner Rückkehr."

"Gott sei Dank!" sagte Frau Häsli und schob den Brief in ihren Brustlatz, "jetzt ham sie ihn. Sollen ihn nur recht zwiebeln. Ich werd' dem Hauptmann schon schreiben, daß er ihn sobald nicht wieder losläßt. Wie gesund der ist, wenns ans Prügeln geht! "Heißgeliebtes Herz!" Ja, Scheibenhonig!"

Und ein dritter Brief kam an, für Flametti, aus Basel. Darin stand:

"Werter Freund und Kupferstecher! Flametti!

Indem uns Deine Karte sehr gefreut hat, hätt'st auch einen Brief schreiben können. Damit man weiß, was ihr bringt en detail. Ich bin bereit, Dich zu akzeptieren für die fragliche Zeit und wenn ihr gefällt, dann noch länger. Die Alte kommt zu euch hinübergerutscht für einen Tag, weil sie noch andere Affären hat, und dann könnt ihr einig werden. Die Alte läßt grüßen. Grüß auch Jenny und bringt was rechtes mit.

Sacré nom du dieu!

Dein Fritz Schnepfe und Frau, Varietélokal, Basel."

Und Flametti nahm den Ausbrecherkönig beiseite und sagte: "Komm' mit!" Und sie gingen zum Einkauf und brachten zurück: Fünf Bettvorleger aus getigertem Fell und eine Negerlanze von den Sunda-Inseln, die sie erstanden hatten bei Herrn C. Tipfel, Antiquariat, wo Briefmarken, Seesterne und Smaragdkristalle in schillernder Auswahl das Schaufenster zierten.

Und überhaupt: eine gesteigerte Tätigkeit bemächtigte sich Flamettis. Leben kam in die Bude.

Niemand außer Jenny und Engel wußte, was die fünf Bettvorleger sollten. Aber sie waren da und jedermann, der zum Ensemble gehörte, mußte mit den Händen drübergestrichen und sie für gut befunden haben.

Sie blieben zunächst im Eßzimmer liegen. Sechs Franken neunzig das Stück. Fünfunddreißig Franken die Partie.

Und Flametti richtete sein Schreibzeug her und nahm den Kapellmeister beiseite und sagte: "Herr Meyer, morgen nachmittag fünf Uhr: Soloprobe. C-Dur." Und machte mit zappelnden Wurstelfingern die Bewegung heftigen Klavierspielens.

Und kaufte sich einen neuen Schlips, ein Franken fünfundsiebzig, schwarz, beim "Globus".

Und der Herr Coiffeur Voegeli kam zu Besuch, eines Nachmittags, und man servierte ihm im Schlafzimmer Wein, und Fräulein Rosa mußte ihn unterhalten, weil Jennymama keine Zeit hatte, sondern roten Biber einkaufen gehen mußte, um aus den Bettvorlegern durch Aufnähen der Felle auf den roten Biber Kostüme zu fertigen von wilder, unerhörter Farbenpracht.

Und Herr Voegeli revanchierte sich für den liebenswürdigen Empfang so brillant, daß Jennymama in der Lage war, sich einen totschicken Abendmantel zu kaufen, den sie zu tragen gedachte zur Premiere.

Und siehe da: zwei junge Damen kamen, aus Bern, zu Fuß, eine schöner als die andre. Das waren Fräulein Güssy und Fräulein Traute.

Fräulein Güssy lang, überlang, so was Langes haben Sie noch nicht gesehen. Vorne platt wie ein Nudelbrett. Mit langen Zugstiefeln, großen dunklen Kuhaugen und langen, wehenden Armen: zwanzig Jahre. Fräulein Traute kräftig, rosenrot, Hakennase. Stets kichernd und schamrot über den eigenen Busen, der prall und anbötig vorn abstand, und den sie stets eifrig bedacht war, mit beiden Händen über die Hüften hinunterzuglätten: achtzehn Jahre.

Und Flametti sah sie an mit einem Auge voll Wohlgefallen beide. Und all dies Weiberfleisch wurde einquartiert zu Fräulein Rosa, hinter den Bretterverschlag, zu den Turteltauben; wurde als Lehrkraft dabehalten, und suchte sogleich mit Eifer sich nützlich zu zeigen.

Und Besuch kam nachmittags: Fräulein Raffaëla, Tänzerin, und Fräulein Lydia, Tänzerin; beide vom Zirkus. Mit ihrer gemeinschaftlichen Mutter Donna Maria Josefa.

Donna Maria Josefa war eine sehr preziöse Dame. Sie setzte beide Hände trommelnd auf die Tischplatte und ließ ihre Augen schweifen, ohne den Kopf zu bewegen.

Ihre Nase war etwas gerötet von Frost. Ihr Gesicht beherrscht. Ihre schmalen, behaarten Lippen verbargen ein Gebiß, das mit wahren Haifischzähnen besetzt war.

Man stellte vorsichtig Kaffee vor sie hin, und die beiden Töchter setzten sich zu ihrer Seite, je rechts und je links, und sagten:

"Mama, ach Mama! Mama, nimmst du Zucker? Mama, nimmst du Milch? Mama, nimmst du Zwieback? Mama, nimmst du Honig oder Gelee?"

Und Flametti sagte: "Jaja, Frau Scheideisen!" So hieß Donna Maria Josefa mit ihrem Privatnamen.

Und Jenny schob ihr in einem fort Zwieback hin und sagte zu den Töchtern:

"Greif' zu, Raffaëla! Greif' zu, Lydia!" wie zu alten Bekannten.

Und Donna Maria Josefa trommelte mit den Fingern, als säße sie bei einer Eröffnungs-Gala-Festvorstellung an der Kasse. Und lächelte gemessen, wenn man höflich war.

Das Ganze aber hatte Flametti, wahrlich nicht Übel, arrangiert und eingefädelt, um die alte Häsli ein wenig in Schach zu halten, die Üppiger wurde von Tag zu Tag.

Die saß jetzt auch am Kaffeetisch und platzte vor anerkennender


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