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- FLAMETTI - 30/38 -


zuckte, zackte.

Losmarchierten die drei, mit zum Publikum geneigten Köpfen und gewinnender Eleganz.

Aber es war kein Erfolg. Und das hatte weniger ästhetische als moralische Gründe.

Es gelang den Damen Raffaëla und Lydia nach Leporellos Einberufung nicht länger, ihre Renommee aufrechtzuerhalten. Die Hochachtung schwand. Der Respekt der Apachenpartei erfuhr eine Ernüchterung. Man kam dahinter, daß die Vornehmheit der Zirkusartisten nur Getue gewesen war.

Es stellten sich allerhand ehrenrührige Fakta heraus. In früheren Zirkusengangements sollen sie schürzenvoll das Kleingeld weggeschleppt haben. Noch jetzt fand man unten am See, wo die Zirkusse standen, bei eifrigem Suchen und zufälligen Gängen Kupfer--und Silbermünzen, die beim Wegschleppen der Gelder zu Boden gefallen waren.

Es stellte sich auch heraus, daß Lydia und Raffaëla keineswegs Artisten von Kindesbeinen auf waren, Artisten, die gewissermaßen schon an der Mutterbrust in Spagat ausbrachen. Im Gegenteil: Frau Scheideisen war Hebamme gewesen, eh' sie zum Zirkus ging und sich Donna Maria Josefa nannte.

Raffaëla und Lydia legten auch keineswegs Wert darauf, mühevoll Renommee und Distanz zu wahren.

Raffaëla hatte die Hände voll Arbeit mit ihrem Kinde. Lydia ging auf in der Sehnsucht nach dem entschwundenen Gatten.

"Ach, mein Emil! ach, mein Emil!" jammerte sie und die Tränen standen ihr in den Augen.

Die Sehnsucht verstörte ihr kleines Gehirn. Die Augen flossen ihr aus.

"Ach, Emil! ach, Emil! wer hätte das denken können!"

Hinauf lief sie in ihr Zimmer und schleppte die Photographieständer herunter, während der Vorstellung, um sie den Gästen zu zeigen.

"So hat er ausgesehen. Das ist er. Ach, mein guter Emil! Sie haben ihn sicher schon totgeschossen!"

Und wenn sie dann die Photographien ansah--da stand Emil Leporello, freundlich lächelnd mit Augen eines Dompteurs, den Arm in die Seite gestützt, die Beine übereinander geschlagen--und sich vergegenwärtigte, wie er zerhackt und gevierteilt auf einer Rasenbank in Sibirien den Raben zum Fraß überlassen dalag und nach ihr rief: "Lydia, hierher, zu mir!" dann brach ihr das Herz. Herunter hing ihr der Unterkiefer, herunter hingen ihr die Augenlider, die Arme. Ein kleiner Tropfen bildete sich an der spitzen Nase. Ausbrach sie in lautes Heulen und war untröstlich.

Umsonst versicherte man ihr, er sei gewiß noch in der Kaserne, und wer weiß, ob er jemals, wenn er doch nur seine Eckzähne habe und nicht gut beißen könne, hinauskomme in den Schützengraben.

Kein vernünftiges Wort verfing. Kein Scherzwort genügte ihr. Sie hatte genug von der Welt. Dem Hauptmann wollte sie schreiben, hinreisen zu ihm, sich niederwerfen vor ihm, sich ihm anbieten zu jeder Schmach, wenn er ihr nur ihren Emil wiedergebe. Eine Deklassierung der Zirkusartisten fand statt, eine Nivellierung innerhalb des Ensembles.

Ja die Apachenpartei, die unter empfindsamen Regungen weniger litt, gewann langsam wieder die Oberhand.

Monsieur Henry, der Ausbrecherkönig, beherrschte jetzt völlig die Rolle der Zeugin Emilie Schmidt. Und Herr Piener, der Schlangenmensch, unter dem überragenden Druck der Begabung Leporellos nicht länger leidend, arbeitete sich unter täglichen Trainagen und Fräulein Lauras geneigter Assistenz langsam wieder in den Vordergrund.

Einen wirklichen Knacks aber erlitt die moralische Situation des Ensembles, als man dahinterkam, Flametti habe einen Prozeß, und als man erfuhr, um was für einen Prozeß es sich handelte.

"Kinder!" rief Raffaëla, und ein Licht ging ihr auf, "habt ihr gehört, was der Alte für einen Prozeß hat? Verführung Minderjähriger, das Schwein. Soll man das glauben? Schabernackelt hat er mit der Güssy und mit der Traute!"

Sie setzte sich--es war im Zimmer des Pianisten und der Soubrette--und ließ die Hand auf die Tischkante fallen.

"Das ist nichts Neues", meinte Bobby, der für Laura Zigaretten besorgt hatte und den fadenscheinigen Wollschal, der ihm von der Schulter gerutscht war, über die Schulter zurückwarf. "Schon in Bern hat er mit denen was gehabt, bevor sie noch zu uns kamen."

"Ja, Kinder, das ist ja die Höhe!" rief Raffaëla in ihrer emphatischen Weise. "Die stecken ihn ja ins Zuchthaus! Was machen wir nur?"

"O jeh!" winkte die Soubrette ab und verkniff zynisch das linke Auge. Sie wußte noch ganz andere Dinge. Aber sie wollte nicht reden.

Auch Lydia kam jetzt ins Zimmer.

"Hm, so was!" sagte sie und nickte sorgenschwer. "Das ist doch ein Skandal! Der alte Esel!"

Man wohnte jetzt im "Krokodil". Lydia, Raffaëla und Lottely, der Pianist und die Soubrette hatten je ein Zimmer im kleinen Hotel. Zu den Mahlzeiten ging man hinüber in Flamettis Wohnung.

Herr Meyer kam zurück von der Bibliothek. Er arbeitete noch immer an seinem Apachenstück.

"Vor allem eins", sagte er. "Ruhig Blut. Ich habe das lange kommen sehen. Schon in Basel. Es ist mir nichts Neues. Im schlimmsten Fall machen wir selbst ein Ensemble. Wir sind eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs Leute, die alle etwas können. Engel macht seine Ausbrechernummer. Bobby macht den Schlangenmenschen. Sie beide tanzen. Ich spiele Klavier. Es müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn wir keinen Erfolg hätten. Außerdem habe ich ein Apachenstück geschrieben, glänzend. Das führen wir auf. Aber: Diskretion!"

Damit waren alle einverstanden. Leise sprach man, denn die Wände im "Krokodil" waren dünn wie Papier. Lattenverschläge waren die Zimmer, mit Tapeten bezogen. Meterlange Risse klafften hinter den Betten. Und wenn ein Bekannter Flamettis, etwa der Hausknecht, zufällig horchte, war man verkauft und verraten.

Nur Engel hatte Bedenken. Ihm war die Karriere verleidet.

"Nein, nein", sagte er traurig und am Ende mit seiner Kraft, "ich hab's satt. Ich mache nicht mehr mit. Mich müßt ihr streichen."

Und sei es nun, daß er an Flametti nicht zum Verräter werden wollte, oder die Luft zu brenzlich fand, oder noch litt unter den Nachwehen der Proben zum "Friedhofsdieb": er lehnte ab, gab es auf, "verzichtete auf seine Mitwirkung".

Meyer war überrascht.

"Das ist unmöglich, Engel! Das tun Sie uns nicht an. Das geht nicht."

Aber Engel zuckte die Achseln:

"Ich hab' ja ein wenig Geld auf der Kasse. Ich brauche nur zu schreiben und fünfhundert Franken sind da. Ich kann mich beteiligen. Aber nein, nein. Ich hab' keine Lust mehr. Ich nehme eine Vertretung an. Ich habe Beziehungen."

Und er zog eine Geschäftskarte aus der Tasche. Darauf stand: "Original--Ideal--Perplexund Simplex-Mühlen Schrot--und Mahlmühlen für Zerkleinerungen jeder Art Plupper & Co. Vertretung."

Und spuckte aus, die Zunge über den Zähnen, und ging mit vermiestem, völlig desillusioniertem Gesichtsausdruck, die Beine schlenkernd, durchs Zimmer.

"Da ist nichts zu machen", bedauerte Meyer.

Er legte Engel die Hand auf die Schulter, sah ihm tief in die Augen und sagte:

"Na schön, Engel, dann nicht. Aber bleiben Sie uns gut Freund."

"So weit es an mir liegt", versicherte der und reichte dem Meyer zitternd vor Ergriffenheit die Hand, "ein Mann, ein Wort."

Flamettis Prozeß war binnen kurzem stadtbekannt. Und wie es zu gehen pflegt, wenn eine solche Sache publik wird: man zog sich zurück von ihm, nahm Partei gegen ihn, fand ihn übertrieben naiv und reichlich ungeschickt. Man verurteilte ihn.

Im "Intelligenzblatt" erschien ein Brandartikel, "Moderne Sklavenhalterei", worin Punkt für Punkt Flamettis unhaltbare Geschäfts--und Familienpraxis ans Licht gezerrt wurde.

"Ein Direktor, der zugestandenermaßen nichts von Gesang versteht", hieß es in jenem Artikel, dessen Verfasser keinen Anspruch erhob, als Autor genannt zu werden, "ein Direktor, der zugegebenermaßen nicht das leiseste Tonunterscheidungsvermögen besitzt, hält sich eine Anzahl Gesangselèven, denen er seine sauberen Künste beibringt; Gesangselèven, die er zugleich als Dienstboten benutzt; die er zwingt, ihm zu Willen zu sein, und denen er doch als Entgelt nur schlechte Behandlung verabfolgt.

"Ein Morast sittlicher Verkommenheit enthüllt sich, wenn man die Schlupfwinkel dieser modernen Sklavenhalterei, diese Brutstätten des Elends aufsucht. In Kellern und Hinterhäusern hausen die Kondottieri der Lasterquartiere und Dirnenviertel. Ein Absteigequartier dient als Schauplatz wilder Gelage, als Treff--und Versammlungspunkt, wo man die Beute verspielt. Mädchenhändler und Bauernfänger, Roués der hintersten Sorte geben sich hier ein Stelldichein. Und der Direktor preist seine Ware an. Wahrlich, es ist an der Zeit, daß die Polizei einschreitet und diese Schlupfwinkel säubert."

So stand es geschrieben und wenn auch Flamettis Name nicht genannt war, so wußte doch jeder, daß der Artikel auf ihn ging.

Beim großen Artistenfest in der "Weißen Kuh" reichte man sich den Artikel von Hand zu Hand, ein klebriges Heiligtum, mit


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