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- FLAMETTI - 4/38 -


"Kinder, macht's euch bequem!" und dann im Hemd mit ihnen den "Kleinen Kohn" einstudierte.

Fleiß? Verachtete er. Der echte Artist schläft morgens bis gegen elf. Wenn man bis in die Nacht hinein gearbeitet hat, oft die schwierigsten Nummern, kann man nicht in aller Herrgottsfrühe wieder auf den Beinen sein.

Proben? Jawohl! Aber mit Maß und Ziel. Es hat keinen Sinn, den Leuten die Lust an der Arbeit zu nehmen, sie tot zu hetzen mit Proben. Auf die Eingebung kommt es an. Nicht auf den Drill. Wer es nicht in den Fingerspitzen hat, der wird es auch auf der zwanzigsten Probe nicht haben. Man ist doch nicht beim Kommiß! Artisten sind keine Studiermaschinen. Und wenn schon Proben, dann nicht zuviel Pünktlichkeit. Pünktlichkeit soll der Teufel holen. Es muß aus dem Handgelenk kommen, spontan.

Flamettis Proben waren unberechenbar. Wenn eine angesetzt war, fand sie sicher nicht statt. Wenn eine stattfand, war sie sicher nicht angesetzt. Das Ganze blieb mehr der Inspiration, dem persönlichen Einfall und Zufall belassen.

Extempores? Prachtvoll! Er selbst war ein Extempore von Kopf bis zu Fuß. Vielseitig, unberechenbar, auch in seinem Repertoire. Nur kein festes Programm! Nichts langweiliger als das. Bei Ferrero hing das Programm jeden Abend punkt acht beim Kapellmeister am Klavier. Bei Flametti gab's überhaupt keines. Oft wußte er fünf Minuten vor seinem Auftritt noch nicht, solle er den "Mann mit der Riesenschnauze" bringen oder die "Feuernummer". Sprudeln muß man: das war sein oberster Grundsatz.

Auch bei Engagements: Flametti hatte das renommierteste Ensemble. Und doch keineswegs die renommiertesten Kräfte.

Im Gegenteil: darin gerade bestand sein Genie, daß er verstand, Kräfte zu entdecken, zu finden, ja aus dem Nichts zu stampfen.

Flamettis Personal war: interessant. Er hatte eine Nase für natürliche Begabung. Auf Agenten, Kritiken und Renommage gab er nichts. Selber sehen! Kerle brauchte er, Personnagen. Talent kam in zweiter Linie. Mochte das Talent einen Knacks haben, die Stimme einen Knacks, die Figur einen Knacks. Wenn nur der Kerl, der dahinterstand, etwas zu sagen hatte.

Flametti hatte einen Blick für die gebrochene Linie. Einen Blick für jenen Moment, in dem etwa eine Kabarettistin reif wurde fürs Varieté. Da setzte er ein. Da bemühte er sich. Da lief er.

Und immer: das menschliche Interesse an seinem Mitglied stand im Vordergrund. Herr oder Dame: ihn interessierte zumeist, was sie erlebt und gesehen hatten. Gute Manieren. Kein Engagement ohne tagelange vorherige Beobachtung. Schicksale muß jemand gehabt haben, um interessant zu sein für Flamettis Ensemble. Schicksal brachte Vielseitigkeit mit sich, Überraschungen, Anlagen, Geist. Seine Mitglieder mußten sich bewegen können. Welt mußten sie haben. Versiert mußten sie sein. Vornehmheit war nicht seine Sache. Dahinter steckte nicht viel. Deklassierte Menschen, gerempelte Personnagen sind die gebornen Artisten. Im Druck muß man gewesen sein, um Artist zu werden.

Unter fünfzig Mädels, die auf der Straße das Täschchen schwenkten, waren zwanzig Soubretten. Es kam nur darauf an, sie davon zu überzeugen. Unter fünfzig Apachen, die keiner beachtete, zwanzig Ausbrecherkönige, Zauberkünstler, Jongleure. Es kam nur darauf an, sie zu finden und durchzusetzen. Und gerade darin bestand Flamettis Genie, seine Popularität, seine Magie.

In seinem Ensemble wurden Sprachen gesprochen: englisch, französisch, dänisch, sogar malayisch. Man hatte die Welt gesehen. Man hatte sich redlich bemüht und kannte das Leben.

Gefängnis, Skandal, Freudenhaus, Fahnenflucht waren kein Einwand. Artisten kommen aus einer anderen Welt. Sind keine Bürger. Aus Unterdrückung werden Artisten. Wo keine Defekte sind, sind keine Menschen. Buntheit, Zauber, Exotik: nur aus Verzweiflung.

Dementsprechend war auch Flamettis Verhältnis zu seinen Artisten. Kameradschaft, nicht Abhängigkeit. Freiheit, nicht Zwang. Vertrauen, keine Verträge. Gage muß sein: sowieso. Aber was nützte der beste Vertrag, wenn der Direktor einmal nicht zahlen konnte?

Hier setzte Flamettis Verläßlichkeit ein. Er war dann imstande, mit Angeln sein ganzes Ensemble zu halten. Ein anderer Direktor stellte die Zahlungen ein.

Bei Flametti konnte man aus--und eingehen, auch wenn man nicht mehr auf seinen Brettern stand. Bei welch anderem Direktor noch? Was Flametti besaß, gehörte auch seinem Ensemble. Es war nicht sein Ehrgeiz, Geld zu machen, Bankkonto und dergleichen. Sein Ehrgeiz war, eine Truppe zu haben.

Kostüme? Machte man selbst. Nummern? Erfand man sich. Er selbst, Flametti, hatte er nicht aus einer Robbe ein Seeweibchen gemacht, als Not am Mann war? Und aus Engel einen Ausbrecherkönig? Demselben Engel, der Speckschneider gewesen war bei der Handelsmarine? Eine Kiste hatte er ihm gebaut, woraus mittels einer im Innern angebrachten Mechanik selbst bei vernageltstem Zustand leicht zu entkommen war. Handfesseln hatte er ihm gearbeitet mit einem Raffinement, daß "Henry" mit einem Ruck seiner zarten Gelenke innerhalb drei Minuten im Freien stand.

Freilich: Solche Gelenke aus gutem Hause gehörten dazu und ein wenig Geschick. Aber "Henry" schaffte es. Kein Mensch hätte vorher daran geglaubt. Eine Berühmtheit war aus ihm geworden, über Nacht.

Welcher Direktor erlebte die Überraschung, daß seine Soubrette als Gamsbua auftrat und Schnadahüpfl sang, nur aus Jokus? Oder daß der Pianist die Klampfn nahm und der Jodler das Piston?

Flametti legte auch keineswegs Wert darauf, jeden Abend zu spielen. Besonders nicht in den kleinen Beiseln, wo man um sechs Uhr abends schon auf dem Posten sein mußte, wo das Wasser von der Decke tropfte und die Klaviere jämmerliche Drahtkommoden waren, unmöglich, Töne darauf hervorzubringen.

Mochte Jenny recht haben: man solle auch die kleinen Geschäfte annehmen; man müsse ja auch die Gagen zahlen. Aber man war doch nicht in der Tretmühle! Man war doch nicht auf der Welt, um sich abzustrapazieren!

Keine Überarbeitung: das war man seinem Ensemble schuldig. Flametti verlangte dafür nur seinerseits etwas Entgegenkommen: Anstand und guten Willen. Benehmen. Oder er wurde "verruckt", was besagte: schlug alles kurz und klein, rannte Köpfe an die Wand, ging mit dem Messer los auf die Bande.

"So, Kinder", rief Flametti, wischte sich den Mund ab und legte die Serviette hin, "jetzt kommt die Gage!"

Er nahm den Schlüssel aus der Hosentasche, schloß die Schieblade auf und rief, auf das Eßgeschirr zeigend: "Weg mit dem Zeugs!"

Rosa beeilte sich, das Geschirr wegzutragen. Das Ensemble spitzte die Ohren. Auch Engel hörte nun auf zu essen. Und alle kamen näher.

"Monsieur Arista", begann Flametti, "sechzig Franken. Stimmt's? Quittieren Sie."

"Stimmt", sagte Arista, "danke schön." Quittierte mit dem Tintenstift, den Flametti ihm hinschob, und strich das Geld ein.

"Bobby--zwei Franken siebenundzwanzig--hier. Stimmt's? A conto zweiten soundsoviel, à conto vierten soundsoviel, à conto fünften, à conto achten." Er zeigte auf die einzelnen auf der Quittung verrechneten Posten.

"Stimmt, stimmt", sagte Bobby. "Danke!"

"Hier--quittieren!"

Bobby quittierte.

"Herr Meyer--zehn Franken. A conto vierten--fünf Franken. A conto achten--fünfzehn Franken. A conto zwölften--fünf Franken. Stimmt's?"

"Ja, stimmt. Danke."

"Laura--fünf Franken. A conto, à conto, à conto, à conto." Flametti zeigte wieder die einzelnen Posten auf der Quittung.

"Ja, stimmt schon", zögerte die Soubrette, ein wenig verwirrt und enttäuscht. Eigentlich hatte sie zehn Franken erwartet. Sie konnte sich aber auch irren.

"Immer dieselbe Sache", maßregelte Flametti. Nie wußte sie, wieviel sie zu bekommen habe, und immer handelte es sich um etliche fünf Franken, die sie vergaß. Aber die Sache klärte sich auf, und auch diese Auszahlung ging glatt vonstatten.

"Quittieren Sie", sagte Flametti und schob dem Pianisten-Soubrettenpaar die Formulare hin.

Herr Meyer wollte die fünfzehn Franken einstweilen zusammen an sich nehmen. Aber Laura war keineswegs einverstanden.

"Nein, das gibt es nicht!" erklärte sie ziemlich verliebt, "das ist mein Geld! Das habe ich verdient!" und suchte ihrem Freunde Meyer den Fünfliver zu entreißen. Und als ihr das nicht sofort glückte, ein wenig ärgerlich: "Was fällt dir denn ein? Wir haben doch keine Gütergemeinschaft", was Herr Meyer spöttisch zugab.

"Wie sie sich haben!" flötete süß Frau Häsli. "Wie sie sich necken! Seht nur!" Wo ein Krakeel in Aussicht stand, war sie stets voller Freundschaft und Sympathie.

"Na so nimm schon deinen Fünfliver!" murrte der Pianist und schob sehr unwirsch der Soubrette das Geldstück hin.

"Grüatzi!" sagte der Schlangenmensch, steckte sich eine Zigarette an und verschwand.

"Addio", sagte Herr Arista, machte der Jodeltochter insgeheim ein feuriges Zeichen und verschwand.

"Netter Mensch", bemerkte Frau Häsli zu seinem Abgang. "So bescheiden und lieb!"

"Mahlzeit!" sagte Herr Engel, der hier nichts zu erwarten hatte, "komme später nochmal vorbei", und ging ebenfalls; was Fräulein Rosa sehr komisch fand, denn sie bückte sich blitzschnell nach Nettchen,


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