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- NOVELLE - 1/6 -


Novelle

by Johann Wolfgang von Goethe

Novelle, Kapitel 1

Ein dichter Herbstnebel verhuellte noch in der Fruehe die weiten Raeume des fuerstlichen Schlosshofes, als man schon mehr oder weniger durch den sich lichtenden Schleier die ganze Jaegerei zu Pferde und zu Fuss durcheinander bewegt sah.

Die eiligen Beschaeftigungen der Naechsten liessen sich erkennen: man verlaengerte, man verkuerzte die Steigbuegel, man reichte sich Buechse und Patrontaeschchen, man schob die Dachsranzen zurecht, indes die Hunde ungeduldig am Riemen den Zurueckhaltenden mit fortzuschleppen drohten.

Auch hie und da gebaerdete ein Pferd sich mutiger, von feuriger Natur getrieben oder von dem Sporn des Reiters angeregt, der selbst hier in der Halbhelle eine gewisse Eitelkeit, sich zu zeigen, nicht verleugnen konnte.

Alle jedoch warteten auf den Fuersten, der, von seiner jungen Gemahlin Abschied nehmend, allzulange zauderte.

Erst vor kurzer Zeit zusammen getraut, empfanden sie schon das Glueck uebereinstimmender Gemueter; beide waren von taetig lebhaftem Charakter, eines nahm gern an des andern Neigungen und Bestrebungen Anteil.

Des Fuersten Vater hatte noch den Zeitpunkt erlebt und genutzt, wo es deutlich wurde, dass alle Staatsglieder in gleicher Betriebsamkeit ihre Tage zubringen, in gleichem Wirken und Schaffen jeder nach seiner Art erst gewinnen und dann geniessen sollte.

Wie sehr dieses gelungen war, liess sich in diesen Tagen gewahr werden, als eben der Hauptmarkt sich versammelte, den man gar wohl eine Masse nennen konnte.

Der Fuerst hatte seine Gemahlin gestern durch das Gewimmel der aufgehaeuften Waren zu Pferde gefuehrt und sie bemerken lassen, wie gerade hier das Gebirgsland mit dem flachen Lande einen gluecklichen Umtausch treffe; er wusste sie an Ort und Stelle auf die Betriebsamkeit seines Laenderkreises aufmerksam zu machen.

Wenn sich nun der Fuerst fast ausschliesslich in diesen Tagen mit den Seinigen ueber diese zudringenden Gegenstaende unterhielt, auch besonders mit dem Finanzminister anhaltend arbeitete, so behielt doch auch der Landjaegermeister sein Recht, auf dessen Vorstellung es unmoeglich war, der Versuchung zu widerstehen, an diesen guenstigen Herbsttagen eine schon verschobene Jagd zu unternehmen, sich selbst und den vielen angekommenen Fremden ein eignes und seltnes Fest zu eroeffnen.

Die Fuerstin blieb ungern zurueck; man hatte sich vorgenommen, weit in das Gebirg hineinzudringen, um die friedlichen Bewohner der dortigen Waelder durch einen unerwarteten Kriegszug zu beunruhigen.

Scheidend versaeumte der Gemahl nicht, einen Spazierritt vorzuschlagen, den sie im Geleit Friedrichs, des fuerstlichen Oheims, unternehmen sollte ".

Auch lasse ich", sagte er, "dir unsern Honorio als Stallund Hofjunker, der fuer alles sorgen wird".

Und im Gefolg dieser Worte gab er im Hinabsteigen einem wohlgebildeten jungen Mann die noetigen Auftraege, verschwand sodann bald mit Gaesten und Gefolge.

Die Fuerstin, die ihrem Gemahl noch in den Schlosshof hinab mit dem Schnupftuch nachgewinkt hatte, begab sich in die hintern Zimmer, welche nach dem Gebirg eine freie Aussicht liessen, die um desto schoener war, als das Schloss selbst von dem Flusse herauf in einiger Hoehe stand und so vor- als hinterwaerts mannigfaltige bedeutende Ansichten gewaehrte.

Sie fand das treffliche Teleskop noch in der Stellung, wo man es gestern abend gelassen hatte, als man, ueber Busch, Berg und Waldgipfel die hohen Ruinen der uralten Stammburg betrachtend, sich unterhielt, die in der Abendbeleuchtung merkwuerdig hervortraten, indem alsdann die groessten Licht- und Schattenmassen den deutlichsten Begriff von einem so ansehnlichen Denkmal alter Zeit verleihen konnten.

Auch zeigte sich heute frueh durch die annaehernden Glaeser recht auffallend die herbstliche Faerbung jener mannigfaltigen Baumarten, die zwischen dem Gemaeuer ungehindert und ungestoert durch lange Jahre emporstrebten.

Die schoene Dame richtete jedoch das Fernrohr etwas tiefer nach einer oeden, steinigen Flaeche, ueber welche der Jagdzug weggehen musste.

Sie erharrte den Augenblick mit Geduld und betrog sich nicht, denn bei der Klarheit und Vergroesserungsfaehigkeit des Instruments erkannten ihre glaenzenden Augen deutlich den Fuersten und den Oberstallmeister; ja sie enthielt sich nicht, abermals mit dem Schnupftuche zu winken, als sie ein augenblickliches Stillhalten und Rueckblicken mehr vermutete als gewahr ward.

Fuerst Oheim, Friedrich mit Namen, trat sodann, angemeldet, mit seinem Zeichner herein, der ein grosses Portefeuille unter dem Arm trug.

"Liebe Cousine", sagte der alte, ruestige Herr, "hier legen wir die Ansichten der Stammburg vor, gezeichnet, um von verschiedenen Seiten anschaulich zu machen, wie der maechtige Trutz- und Schutzbau von alten Zeiten her dem Jahr und seiner Witterung sich entgegenstemmte und wie doch hie und da sein Gemaeuer weichen, da und dort in wueste Ruinen zusammenstuerzen musste.

Nun haben wir manches getan, um diese Wildnis zugaenglicher zu machen, denn mehr bedarf es nicht, um jeden Wanderer, jeden Besuchenden in Erstaunen zu setzen, zu entzuecken".

Indem nun der Fuerst die einzelnen Blaetter deutete, sprach er weiter: "hier, wo man, den Hohlweg durch die aeussern Ringmauern heraufkommend, vor die eigentliche Burg gelangt, steigt uns ein Felsen entgegen von den festesten des ganzen Gebirgs; hierauf nun steht gemauert ein Turm, doch niemand wuesste zu sagen, wo die Natur aufhoert, Kunst und Handwerk aber anfangen.

Ferner sieht man seitwaerts Mauern angeschlossen und Zwinger terrassenmaessig herab sich erstreckend.

Doch ich sage nicht recht, denn es ist eigentlich ein Wald, der diesen uralten Gipfel umgibt.

Seit hundertundfunfzig Jahren hat keine Axt hier geklungen, und ueberall sind die maechtigsten Staemme emporgewachsen.

Wo Ihr Euch an den Mauern andraengt, stellt sich der glatte Ahorn, die rauhe Eiche, die schlanke Fichte mit Schaft und Wurzeln entgegen; um diese muessen wir uns herumschlaengeln und unsere Fusspfade verstaendig fuehren.

Seht nur, wie trefflich unser Meister dies Charakteristische auf dem Papier ausgedrueckt hat, wie kenntlich die verschiedenen Stammund Wurzelarten zwischen das Mauerwerk verflochten und die maechtigen aeste durch die Luecken durchgeschlungen sind!

Es ist eine Wildnis wie keine, ein zufaellig einziges Lokal, wo die alten Spuren laengst verschwundener Menschenkraft mit der ewig lebenden und fortwirkenden Natur sich in dem ernstesten Streit erblicken lassen".

Ein anderes Blatt aber vorlegend, fuhr er fort: "was sagt Ihr nun zum Schlosshofe, der, durch das Zusammenstuerzen des alten Torturmes unzugaenglich, seit und undenklichen Jahren von niemand betreten ward?

Wir suchten ihm von der Seite beizukommen, haben Mauern durchbrochen, Gewoelbe gesprengt und so einen bequemen, aber geheimen Weg bereitet.

Inwendig bedurft es keines Aufraeumens, hier findet sich ein flacher Felsgipfel von der Natur geplaettet, aber doch haben maechtige Baeume hie und da zu wurzeln Glueck und Gelegenheit gefunden; sie sind sachte, aber entschieden aufgewachsen, nun erstrecken sie ihre aeste bis in die Galerien hinein, auf denen der Ritter sonst auf und ab schritt, ja durch Tueren durch und Fenster in die gewoelbten Saele, aus denen wir sie nicht vertreiben wollen; sie sind eben Herr geworden und moegens bleiben.

Novelle, Kapitel 2

Tiefe Blaetterschichten wegraeumend, haben wir den merkwuerdigsten Platz geebnet gefunden, dessengleichen in der Welt vielleicht nicht wieder zu sehen ist.

Nach allem diesem aber ist es immer noch bemerkenswert und an Ort und Stelle zu beschauen, dass auf den Stufen, die in den Hauptturm hinauffuehren, ein Ahorn Wurzel geschlagen und sich zu einem so tuechtigen Baume gebildet hat, dass man nur mit Not daran vorbeidringen kann, um die Zinne, der unbegrenzten Aussicht wegen, zu besteigen.

Aber auch hier verweilt man bequem im Schatten, denn dieser Baum ist es, der sich ueber das Ganze wunderbar hoch in die Luft hebt.

Danken wir also dem wackern Kuenstler, der uns so loeblich in verschiedenen Bildern von allem ueberzeugt, als wenn wir gegenwaertig waeren; er hat die schoensten Stunden des Tages und der Jahrszeit dazu angewendet und sich wochenlang um diese Gegenstaende herumbewegt.

In dieser Ecke ist fuer ihn und den Waechter, den wir ihm zugegeben, eine kleine, angenehme Wohnung eingerichtet.

Sie sollten nicht glauben, meine Beste, welch eine schoene Aus- und Ansicht er ins Land, in Hof und Gemaeuer sich dort bereitet hat! Nun aber, da alles so rein und charakteristisch umrissen ist, wird er es hier unten mit Bequemlichkeit ausfuehren.

wir wollen mit diesen Bildern unsern Gartensaal zieren, und niemand soll ueber unsere regelmaessigen Parterre, Lauben und schattigen Gaenge seine Augen spielen lassen, der nicht wuenschte, dort oben in dem wirklichen Anschauen des Alten und Neuen, des Starren, Unnachgiebigen,


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