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- Turandot, Prinzessin von China - 6/20 -


Mehr sag' ich nicht. Was, Herr, in aller Welt Treibt Euch, aus fernen Landen herzukommen Und Euch frisch weg, wie Ihr vom Pferd gestiegen, Mir nichts, dir nichts, wie einen Ziegenbock Abthun zu lassen? Dame Turandot, Das seid gewiß, dreht Euch drei Räthselchen, Daran die sieben Weisen Griechenlands, Mit sammt den siebenzig Dolmetschern sich Die Nägel Jahre lang umsonst zerkauten. Wir selbst, so alte Practici und grau Geworden über Büchern, haben Noth, Das Tiefe dieser Räthsel zu ergründen. Es sind nicht Räthsel aus dem Kinderfreund, Nicht solches Zeug, wie das: "Wer's sieht, für den ist's nicht bestellt, "Wer's braucht, der zahlt dafür kein Geld, "Wer's macht, der will's nicht selbst ausfüllen, "Wer's bewohnt, der thut es nicht mit Willen," Nein, es sind Räthsel von dem neusten Schnitt, Und sind verfluchte Nüsse aufzuknacken. Und wenn die Antwort nicht zum guten Glück Auf dem Papier, das man den Herrn Doktoren Versiegelt übergibt, geschrieben stünde, Sie möchten's auch mit allem ihrem Witz In einem Säculum nicht ausstudieren. Darum, Herr Milchbart, zieht in Frieden heim! Ihr jammert mich, seid ein so junges Blut, Und Schade wär's um Eure schönen Haare. Beharrt Ihr aber drauf, so steht ein Rettich Des Gärtners fester, Herr, als Euer Kopf.

Kalaf. Ihr sprecht verlorne Worte, guter Alter. Tod oder Turandot!

Tartaglia (stotternd). Tu--Turandot! Zum Henker, welcher Steifsinn und Verblendung! Hier spielt man nicht um wälsche Nüsse, Herr, Noch um Kastanien--'s ist um den Kopf Zu thun--den Kopf--bedenkt das wohl! Ich will Sonst keinen Grund anführen als den einen; Er ist nicht klein--den Kopf! Es gilt den Kopf. Die Majestät höchstselbst, auf ihrem Thron, Läßt sich herab, Euch väterlich zu warnen Und abzurathen--Dreihundert Pferde sind Der Sonne dargebracht, dreihundert Ochsen Dem höchsten Himmelsgott, dreihundert Kühe Den Sternen und dem Mond dreihundert Schweine. Und Ihr seid störrig gnug und undankbar, Das kaiserliche Herz so zu betrüben? Wär' überall auch keine andre Dame Mehr in der Welt, als diese Turandot, Blieb's immer doch ein loser Streich von Euch, Nehmt mir's nicht übel, junger Herr. Es ist, Weiß Gott! die pure Liebe und Erbarmniß, Die mich so frei läßt von der Leber sprechen. Den Kopf verlieren! Wißt Ihr, was das heißt? Es ist nicht möglich--

Kalaf. So in Wind zu reden! Ihr habt in Wind gesprochen, alter Meister! Tod oder Turandot!

Altoum. Nun denn, so hab' es! Verderbe dich, und mich stürz' in Verzweiflung! (Zu der Wache) Man geh' und rufe meine Tochter her. (Wache geht hinaus.) Sie kann sich heut am zweiten Opfer weiden.

Kalaf (gegen die Thüre gewendet, in heftiger Bewegung). Sie kommt! Ich soll sie sehen! Ew'ge Mächte, Das ist der große Augenblick! O, stärket Mein Herz, daß mich der Anblick nicht verwirre, Des Geistes Helle nicht mit Nacht umgebe! Ich fürchte keine als der Schönheit Macht. Ihr Götter, gebt, daß ich mir selbst nicht fehle! Ihr seht es, meine Seele wankt; Erwartung Durchzittert mein Gebein und schnürt das Herz Mir in der Brust zusammen.--Weise Richter Des Divans! Richter über meine Tage! O, zeiht mich nicht strafbaren Übermuths, Daß ich das Schicksal zu versuchen wage! Bedauert mich! Beweint den Unglücksvollen! Ich habe hier kein Wählen und kein Wollen! Unwiderstehlich zwingend reißt es mich Von hinnen, es ist mächtiger, als ich.

Vierter Auftritt.

Man hört einen Marsch.

Truffaldin tritt auf, den Säbel an der Schulter, die Schwarzen hinter ihm, darauf mehrere Sklavinnen, die zu den Trommeln accompagnieren. Nach diesen Adelma und Zelima, jene in tartarischem Anzug, beide verschleiert. Zelina trägt einen Schüssel mit versiegelten Papieren. Truffaldin und seine Schwarzen werfen sich im Vorbeiziehen vor dem Kaiser mit der Stirn auf die Erde und stehen sogleich wieder auf; die Sklavinnen knieen nieder mit der Hand auf der Stirn. Zuletzt erscheint Turandot verschleiert, in reicher chinesischer Kleidung. majestätisch und stolz. Die Räthe und Doctoren werfen sich vor ihr mit dem Angesicht auf die Erde. Altoum steht auf; die Prinzessin macht ihm, die Hand auf der Stirn, eine abgemessene Verbeugung, steigt dann auf ihren Thron und setzt sich. Zelima und Adelma nehmen zu ihren beiden Seiten Platz, und die letztere den Zuschauern am nächsten. Truffaldin nimmt der Zelima die Schlüssel ab und vertheilt unter lächerlichen Ceremonien die Zettel unter die acht Doctoren. Darauf entfernt er sich mit denselben Verbeugungen, wie am Anfang, und der Marsch hört auf.

Turandot (nach einer langen Pause). Wer ist's, der sich aufs Neu vermessen schmeichelt, Nach so viel kläglich warnender Erfahrung, In meine tiefen Räthsel einzudringen! Der, seines eignen Lebens Feind, die Zahl Der Todesopfer zu vermehren kommt! Altoum (zeigt auf Kalaf. der erstaunt in der Mitte des Divans steht). Der ist es, Tochter--würdig wohl ist er's, Daß du freiwillig zum Gemahl ihn wählest, Ohn' ihn der furchtbarn Probe auszusetzen Und neue Trauer diesem Land, dem Herzen Des Vaters neue Stacheln zu bereiten.

Turandot (nachdem sie ihn eine Zeit lang betrachtet, leise zur Zelima). O Himmel! Wie geschieht mir, Zelima!

Zelima. Was ist dir, Königin?

Turandot. Noch Keiner trat Im Divan auf, der dieses Herz zu rühren Verstanden hätte. Dieser weiß die Kunst.

Zelima. Drei leichte Räthsel denn, und Stolz--fahr hin!

Turandot. Was sagst du? Wie, Verwegne? Meine Ehre?

Adelma (hat während dieser Rede den Prinzen mit höchstem Erstaunen betrachtet, für sich). Täuscht mich ein Traum? Was seh' ich, große Götter! Er ist's, der schöne Jüngling ist's, den ich Am Hofe meines Vaters Keicobad Als niedern Knecht gesehn!--Er war ein Prinz! Ein Königssohn! Wohl sagte mir's mein Herz; O, meine Ahnung hat mich nicht betrogen!

Turandot. Prinz, noch ist's Zeit. Gebt das verwegene Beginnen auf! Gebt's auf! Weicht aus dem Divan! Der Himmel weiß, daß jene Zungen lügen, Die mich der Härte zeihn und Grausamkeit. --Ich bin nicht grausam. Frei nur will ich leben; Bloß keines Andern will ich sein; dies Recht, Das auch dem allerniedrigsten der Menschen Im Leib der Mutter anerschaffen ist, Will ich behaupten, eines Kaisers Tochter. Ich sehe durch ganz Asien das Weib Erniedrigt und zum Sklavenjoch verdammt, Und rächen will ich mein beleidigtes Geschlecht An diesem stolzen Männervolke, dem Kein andrer Vorzug vor dem zärtern Weibe Als rohe Stärke ward. Zur Waffe gab Natur mir den erfindenden Verstand Und Scharfsinn, meine Freiheit zu beschützen. --Ich will nun einmal von dem Mann nichts wissen, Ich hass' ihn, ich verachte seinen Stolz Und Übermuth--Nach allem Köstlichen Streckt er begehrlich seine Hände aus; Was seinem Sinn gefällt, will er besitzen. Hat die Natur mit Reizen mich geschmückt, Mit Geist begabt--warum ist's denn das Loos Des Edeln in der Welt, daß es allein Des Jägers wilde Jagd nur reizt, wenn das Gemeine In seinem Unwerth ruhig sich verbirgt? Muß denn die Schönheit eine Beute sein Für Einen? Sie ist frei, so wie die Sonne, Die allbeglückend herrliche, am Himmel, Der Quell des Lichts, die Freude aller Augen, Doch Keines Sklavin und Leibeigenthum.

Kalaf. So hoher Sinn, so seltner Geistesadel In dieser göttlichen Gestalt! Wer darf Den Jüngling schelten, der sein Leben Für solchen Kampfpreis freudig setzt!--Wagt doch Der Kaufmann um geringe Güter Schiff Und Mannschaft an ein wildes Element; Es jagt der Held dem Schattenbild des Ruhms Durchs blut'ge Feld des Todes nach--Und nur Die Schönheit wär' gefahrlos zu erwerben, Die aller Güter erstes, höchstes ist? Ich also zeih' Euch keiner Grausamkeit; Doch nennt auch Ihr den Jüngling nicht verwegen Und haßt ihn nicht, weil er mit glühnder Seele Nach dem Unschätzbaren zu streben wagt! Ihr selber habt ihm seinen Preis gesetzt, Womit es zu erkaufen ist--die Schranken Sind offen für den Würdigen--Ich bin Ein Prinz, ich hab' ein Leben dran zu wagen. Kein Leben zwar des Glücks; doch ist's mein Alles, Und hätt' ich's tausendmal, ich gäb' es hin.

Zelima (leise zu Turandot).


Turandot, Prinzessin von China - 6/20

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