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- Venetianische Epigramme - 3/9 -Wie sie Paul Veronese mit Bechern dem Bräutigam sendet, Dessen Gäste, getäuscht, Wasser genießen für Wein.
XXXVII. Wie, von der künstlichsten Hand geschnitzt, das liebe Figürchen, Weich und ohne Gebein, wie die Moluska nur schwimmt! Alles ist Glied, und Alles Gelenk, und Alles gefällig, Alles nach Maßen gebaut, Alles nach Willkür bewegt. Menschen hab' ich gekannt, und Thiere, so Vögel als Fische, Manches besondre Gewürm, Wunder der großen Natur; Und doch staun' ich dich an, Bettine, liebliches Wunder, Die du Alles zugleich bist, und ein Engel dazu.
XXXVIII. Kehre nicht, liebliches Kind, die Beinchen hinauf zu dem Himmel; Jupiter sieht dich, der Schalk, und Ganymed ist besorgt.
XXXIX. Wende die Füßchen zum Himmel nur ohne Sorge! Wir strecken Arme betend empor; aber nicht schuldlos, wie du.
XL. Seitwärts neigt sich dein Hälschen. Ist das ein Wunder? Es träget Oft dich Ganze; du bist leicht, nur dem Hälschen zu schwer. Mir ist sie gar nicht zuwider die schiefe Stellung des Köpfchens; Unter schönerer Last beugte kein Nacken sich je.
XLI. So verwirret mit dumpf willkürlich verwebten Gestalten, Höllisch und trübe gesinnt, Breughel den schwankenden Blick; So zerrüttet auch Dürer mit apokalyptischen Bildern, Menschen und Grillen zugleich, unser gesundes Gehirn; So erreget ein Dichter, von Sphinxen, Sirenen, Centauren Singend mit Macht Neugier in dem verwunderten Ohr; So beweget ein Traum den Sorglichen, wenn er zu greifen, Vorwärts glaubet zu gehn, Alles veränderlich schwebt: So verwirrt uns Bettine, die holden Glieder verwechselnd; Doch erfreut sie uns gleich, wenn sie die Sohlen betritt.
XLII. Gern überschreit' ich die Gränze, mit breiter Kreide gezogen. Macht sie Bottegha, das Kind, drängt sie mich artig zurück.
XLIII. "Ach! mit diesen Seelen, was macht er? Jesus Maria! Bündelchen Wäsche sind das, wie man zum Brunnen sie trägt. Wahrlich, sie fällt! Ich halt' es nicht aus! Komm, gehn wir! Wie zierlich! Sieh nur, wie steht sie! wie leicht! Alles mit Lächeln und Lust!" Altes Weib, du bewunderst mit Recht Bettinen; du scheinst mir Jünger zu werden und schön, da dich mein Liebling erfreut.
XLIV. Alles seh' ich so gerne von dir; doch seh' ich am liebsten, Wenn der Vater behend über dich selber dich wirft, Du dich im Schwung überschlägst und, nach dem tödtlichen Sprunge, Wieder stehest und läufst, eben ob nichts wär' geschehn.
XLV. Schon entrunzelt sich jedes Gesicht; die Furchen der Mühe, Sorgen und Armuth fliehn, Glückliche glaubt man zu sehn. Dir erweicht sich der Schiffer, und klopft dir die Wange; der Seckel Thut sich dir kärglich zwar, aber er thut sich doch auf, Und der Bewohner Venedigs entfaltet den Mantel, und reicht dir, Eben als flehtest du laut bey den Mirakeln Antons, Bey des Herrn fünf Wunden, dem Herzen der seligsten Jungfrau, Bey der feurigen Qual, welche die Seelen durchfegt. Jeder kleine Knabe, der Schiffer, der Höke, der Bettler Drängt sich, und freut sich bey dir, daß er ein Kind ist, wie du.
XLVI. Dichten ist ein lustig Metier; nur find' ich es theuer: Wie dies Büchlein mir wächst, gehn die Zechinen mir fort.
XLVII. "Welch ein Wahnsinn ergriff die Müßigen? Hältst du nicht inne? Wird dies Mädchen ein Buch? Stimme was Klügeres an!" Wartet, ich singe die Könige bald, die Großen der Erde, Wenn ich ihr Handwerk einst besser begreife, wie jetzt. Doch Bettinnen sing' ich indeß; denn Gaukler und Dichter Sind gar nahe verwandt, suchen und finden sich gern.
XLVIII. Böcke, zur Linken mit euch! so ordnet künftig der Richter: Und ihr Schäfchen, ihr sollt ruhig zur Rechten mir stehn! Wohl! Doch eines ist noch von ihm zu hoffen; dann sagt er: Seyd, Vernünftige, mir grad' gegenüber gestellt!
XLIX. Wißt ihr, wie ich gewiß zu Hunderten euch Epigramme Fertige? Führet mich nur weit von der Liebsten hinweg!
L. Alle Freyheits=Apostel, sie waren mir immer zuwider; Willkür suchte doch nur Jeder am Ende für sich. Willst du Viele befreyn, so wag' es Vielen zu dienen. Wie gefährlich das sey; willst du es wissen? Versuch's!
LI. Könige wollen das Gute, die Demagogen desgleichen, Sagt man; doch irren sie sich: Menschen, ach, sind sie, wie wir. Nie gelingt es der Menge, für sich zu wollen; wir wissens: Doch wer verstehet, für uns Alle zu wollen; Er zeig's.
LII. Jeglichen Schwärmer schlagt mir an's Kreuz im dreyßigsten Jahre; Kennt er nur einmal die Welt, wird der Betrogne der Schelm.
LIII. Frankreichs traurig Geschick, die Großen mögen's bedenken; Aber bedenken fürwahr sollen es Kleine noch mehr. Große gingen zu Grunde: doch wer beschützte die Menge Gegen die Menge? Da war Menge der Menge Tyrann.
LIV. Tolle Zeiten hab' ich erlebt, und hab' nicht ermangelt, Selbst auch thöricht zu seyn, wie es die Zeit mir gebot.
LV. Sage, thun wir nicht recht? Wir müssen den Pöbel betrügen. Sieh nur, wie ungeschickt, sieh nur, wie wild er sich zeigt! Ungeschickt und wild sind alle rohen Betrognen; Seyd nur redlich, und so führt ihn zum Menschlichen an.
LVI. Fürsten prägen so oft auf kaum versilbertes Kupfer Ihr bedeutendes Bild; lange betrügt sich das Volk. Schwärmer prägen den Stempel des Geist's auf Lügen und Unsinn; Wem der Probierstein fehlt, hält sie für redliches Gold.
LVII. Jene Menschen sind toll, so sagt ihr von heftigen Sprechern, Die wir in Frankreich laut hören auf Straßen und Markt. Mir auch scheinen sie toll; doch redet ein Toller in Freyheit Weise Sprüche, wenn, ach! Weisheit im Sklaven verstummt.
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