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- Venetianische Epigramme - 4/9 -


LVIII.

Lange haben die Großen der Franzen Sprache gesprochen, Halb nur geachtet den Mann, dem sie vom Munde nicht floß. Nun lallt alles Volk entzückt die Sprache der Franken. Zürnet, Mächtige, nicht! Was ihr verlangtet, geschieht.

LIX.

"Seyd doch nicht so frech, Epigramme!" Warum nicht? Wir sind nur Ueberschriften; die Welt hat die Kapitel des Buchs.

LX.

Wie dem hohen Apostel ein Tuch voll Thiere gezeigt ward, Rein und unrein, zeigt, Lieber, das Büchlein sich dir.

LXI.

Ein Epigramm, ob wohl es gut sey? Kannst du's entscheiden? Weiß man doch eben nicht stets, was er sich dachte, der Schalk.

LXII.

Um so gemeiner es ist, und näher dem Neide, der Mißgunst; Um so mehr begreifst du das Gedichtchen gewiß.

LXIII.

Chloe schwöret, sie liebt mich; ich glaub's nicht. Aber sie liebt dich! Sagt mir ein Kenner. Schon gut; glaubt' ich's, da wär es vorbey.

LXIV.

Niemand liebst du, und mich, Philarchos liebst du so heftig. Ist denn kein anderer Weg, mich zu bezwingen, als der?

LXV.

Ist denn so groß das Geheimniß,was Gott und der Mensch und die Welt sey? Nein! Doch Niemand hört's gerne; da bleibt es geheim.

LXVI.

Vieles kann ich ertragen. Die meisten beschwerlichen Dinge Duld' ich mit ruhigem Muth, wie es ein Gott mir gebeut. Wenige sind mir jedoch wie Gift und Schlange zuwider; Viere: Rauch des Tabacks, Wanzen und Knoblauch und †

LXVII.

Längst schon hätt' ich euch gern von jenen Thierchen gesprochen, Die so zierlich und schnell fahren dahin und daher. Schlängelchen scheinen sie gleich, doch viergefüßet; sie laufen, Kriechen und schleichen, und leicht schleppen die Schwänzchen sie nach. Seht, hier sind sie! und hier! Nun sind sie verschwunden! Wo sind sie? Welche Ritze, welch Kraut nahm die Entfliehenden auf? Wollt ihr mir's künftig erlauben, so nenn' ich die Thierchen Lacerten; Denn ich brauche sie noch oft als gefälliges Bild.

LXVIII.

Wer Lacerten gesehn, der kann sich die zierlichen Mädchen Denken, die über den Platz fahren dahin und daher. Schnell und beweglich sind sie, und gleiten, stehen und schwatzen, Und es rauscht das Gewand hinter den Eilenden drein. Sieh, hier ist sie! und hier! Verlierst du sie einmal, so suchst du Sie vergebens; so bald kommt sie nicht wieder hervor. Wenn du aber die Winkel nicht scheust, nicht Gäßchen und Treppchen, Folg' ihr, wie sie dich lockt, in die Spelunke hinein!

LXIX.

Was Spelunke nun sey, verlangt ihr zu wissen? Da wird ja Fast zum Lexikon dies epigrammatische Buch. Dunkele Häuser sind's in engen Gäßchen; zum Kaffee Führt dich die Schöne, und sie zeigt sich geschäftig, nicht du.

LXX.

Zwey der feinsten Lacerten, sie hielten sich immer zusammen; Eine beynahe zu groß, eine beynahe zu klein. Siehst du Beyde zusammen, so wird die Wahl dir unmöglich; Jede besonders, sie schien einzig die Schönste zu seyn.

LXXI.

Heilige Leute, sagt man, sie wollten besonders dem Sünder Und der Sünderin wohl. Geht's mir doch eben auch so.

LXXII.

Wär' ich ein häusliches Weib, und hätte, was ich bedürfte, Treu seyn wollt' ich und froh, herzen und küssen den Mann. So sang, unter andern gemeinen Liedern, ein Dirnchen Mir in Venedig, und nie hört' ich ein frömmer Gebet.

LXXIII.

Wundern kann es mich nicht, daß Menschen die Hunde so lieben, Denn ein erbärmlicher Schuft ist, wie der Mensch, so der Hund.

LXXIV.

Frech wohl bin ich geworden; es ist kein; Wunder, Ihr Götter, Wißt, und wißt nicht allein, daß ich auch fromm bin und treu.

LXXV.

Hast du nicht gute Gesellschaft gesehn? Es zeigt uns dein Büchlein Fast nur Gaukler und Volk, ja was noch niedriger ist. Gute Gesellschaft hab' ich gesehn, man nennt sie die gute, Wenn sie zum kleinsten Gedicht keine Gelegenheit gibt.

LXXVI.

Was mit mir das Schicksal gewollt? Es wäre verwegen, Das zu fragen; denn meist will es mit Vielen nicht viel. Einen Dichter zu bilden, die Absicht wär' ihm gelungen, Hätte die Sprache sich nicht unüberwindlich gezeigt.

LXXVII.

Mit Botanik gibst du dich ab? mit Optik? Was thust du? Ist es nicht schönrer Gewinn, rühren ein zärtliches Herz? Ach, die zärtlichen Herzen! Ein Pfuscher vermag sie zu rühren; Sey es mein einziges Glück, dich zu berühren, Natur!

LXXVIII.

Weiß hat Newton gemacht aus allen Farben. Gar Manches Hat er euch weis gemacht, das ihr ein Sekulum glaubt.

LXXIX.

"Alles erklärt sich wohl," so sagt mir ein Schüler, "aus jenen Theorien, die uns weislich der Meister gelehrt." Habt ihr einmal das Kreuz von Holze tüchtig gezimmert, Passt ein lebendiger Leib freylich zur Strafe daran.

LXXX.

Wenn auf beschwerlichen Reisen ein Jüngling zur Liebsten sich windet, Hab' er dies Büchlein; es ist reizend und tröstlich zugleich. Und erwartet dereinst ein Mädchen den Liebsten, sie halte Dieses Büchlein, und nur, kommt er, so werfe sie's weg.

LXXXI.

Gleich den Winken des Mädchens, des eilenden, welche verstohlen Im Vorbeygehn nur freundlich mir streifet den Arm, So vergönnt, ihr Musen, dem Reisenden kleine Gedichte: O, behaltet dem Freund größere Gunst noch bevor!


Venetianische Epigramme - 4/9

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