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- Immensee - 1/8 -


IMMENSEE

VON

THEODOR W. STORM

VORREDE

Wir befinden uns am Anfang einer neuen Ära, deren hauptsächliches Kennzeichen hoffentlich eine allgemeine Annäherung der Nationen unter einander sein wird. Immer mehr wird es als Notwendigkeit empfunden, daß wir uns gegenseitig besser kennen und verstehen lernen. Daraus ergiebt sich, daß das Erlernen der fremden Sprachen immer eine wichtigere Rolle spielen wird; denn soweit die Sprache, die Literatur und die Musik in Betracht kommen, kann man mit vollem Recht behaupten: fas est et ab hoste doceri.

Also werden diejenigen, welche sich mit der Sprache irgend eines Nachbarvolkes vertraut machen wollen, oder ihre vor längerer Zeit erworbenen Kenntnisse schon teilweise verlernt haben sollten, diese Ausgabe willkommen heißen, welche sie in den Stand setzen wird, derartigen Sprachstudien die Zeit zu widmen, über welche sie im Laufe des Tages für solche Zwecke verfügen können, ohne auf große und schwere Wörterbücher angewiesen zu sein.

Die Wahl der Texte hat nicht nur ihr literarischer Wert beeinflußt, sondern auch die Nützlichkeit ihres Wortschatzes, und gleicherweise im Bezug auf die Übersetzungen wurde es bezweckt, mit einem vornehmen Stil die möglichste Worttreue zu vereinigen.

EINLEITUNG

THEODOR W. STORM, Dichter und Novellist (1817-1888), stammte aus Schleswig, ließ sich 1842 als Advokat in seiner Vaterstadt Husum nieder, verlor aber 1853 als „Deutschgesinnter" sein Amt, und mußte sich nach Deutschland wenden. Erst 1864 durfte er nach Husum zurückkehren, wo er 1874 zum Oberamtsrichter befördert wurde.

Schon 1843 machte er sich als Lyriker und Romantiker bekannt, nahm aber erst als Novellist eine hervorragende Stellung ein, und zwar als er 1852 mit der Erzählung Immensee aufs glücklichste debütierte.

In der langen Reihe von phantasie- und gemütsreichen Novellen, die darauf folgten, und deren Stoff meist aus dem ländlichen und bürgerlichen Kleinleben seiner nächsten Umgebung entnommen ist, hat er nichts geschrieben, das diese anmutige Erzählung an Tiefe und Zartheit der Empfindung übertrifft; und ist die deutsche Literatur an Novellendichtung außerordentlich reich, so zählt doch Storm überhaupt noch heute unter den Meistern.

DER ALTE

An einem Spätherbstnachmittage ging ein alter wohlgekleideter Mann langsam die Straße hinab. Er schien von einem Spaziergange nach Hause zurückzukehren, denn seine Schnallenschuhe, die einer vorübergegangenen Mode angehörten, waren bestäubt.

Den langen Rohrstock mit goldenem Knopf trug er unter dem Arm; mit seinen dunklen Augen, in welche sich die ganze verlorene Jugend gerettet zu haben schien, und welche eigentümlich von den schneeweißen Haaren abstachen, sah er ruhig umher oder in die Stadt hinab, welche im Abendsonnendufte vor ihm lag.

Er schien fast ein Fremder, denn von den Vorübergehenden grüßten ihn nur wenige, obgleich mancher unwillkürlich in diese ernsten Augen zu sehen gezwungen wurde.

Endlich stand er vor einem hohen Giebelhause still, sah noch einmal in die Stadt hinaus und trat dann in die Hausdiele. Bei dem Schall der Türglocke wurde drinnen in der Stube von einem Guckfenster, welches nach der Diele hinausging, der grüne Vorhang weggeschoben und das Gesicht einer alten Frau dahinter sichtbar. Der Mann winkte ihr mit seinem Rohrstock.

„Noch kein Licht!" sagte er in einem etwas südlichen Akzent, und die Haushälterin ließ den Vorhang wieder fallen.

Der Alte ging nun über die weite Hausdiele, durch einen Pesel, wo große eichene Schränke mit Porzellanvasen an den Wänden standen; durch die gegenüberstehende Tür trat er in einen kleinen Flur, von wo aus eine enge Treppe zu den obern Zimmern des Hinterhauses führte. Er stieg sie langsam hinauf, schloß oben eine Tür auf und trat dann in ein mäßig großes Zimmer.

Hier war es heimlich und still; die eine Wand war fast mit Repositorien und Bücherschränken bedeckt, an den andern hingen Bilder von Menschen und Gegenden; vor einem Tisch mit grüner Decke, auf dem einzelne aufgeschlagene Bücher umherlagen, stand ein schwerfälliger Lehnstuhl mit rotem Samtkissen.

Nachdem der Alte Hut und Stock in die Ecke gestellt hatte, setzte er sich in den Lehnstuhl und schien mit gefalteten Händen von seinem Spaziergange auszuruhen. Wie er so saß, wurde es allmählich dunkler; endlich fiel ein Mondstrahl durch die Fensterscheiben auf die Gemälde an der Wand, und wie der helle Streif langsam weiter rückte, folgten die Augen des Mannes unwillkürlich.

Nun trat er über ein kleines Bild in schlichtem schwarzem Rahmen. „Elisabeth!" sagte der Alte leise; und wie er das Wort gesprochen, war die Zeit verwandelt: er war in seiner Jugend.

* * * * *

DIE KINDER

Bald trat die anmutige Gestalt eines kleinen Mädchens zu ihm. Sie hieß Elisabeth und mochte fünf Jahre zählen, er selbst war doppelt so alt. Um den Hals trug sie ein rotseidenes Tüchelchen; das ließ ihr hübsch zu den braunen Augen.

„Reinhard!" rief sie, „wir haben frei, frei! den ganzen Tag keine Schule, und morgen auch nicht."

Reinhard stellte die Rechentafel, die er schon unterm Arm hatte, flink hinter die Haustür, und dann liefen beide Kinder durchs Haus in den Garten und durch die Gartenpforte hinaus auf die Wiese. Die unverhofften Ferien kamen ihnen herrlich zustatten.

Reinhard hatte hier mit Elisabeths Hilfe ein Haus aus Rasenstücken aufgeführt; darin wollten sie die Sommerabende wohnen; aber es fehlte noch die Bank. Nun ging er gleich an die Arbeit; Nägel, Hammer und die nötigen Bretter waren schon bereit.

Während dessen ging Elisabeth an dem Wall entlang und sammelte den ringförmigen Samen der wilden Malve in ihre Schürze; davon wollte sie sich Ketten und Halsbänder machen; und als Reinhard endlich trotz manches krumm geschlagenen Nagels seine Bank dennoch zustande gebracht hatte und nun wieder in die Sonne hinaustrat, ging sie schon weit davon am andern Ende der Wiese.

„Elisabeth!" rief er, „Elisabeth!" und da kam sie, und ihre Locken flogen.

„Komm," sagte er, „nun ist unser Haus fertig. Du bist ja ganz heiß geworden; komm herein, wir wollen uns auf die neue Bank setzen. Ich erzähl' dir etwas."

Dann gingen sie beide hinein und setzten sich auf die neue Bank. Elisabeth nahm ihre Ringelchen aus der Schürze und zog sie auf lange Bindfäden; Reinhard fing an zu erzählen: „Es waren einmal drei Spinnfrauen--" [Fußnote: So fängt ein wohlbekanntes Märchen von den Gebrüdern Grimm an.]

„Ach," sagte Elisabeth, „das weiß ich ja auswendig; du mußt auch nicht immer dasselbe erzählen."

Da mußte Reinhard die Geschichte von den drei Spinnfrauen stecken lassen, und statt dessen erzählte er die Geschichte von dem armen Mann, der in die Löwengrube geworfen war.

„Nun war es Nacht," sagte er, „weißt du? ganz finstere, und die Löwen schliefen. Mitunter aber gähnten sie im Schlaf und reckten die roten Zungen aus; dann schauderte der Mann und meinte, daß der Morgen komme. Da warf es um ihn her auf einmal einen hellen Schein, und als er aufsah, stand ein Engel vor ihm. Der winkte ihm mit der Hand und ging dann gerade in die Felsen hinein."

Elisabeth hatte aufmerksam zugehört. „Ein Engel?" sagte sie: „Hatte er denn Flügel?"

„Es ist nur so eine Geschichte," antwortete Reinhard; „es gibt ja gar keine Engel."

„O pfui, Reinhard!" sagte sie und sah ihm starr ins Gesicht.

Als er sie aber finster anblickte, fragte sie ihn zweifelnd: „Warum sagen sie es denn immer? Mutter und Tante und auch in der Schule?"

„Das weiß ich nicht," antwortete er.

„Aber du," sagte Elisabeth, „gibt es denn auch keine Löwen?"

„Löwen? Ob es Löwen gibt? In Indien; da spannen die Götzenpriester sie vor den Wagen und fahren mit ihnen durch die Wüste. Wenn ich groß bin, will ich einmal selber hin. Da ist es viel tausendmal schöner als hier bei uns; da gibt es gar keinen Winter. Du mußt auch mit mir. Willst du?"

„Ja," sagte Elisabeth; „aber Mutter muß dann auch mit, und deine Mutter auch."

„Nein," sagte Reinhard, „die sind dann zu alt, die können nicht mit."

„Ich darf aber nicht allein."

„Du sollst schon dürfen; du wirst dann wirklich meine Frau, und dann haben die andern dir nichts zu befehlen."

„Aber meine Mutter wird weinen."


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